Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 24 (11.7.1885)
- Date
- 1885-07-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— e — Kieme Chronik. LlMdenVurg. Zm Mai 1865 feierte der einzige Sohn eines hiesigen Kaufmanns die Hochzeit mit der reichen Tochter eines Realitäten-Besitzers aus der Nachbarfchaft. Der junge Ehemann, Hermann Haas, wurde von allen Freunden und Bekannten beglückwünscht und beneidet. Er galt als unternehmender Speculant und seine kühnsten Pläne schienen sich stets nach Wunsch zu realisiren. Der Ehrgeiz des jungen Mannes wurde dadurch immer mehr angespornt, er wollte mit einem Schlag ein reicher Mann werden und seinem geliebten Weibe, daS ihn nach einem Jahre mit einem Töchterchen erfreute, Schätze zu Füßen legen, um ihr Dasein zu verschönern. Einige gewagte Unternehmungen schlugen endlich fehl, und der Verlust konnte mit neuen Spekulationen gedeckt werden. Die Ausfälle waren jedoch immer größer, und es blieb nur noch ein gefährliches ״va bauque“ übrig, das so. unglücklich ausfiel, dass der waghalsige Spieler über Nacht zum Bettler wurde. Im Jahre 1867 war Haas plötzlich verschwunden, und Niemand hatte eine Spur davon, wohin sich der Vermisste gewendet und ob er in seiner Verzweiflung nicht gewaltsam seinem Leben ein Ende gemacht habe. Seine trostlose Gattin, welche keine Ahnung von dem finanziellen Ruine hatte, fand folgende Zeilen ihres Mannes: ,Geliebte Emma! Ich wollte Dich reich wissen und habe Dich zur Bettlerin gemacht. Die Verzweiflung treibt mich fort von Dir, von der Seite meines geliebten Kindes, hinaus in die Welt. Du siehst mich niemals wieder, wenn es mir nicht gelingt als Crösus zurückzukehren. Denke an Deinen Unglücklichen Hermann." — Seit jener Zeit sind 18 Jahre vergangen. Die arme Frau lebte mit ihrer Tochter Anna in dürftigen Ver' hältnißeu. Sie hatte sich in Lundenburg von dem Reste des Ver mögeus ihrer Eltern eine bescheidene Wohnung eingerichtet. Von ihrem Gatten konnte sie kein Lebenszeichen mehr erhalten, sie betrauerte ihn längst als Tobten. Kürzlich feierte die zwanzigjährige Tochter der Frau Haas ihre Verlobung mit einem armen, aber fleißigen und braven Handwerker. Die Familie saß beim Verlobungsmahl; das bräutliche Paar strahlte in vollstem Glücks als sich plötzlich die Thür öffnet und ein fremder Manu an der Schwelle derselben erscheint. Der Unbekannte war in einen langen, dunklen Mantel gehüllt und aus dem wettergebräunten Gesichte leuchteten ein Paar glühende Augen, welche mit ihren Blicken bald auf die Frau und bald auf deren Tochter fielen. Eren hatte sich Frau Haas erhoben, um den Fremden um die Ursache seines Erscheinens zu fragen, als dieser seinen Mantel abwarf, den breitränderigen Hut vom Kopfe schleuderte und, indem er seine Arme außbreitete, mit innigem Herzenstoue ausrief - ,Emma — meine Emma — kennst Du mich nicht mehr?' — Ein Aufschrei und die Frau lag in den Armen ihres heimgekehrten Mannes. Hermann Haas war nach 18jahriger Abwesenheit wieder in seine Heimat, zu seiner Familie zurückgekehrt. Er erwarb sich in Brasilien reiche Schätze, errichtete in San Paulo eine große Woll" Weberei und kam nun als Eröfus wieder zu seinem Weibe zurück, wie er es in seinem Briefe vor 18 Zähren vorhergesagt hatte. Es lässt sich renken, dass dieses Ereignis in dem Städtchen Lundenburg das allgemeine Tagesgespräch bildet und der Crösus aus Brasilien von seinen einstigen Freunden und Bekannten begrüßt und neugierig angestaunt wird. West. In voriger Nummer der Cantoren-Zeitung wurde in einer Budapester Correspondenz eine kurze Notiz über das nächst Sajo-Vamos verschwundene Kind gebracht. Nun liegt der offizielle Bericht des Miskolczer Staatsanwaltes über die Auffindung von Leichentheilen eines Kindes nächst Sajo-Vamos vor, der gewiss die Leser Ihres ^geschätzten Blattes interessiren wird: Am SO. Mai d. I. ist die 2'/-jährige Juliana Varga, Tochter des Bauers