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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-07-20 · Heft 25 (20.7.1885) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 25 (20.7.1885)
Date
1885-07-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Bericht Lbkr die Thätigkeit der israrl. AUisnx xu Wien im Jahre 1884. Dem vom Vorstände der Wiener israelitischen Allianz uns zugesandten 12. Zahresberichle entnehmen wir Folgendes über die segensreiche Thätigkeit dieses schönen Vereines: Schon seit Zahlen beschäftigen wir uns mit der Frage, aus welche Weise die traurige Lage unserer Glaubensgenossen in Galizien verbessert werden könnte. Wir hatten uns zu diesem Zwecke mit den dortigen maßgebendsten Persönlichkeiten in Verbinduug gesetzt, welche uns Vorscdläge betreffs der Hebung des Schulwesens, Zuführung der Zugend zum Handwerk und Ackerbau u. s. w. machen sollten. Allein so schätzbar anch das uns gelkeserte Materiale war, so wurden wir doch bald inne, dass die in Galizien noch sehr chaotisch liegenden Verbältniße unserer Glaubensgenossen ein unmittelbares Eingreifen erheischen, dass hier nur eine Autopsie Klarheit für eine nur irgendwie ersprießliche Thätigkeit liefern könne. Wir sandten daher im Frühling 1884 unfern Vereins-Secretär nach Galizien, welcher die wichtigsten Städte dieses Landes besuchte, daselbst mit den heterogensten Elementen in Verbindung trat und das für unsere Zwecke nöthige Materiale sammelte. Einen Auszug des diesfalls gelieferten Berichtes haben wir in unfern September-Mittheilungen 1884 gegeben, und gestatten wir uns daher, uns auf dieselben zu berufen. Was zunächst die Hebung des im Argen liegenden Unterrichtswesens anbelangt, so mussten wir unser Hauptaugenmerk auf zwei im schroffsten Gegensätze zu einander stehende Factoren, auf das sogenannte Cheder und auf die öffentliche Schule richten. Zm Cheder wird unter den sanitätswidrigsten Verhältnißen vom Morgen bis zum Abend nur das Hebräische gelehrt, jeder Unterricht in den profanen Gegenständen ist hier ausgeschlossen; dagegen wackfen die die öffentlichen Schulen besuchenden Kinder vielfach ohne jeden Religionsunterricht auf, da nur in wenigen Fällen Neligiouslehrer an diesen Schulen wirken. Es ist also dringend geboten, die Pforten des Oüsdsrs dem profanen und jene der öffentlichen Schule dem Neligionsunterrichte zu erschließen, was allerdings leichter geplant, als durchgeführt ist, da sich solchen Bestrebungen große, ans den traurigen Parteiverhältnißen sich ergebende Schwierigkeiten hindernd in den Weg stellen. Nach beiden Richtungen haben wir Anregungen und unsere Geneigtheit, opferwillig die Sache fördern zu wollen, zu erkennen gegeben. Und wenn anch der Erfolg nicht sofort ein durchschlagender gewesen — wie er es denn auch unter den obwaltenden Verhältnißen Nichtsein konnte — so dürfen wir doch heute schon die zuversichtliche Hoffnung aussprechen, dass die von uns nunmehr mit Nachdruck begonnene culturelle Thätigkeit in Galizien in nicht zu ferner Zukunft die erhofften Früchte tragen werde, da wir ja kein anderes Streben verfolgen, als die Segnungen der Cultur und der gesunden Arbeit nach jenen Stätten zu verpflanzen, welche bisher denselben verschlossen blieben. Da aber die Gründung von confessionellen Schulen, in denen wie dies allenthalben der Fall ist, der hebräische Unterrich ein verringerterer als im Oüsder wäre, auf unüberwindliche Hinderniße stoßen würde, mussten wir einen andern, allerdings einfachen, dafür aber sicheren Erfolg