Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 25 (20.7.1885)
- Date
- 1885-07-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 — der Urtheilenden dienen könnte. Wie verschieden auch die Urtheile z. B. über einen gemalten Rosenzweig ausfallen mögen: in Einem Hauptpunkte treffen sie alle zusammen; denn Jedermann hat natürliche Rosen gesehen, vergleicht die gemalten mit den nanirticheil, und sagt er nun sein Uriheil ans. so kann dies lehr nnknnstlerisck, dom unmöglich ganz falsch beranskomnien. Zwar liest man freilich auch oft genug: »Die Musik hat ihr Ur- und Vorbild in der inner» Welt der empfindenden Menschenbrust'; aber, haben wir dies auch vorläufig — bis zu einer fast abschreckenden Fülle von nöthigen näheren Bestimmungen — einzuräumen, so muss der Mensch doch die Veränderungen seines jedesmaligen Zustandes, die wir Empfindungen nennen, schon kennen, muss gewohnt sein, sie auch jetzt im Momente des Urtheilenö zum klaren Bewusstsein zu bringen, muss die schwierige Fertigkeit besitzen, sie in Begriffe zu fassen, will er über das uriheilen, was sie hervorbrachte, und in Worte, will e: cs aussprechen. Dass dies aber nicht eines Jeden Sache sei, und sein könne, das braucht kaum erwähnt zu werden. ,Wer das nicht kann, der soll nicht urtheilen.' Wohl wahr, aber er thul's doch. Za, bei weitem die Meisten, nach der nur allzubekannten Menschenschwäche, urtheilen über nichts lieber, über nichts schneller, als was sie nicht verstehen; denn bei dem, was sie verstehen, kennen sie das Schwierige, sowohl der Leistlingen, als des Urtheilrns. — .Nun, so Ihne jeder nur, dreist, rrischweg, wohin es ibn zi l1׳ und wie es ihm beliebt, verachtend jedes Urtheil leidiger Ersaui!1!:b.'lt!* So - sagst du, der du zwanzig Jahr'alt bist, oder erivas carüber: wenn du vierzig sein wirst, sprichst du anders; und bist du sechzig, so belächelst oder bereuest du, jemals so gesprochen zu haben. — Indessen ist es jetzt nicht unsere Absicht, bei den Urtheilen unbegrenzter Gesammtheit zu verweilen. Wir lassen diese auf sich selbst beruhen, und um nicht ohne Abschiedswort aus so großer Gesellschaft zu scheiden, wiederholen wir das nicht unbekannte: Ein Kunstwerk, das auf die Gesammtheit blos Empfindnngsfähiger, wie es auch um ihr Verhältnis zur Kunst stehe, gar nicht wirkt, ist gewiß nicht gut, obschon darum nicht schlecht; eins, das auf sie wirkt, gewiß nicht schlecht, obschon darum nicht gut; eins, das sie sogleich vollkommen znfriedenstellt, wenigstens nicht vortrefflich. Wir wenden uns zu den Urtheilen derer, welche man unter den Namen der Tonkünstler und Musiker, Kenner und Liebhaber der Tonkunst fasst, mithin derer, die empfindungsfähig, nicht blos im Allgemeinen, sondern besonders auch für Musik find, die über ihre Wirkungen an sich selbst mehr oder weniger Erfahrungen gemacht haben, auch über die Mittel, wodurch diese Kunst ihre Wirkungen hervorbringt, mehr oder weniger Kenntniße besitzen. Sollte man nicht von diesen einige Uebereinstimmung der Urtheile über Werke der Tonkunst, wenigstens über das Wesentliche derselben, erwarten? Die Erfahrung lehrt das Gegentheil; und wo sie sich über wenige der vortrefflichsten Werke dennoch findet, sie, diese Uebereinstimmung der Urtheile über ihr Wesentliches, da ist sie erst nach Verlauf geraumer Zeit von dieser selbst gleichsam aufgezwnngen worden. Diese Erscheinung ist so allgemein und offenkundig, dass es nicht einmal der Beispiele zu deren Erweise bedarf. Und wer diese dennoch verlangt, der denke nur an Gluck und Mozart. Woher nun diese Verschiedenheit der Urtheile selbst, in jenen Kreisen? Woher anders, als aus der Verschiedenheit derer, die sie ausfüllen? Sterne theilt die Reisenden, und, nach ihm, Jean Paul die Spaziergänger, in vier Elasten. In der