Josef Varga in Sajo-Vamos, verschwunden. Vater und Mutter waren d-s Morgens auf das Feld zur Arbeit gegangen und' hatten ihr genanntes Töchterchen mit noch zwei anderen 4 bis 5 Jahre alten Kindern in der Wohnung allein zurnckgelassen. Zwischen 7 und 9 Uhr Morgens verlangte die kleine Juliana hinaus und ist seitdem- , nicht wieder zurückgekehrt. Die Mutter kam gegen 10 Uhr Vor-׳ mittags nach Hause, sie begann gleich das Kind nach allen Richtungen hin. bei allen Nachbarn und selbst bei den entferntesten Einwohnerndes Dorfes zu suchen, doch Niemand wußte ihr Aufschluß zu geben, da sich die meisten Dorfleute des Morgens auf dem Felde befundenhaben. Die Elfern ließen das verlorene Kind austrommeln und machten auch beim Smhlrichter-Amte behufs Currentirung die Anzeige, jedoch ohne jeden Erfolg. Am 9. Juni fanden einige Bauern auf der in der Nähe des Dorfes befindlichen Heuwiese zwischen den Heuschobern drei Stücke eines menschlichen Schädels, ein Bündel Haare und einige zerfetzte Kleidungsstücke. Die Eltern der verlorenen Juliana erkanntenin den letzteren die Kleider - ihres Kindes, die Schädelstücke wurden von dem BezirkSarzte als die eines zwei- bis dreijährigen K ndes cvnstatirt, und es konnte als positiv angenommen werden, dass die gefundenen Leichenüberrest: die der verschwundenen Juliana Vargaseien. Die politische Behörde machte dann pflichtgemäß die Anzeige, worauf die Untersuchung an Ort und Stelle eingeleilet wurde. Nun kann es nicht geleugnet werden, dass man sich im Dorfe über das Verschwinden des Kindes Allerlei, erzählte, unter Anderm auch, dass das Kind von dem in der Nähe des Ortes wohnenden Sennyeer jüdischen Wirthe geschlachtet worden sei, besonders seitdem der fünf-? jährige Knabe des WirtheS einem vierzehnjährigen christlichen Burschen gesagt haben soll: ,Mein Vater hat die Juliana geschlachtet, ihr Blut in einer Flasche aufbewahrt und den Körper auf die Wiese —" darunter verstand er die herrschaftliche Wiese — getragen." Dies sollder fünfjährige Judenknabe dem vierzehnjährigen Christenburschen noch vor der Auffindung der erwähnten Leichentheile gesagt haben, und dieser Letztere bleibt auch heute bei dieser Behauptung. Nichtsdestoweniger konnte ich mit der Untersuchung nicht in die Richtung des ,rituellen Mordes' einlenken; solches darf nicht geglaubt werden, und mit einer Judenverfolgung wollte ich die Untersuchung auch nichr einleiten; ich hielt eS also für meine Pflicht, an der Hand des vorhandenen Materials in erster Reihe zu erforschen, wie das Kind auf die Heuwiese gelangt und was aus den nicht aufgefundenen Theilen der Leiche geworden ist? Die bisher gesammelten Daten der Untersuchung zeugen am ehesten dafür, dass sich die Sache wie folgt zugelragen habe. Das Kind wollte zu seiner Mutter auf das Feld gehen, verirrte sich aber in die in der unmittelbaren Nähe des Hauses befindliche Heuwiese, in der es mehrere sumpfige Stell n gibt, die mit Rohr bewachsen sind. Damals, Ende Mai, gab es da sumpfige Stellen, an denen der wässerige Morast bis auf einen halben Meter tief war.׳ Das Kind versank in dem Sumpf, konnte sich nicht mehr erheben und fand dort seinen Tod. Vier Tage später wurde die Wiese abgemäht, aber nicht die sumpfigen Stellen, wo das Rohr noch heute unberührt steht; so kam es, dass die Leiche des Kindes damals nich^ aufgesunden wurde. Als diese aber stark in Verwesung überzügehen anfing und einen starken Geruch verbreitete, wurden die zahlreich herumicrenden Hunde angelockt. Diese zerrten die Leiche aus dem Sumpfe, auf den Bäumen in der Nähe der Wiese nisten und flatterndie Raben zu Tausenden, mit diesen zusammen haben die Hunde die Leiche verzehrt. Für diese Annahme sprechen gar viele Thatsachen, von denenich hier die wichtigsten hervorhebe: 1. An einer Stelle, wo das Heu schon abgemäht ist, ist die Wiese zerstampft und mit Schmutz und Blut bedeckt. Hier haben die' Hunde die Leiche zerrissen.