versprechenden Modus .acceptiren, und zwar die N'.oraanilalion dcs Osteders. Dies Reorganisation soll nun darin bestehen, dass die zahlreiche, dem Clieder verfallene, Jugend vor Allem den dumpfen, engen, vergifteten Räumen, in denen sie zumeist schmachtet, entrissen und in gesunden Lvcalen untergebracht werde, wo sie täglich einen dreistündigen, von gut geschulten Pädagogen zu ertheilenden Unterricht in sämmtlichen Volksschulgegenständen erhalten soll' Unter den bestehenden Verhältnißen dünkte uns dieser Modus als der einzig richtige, welcher, wenn er im ganzen Lande energisch und consequeiit dnrchgesührt wild, in wenigen Jahren eine geräuschlose und deshalb wirksame Wendung zum Bessern erzielen muss. — Dir vrrritelte Ehescheidung. ,Drum prüfe, wer sich ewig bindet, Ob sich das Herz zum Herzen findet! Der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang.* Dort wo die Gemarkungen der beiden Nachbarländer, etwa wie Zwillingsschwestern sich in eins verschmelzen, und wo das böhmisch-mährische Plateaux allmälig den Charakter des wellenförmigen Hügellandes fast verliert und stellenweise der Ebene weichen muss, ohne viel an seiner Romantik einzubüßen, indem noch hie und da der Wald einzelne Partien der Landschaft in grünes Dunkel hüllt, dessen Bäume, umrankt von verschiedenen Schmarozerpflanzen, die an die Lianen der Urwälder Amerika's erinnern, von Zeit zu Zeit ihre Häupter bedächtig wiegen und deren geheimnisvolles Geflüster das Menschenherz sehr leicht melancholisch zu stimmen vermag, dort hatten sie sich durch einen seltsamen Umstand kennen gelernt. Eines Tages ließ Z., der sein 24. Lebensjahr zurückgelegt hatte, anspanneu, und als er eben durch den bezeichneten Wald fuhr, um über die Grenze Böhmens zu setzen, bot sich ihm ein sonderbares Schauspiel dar. Mitten auf der Straße hemmte eine Menge zerlumpter Zigeunerkinder, die ein bildhübsches, etwa sechzehnjähriges Mädchen um eine Gabe bettelnd umringten und nicht von der Stelle ließen, trotzdem das Mädchen all' ihr Klein geld berei.s unter der Rotte vertheilt, seinen Weg. Z. stieg vom Wagen und sich mit Gewalt Bahn brechend, gelangte er, die Pferde am Zügel nachsührend, bis zudem bedrohten Mädchen. Aber da tauchten hie und da die athletischen Gestalten der braunen Söhne Asiens, die im Walde ihr Lager ansgeschlagen hatten, zwischen den Bäumen mit trotziger Haltung hervor. Bevor aber noch dieselben den Kinderkreis erreichen konnten, hatte Z. das bewusstlose Mädchen in den Wagen geschoben, sprang selbst nach und jagte mit rasender Eile davon. Einzelne Schüsse krachten wohl hinterdrein, doch verfehlten sie ihr Ziel. Außer dem Bereiche der Gefahr, erholte sich das Mädchen, welches sich S. nannte, von ihrem Schrecken, und da erfuhr Z., dass es, wie oft schon, den Weg durch den Wald anstandslos zurückgelegt, um ihre Verwandten zu besuchen, was ihr heute misglückt sei, doch hätten sie nur noch eine halbe Stunde zu ihrem Heimatsorte. Dabei dankte sie ihrem Beschützer in solch' freimüthiger, ungezwungener Weise, dass derselbe sich zu dem -Mädchen,-dessen Gestalt des Pinsels eines Raphael oder Tizian würdig gewesen wäre, mit nnmidersteblicher Gewalt hingezogen fühlte. Nach einer halben Stunde war das Elternhaus erreicht, und als die Eltern den Vorfall aus dem Munde ihres geliebten Kindes erfuhren, war es die nächste Folge, dass unser Held das Mädchen, welches er zärtlich liebte, nach zwei Jahren als Gattin über den 6ewussten Weg nach Hause führte.

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