ersten laufen, nach ihnen, die jämmerlichsten, die es aus Eitelkeit und Mode thun; in der zweiten, die Gelehrten, um sich eine Motion zu machen, und weniger, um zu genießen, als, um zu verdauen, was sie genossen haben. Zn der dritten sehen wir, die mit Augen der Landschaftmaler wandeln; in der vierten, die nicht blos ein künstlerische«, sondern ein geheiligtes Auge auf die Schöpfung fallen lassen, die in diese blühende Welt die zweite verpfianzen und unter die Geschöpfe den Schöpfer. Wir können die Musik- Hörenden und Beurkheilenden ähnlicher Weile in diese vier Elasten ordnen. Dass manches von ihnen Anzufnhrende auch auf die Beschauer der Werke anderer Künste, ja des Lebens selbst, sich anwenden lässt: das wird unseren Beirachtnngen keinen Schaden thun. Um die erste Elaste, die nur aus Eitelkeit und Mode Musik hört, Musik beurtheilt, auch wobl Musik macht, wollen wir uns nicht viel bekümmern; bekümmerl sie sich doch um uns ganz und gar nicht. Ihr ist Opernhaus und Concertsaal (auch das Gotteshaus, wenn in ihm musicirt wird), nichts, als ein geräumiger Platz, wo sich Leute wohlgekleidet und unbeschwert versammeln, um daun dagewesen zu sein und darüber mitsprechen zu können. Wie z. B. die Sängerin »geht', d. h. wie sie gekleidet ist, beschäftigt sie mehr, als was und wie sie singt; sie hätten einem Concerte Mozarts beiwohnen können, ohne etwas interessanter zu finden, als, dass Er, der so große, gewaltige Werke geliefert, ein so kleines, schwächliches Männchen war. Ihnen ist in der Musik Alles recht oder Alles unrecht, was, eben an diesem Tage, eben in dieser Gesellschaft von Ton, für recht oder unrecht erklärt wird; und der Ton, der rechte und feine, ist ihnen der. welchen die beliebteste Frau, der angesebenste Herr, eben an die'em Tage, in dieser Gesellschaft angibt. Es ist dies bei den Ni eisten nicht Beschränktheit, sondern freiwillige Beschränkung. Sie wollen nichts weiter sein und haben, wenn sie auch weit mehr sein und haben könnten. Sie meinen's nicht übel; sie meinen's gar nicht: sie meinen blos. Uebrigens^ findet man diese Musikliebhaber meistens unter Neichen und Vornehmen beider Geschlechter in großen Städten. Zn die zweite Elaste gehören, die aufmerksam, aber — darf man so sagen — blos mit dem Verstände hören. Sie wünschen, Kunstkenner genannt zu werden, und erreichen nicht selten ihren Wunsch. Manche von ihnen ziehen sich von Allem zurück, was heutiges Tages geschrieben und wie es vorgetragen wird. Es mißfällt ihnen dies Alles; warum? Weil es nicht so ist, wie vor vierzig, fünfzig Zähren, oder sonst in vergangener Zeit. Sie haben, wie gewisse Gelehrte mit dem Examen, ihren Cursus mit den Znnglingsjahren für die ganze Lebenszeit vollendet. Was sie damals entzückte, und vielleicht mit vollem Recht, das ist nun nicht blos gut, sondern allein gut. Bei dieser einseitigen Vorgunst kann die jetzige Musik, die so weit anders geworden, sie wenig berühren; und so Weniges kann man leicht sich selbst ableugnen. Die Letzteres nicht thun, sondern aufrichtiger verfahren, beziehen sich auf die geringe Wirkung jetziger, mit der ohne Vergleich stärkeren und innigeren, vormaliger Musik, bedenken aber nicht, dass ihr Urtheil blos von der Wirkung auf sie abgezogen ist; dass der Grund in ihnen liegt. Ihre Reizbarkeit ist vermindert, ihre Empfindung erkaltet: nun soll es der Musik an Reiz und Ausdruck fehlen. »Aber die Musik meiner Jugend entzückt mich ja noch immer, wenn ich sie höre!' Ist es aber auch wirklich die Musik, die dich da entzückt, und nicht vielmehr die Jugend, in die sie dich zurückversetzt; die Jugend, mit ihren tausend süßen Erinnerungen, die, wenn auch ohne klares Bewusstsein, ja, in ihrem unbestimmten Dunkel nur um so mächtiger, mit hinein spielt? F. L . . . . (Schluss folgt.)