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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-07-11 · Heft 24 (11.7.1885) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 24 (11.7.1885)
Date
1885-07-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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in diesem Verstände und nach diesen Beobachtungen, selbst da» Volkssprichwort gebildet: Gelebrte — Verkehrte! ־ Wo nun erber auch diese nachtbeiligen Verhältniße nicht eintreten, oder der Genius stark genug ist, sich selbst durch sie hindurckzukäuipfen: da bedarf er dock der Nahrung dnrck genaue Kenntnis und sorgfältiges Studium der trefflichsten, edelsten, größten Kunstwerke; sonst muß er ja Alles von vorn an, gleich׳!am die gesannnte Kunstgeschichte mit sich selbst durchmachen, oder er kann sich nicht aussprecheu, oder er wird es auf excentrische, ungehörige, unkenntliche Weise^ Abgerechnet nun, dass der blinde Musiker, was seine Geistesuabrnng betrifft, immer mehr oder weniger in der Hand des Zufalls und derer bleibt, dis ihn umgeben und versorgen: so entbehrt er, auch im Letzteren die allergünstigsten Verhältniße angenommen, des trefflichsten, ja eben für gewisse Hauptgattungen einzig binlänglichen Hilfsmittels — des eigenen Lesens*) weitläusiger Werke, als wodurch man doch erst recht in den Stand gesetzt wird, alle Theile und das Ganze zugleich klar vor die geistige Anschauung zu ziehen, und die sonst *) Die in den Vierziger-Jahren mit so großem Aufheben der Welt augekündigte und dann einige Zeit vielgepriesene Hauhsche Methode, Blinden Noten vorzulegen, die durchgedruckt, mithin auf der anderen Seite erhaben sind, und deshalb vermittelst des Tastens gelesen werden können: diese Methode ist zwar zu billigen, bedeutet aber, im Vergleich mit dem Lesen der Sehenden, und hier, wo die Rede zunächst'-von weitläufigen Partituren ist, fast gar nichts. In den allerdings merkwürdigen Pariser Blindencoiicerten sind die aufzufnhrenden Stücke blos durch Vorspielen eingelerut, und die vielen abgezehrten Jammergestalten unter diesen blinden Musikern, da sonst bekanntlich Blinde iu der Regel heiter und gesund aussehen, deuten überdies wohl auch — wenigstens auf Uebernehmeu und Treibhausknnste. Wie könnte es auch_ anders sein, z. B. bei einer Aufführung der ganzen Schöpfung Haydn's, wo aller Gesang und alle Instrumente einzig von Blinden besetzt und höchst präcis ausgeführt werden? Eben dies ist aber mehrmals in Paris zur Bewunderung öffentlich ausgestellt worden. * I vorüberrausckenden Töne so.lange festzuhalten, bis man sie er--! wogen und sich geistig zu eigen gemacht bat. Was auch ausgebildetet Verstand, verfeinter Sinn, lange Ucbung, fähigstes Gedächtnis zu diesem Behufe vermögen: es wird, es kann bei weitem nicht dasselbe Hervorbringen, was dies Lesen, im Wechsel mit dem Hören, hervvrbringt. Selbst das noch so oft wiederholte Anhölcn großer, reicher und tiefer Cvmpositionen, was dock auch nur höchstselten zu erreichen ist, wird dem Musiker noch nicht einmal das werden, was das bloße Sehen großer, ausgesührter Werke der Bildhauerkunst dem bildenden Künstler. So wie hier zum Sehen das Tasten kommen muß. so dort znm Hören das Sehen. Man nehme endlich noch dazu, dass, wenn fast jeder öffentlich auftlelende Künstler mehr oder weniger eitel, der öffentlich aufiretende Virtuos und Schauspieler aber, an lauten Beifall eben im Moment der größten Spannung und Gereiztheit gewöhnt, dies gewiß nicht am wenigsten, und der blinde cs (aus Ursachen, die ich gar nicht nöthig habe, erst anzusühren), gewohnlich doppelt so sehr ist und fast sein muß; dass Freude, Glück, Lebensgenuß also bei ihm, mehr vielleicht, als bei irgend einem Andern, von dem Eindruck abhängen, den seine Productioneu augenblicklich auf die Menge bervorbringen, jede gemischte Menge aber durch glückliche Besiegung von großen Schwierigkeilen im Mechanischen, die sie austauut, und nicht durch Geiltiges und Sinnvolles, was zu erkennen mau selbst Geist und Sinn haben muß, zu lautem Beifall gereizt wird: so wird mau, denk' icv, auch hierin einen Grund mehr siudeu, warum blinde Musiker vornehmlich auf bewundernswürdige Handhabung der Mittel der Knust hinznarbeiten — sich die Mittel zum Zweck zu setzen pflegen. welche die gcgenwärlige Zeit beansprucht, auch von den reinen, unversäischlen Lehren des Iudenthums durchdrungen sei. m. Nur noch wenige Monate sollte Judit im Pensiouate bleiben, denn die Großmutter ןebute sich nach ihrem persönlichen Umgang und bedurfte auch ihrer, um in der Leitung ihrer Haus- Haltung eine kräftige Unterstützung zu haben. Vom Geschäfte halte sich Mirjam bereits zurückgezogen, nachdem sie dasselbe einem ihrer Verwandten käuflich abgetreten; reichte doch ihr erworbenes Vermögen nicht nur aus, den Absud ibres Lebens sorglos zu gestalteir, sondern die hochherzige Mirjam konnte davon auch eine ansehnliche Summe als Mitgift für Judit anlegen. Diese benutzte die drei Monate, die ihr noch vor Schluss des Schuljahres, welche( immer vor dem Osterfeste endete, znm Aufenthalte irr der Pension bestimmt waren, dazu, alle Aufmerksamkeit ihren Ausgaben zuzurvenderr, damit ihr letztes Zeugnis die bereits erhaltenen an Vorzüglichkeil übertreffe. Der Winter war in diesem Jahre gar zu streng. Jrrdil stand an einem Samstag-Nachmittag unschlüssig mit Hut und Mantel irr der Hand, ob sie sich bei so grimmiger Kälte hinauswagen sollte, um ihrem Onkel mütterlicherseits, der in Berlin ein Bankgeschäft hatte, wieder einmal eiueu Besuch abzrrstalten. Wurde sie doch von der Tante und den Cousinen immer so dringend und liebenswürdig ersucht, sich bald wieder sehen zu lassen. Und heute waren die Fenster so vollständig gefroren, die dicken Eisblnmen, die sich aus denselben gebildet hatten, verriethen nur zu wohl, dass ein schneidend kalter Wind Eiskörnchen umherstieb und das, wenn auch nur spärlich erwärmende Sonnenlicht nicht zum Vorschein kommen ließ. Da öffnete Klara hastig die Thür und ries: ,Nur weiter, Frln. Bella, da steht Ihre Cousine Judik und überlegt, ob sie ihren zarten Teint dem Unwetter aussetzen solle. Wie nöthig lhäte dem kleinen Bücherwurm ein Ausgang. Sie bedarf gerade jetzt einer Zerstrerrrrrrg. da ihr das baldige Scheiden aus der Pension gar zu nahe geht und, weiß Gott, auch noch andere Skrupeln unsere einsilbige Judit plagen. Erkenne ich sie doch nickt mehr; was uützt ihre alle Liebenswürdigkeit, wenn ihr stets unterhaltendes Geplauder so vollständig versiegt ist." ,Ah, der Wortschwall meiner guten Klara lässt mir ja kaum Zeit, Dich liebe Bella, zu begrüßen", sagte Judit. .Sei mir herzlich willkommen, und nimm meinen Dank für Deine Liebenswürdigkeit, mich selbst abzuholen, wodurch Du wieder einmal den Beweis lieferst, dass Dir und den lieben Deiuigen mein Besuch nicht gleickgrlrig ist. Nimm nur einen Augenblick Platz, bald bin ich bereit, Dich zn begleiten." .O, sagte Bella, heule führt mich eine andere als die gewöhnliche Veranlassung zu Dir. Die Mama wünscht, dass Du den ganzen Abend bei uns verweilen mögest, da Bruder Max mit seinen Dir vielleicht noch nicht bekannten Studiergenossen das längst projectirte Liebhaberiheater zur Aufführung bringen wird. Schwester Sara und Rebecca Philippsohn wirken mit und können nicht genug prophezeien, wie glänzend ihr Spiel aussallen werde. Ersuche also Deine Vorsteberin, Dir die Erlanbuis zu ertheilen, uns den heutigen Abend widmen zu dürfcn. Papa wird sich selbst das Vergnügen machen, Dick iu unserer Equipage nach Hause zu begleiten, das füge gleichzeitig hinzu, damit Frl. W. vollständig unbesorgt sein könne." (Fortsetzung folgt.)

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