Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 24 (11.7.1885)
- Date
- 1885-07-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Ut'iwr lilinde Musiker. (Schluss.) Blinde Musiker, sollte man meinen, würden, im Vergleich mit sehenden, sich in ihren Productionen vornehmlich durch Schwung, Fülle und Originalität der Phantasie, sowie durch Innigkeit, Tiefe und Zartbeil d.׳s Gefühls anszeicknen; sie würden öfter, als jene, ganz eigene Wege einschlagen, und weit lieber dichtend sich ihrer Phantasie und ihren Gefühlen überlassen, als die Compositioncn Anderer mühsam einstudiren und vortragen. Gleichwohl hat man bei Allen, die seit 30 bis 40 Jahren in Deutschland sich bekannt gemacht haben,, fast ohne irgend eine Ausnahme das Gegentbeil gefunden. Au Mehreren hat man ein überaus schnell auffassendes, und noch öfter ein äußerst treu bewahrendes Gedächtnis, nicht selten außerordentliche Fertigkeit, Präcision, Nettigkeit des Spiels, wobi auch Sicherb.it, Fülle, Schönheit deS Tones — kurz, Alles zu bewundern bckommen, was man vom Virtuosen fordert: aber sehr wenig oder nichts von dem, was man zu diesem um noch wünscht; und selbst, was Manche cxtemporirteu, zeigte eher Alles׳, als was man, obiger Meinung nach, zunächst von ihnen erwarten durfte. Ich weiß keinen Grund anzugebeu, der diese Erfahrung bei allen blinden Musikern entscheidend erklärte. Vielleicht gibt eS auch keinen, sondern die Sache ist Wirkung von besondererr Umständen und invividucllen Vcrhältnißeu, die, wie verschieden sie auch im Zufälligen seiir mögen, doch im Wesentlichen, der gesammteu Lage der Blinden nach, sich ähnlich gestalten müssen, und so auf denselben Punkt binführeu. Mau erwäge Folgendes. Unter deir Bliüdgeborucn oder früh Eibiindclen wird das eigentliche, das schöpferische Kunstgeuie ja wohl nicht öfter sich finden, als unter den anderen Menschen, da diese ursprüngliche Vollkommenheit mit jenem Zustands in keinem Verhältnis stebt; weiter aber, als bis zu hobem Grade dessen, was man gemeiniglich Virtuosität nennt, lässt cs sich, auch bei trefflichem, allgemeinem Talent, bei erhöhtem und verfeinertem Gehörsinn, bei größtem Fleiß und ausgezeichnetem Geschick ohne Genie überhaupt nicht treiben. Wo nun aber selbst dieser Götterfunke eingeboren rubet, da muß ihm — wenn auch nicht Bahn gemacht, die er sich gewöhnlich selbst bricht, doch nicht eutgegengearbeitet, am allerwenigsten früh erngegeugcarbeitet werden, ebe er schon mehr oder weniger um sich gegriffen bat, wenn er nickt erstickt, oder doch znrückgedrängt, und damit allmälig bis zum kaum Bemerklichen geschwächt werden soll. Durch nichts wird ihm aber mehr und entscheidender entgegeugewirkt, als durch frühes, fast immerwäbrendes Beschäftigen blos mit dem Mechanischen und Technischen derselben Knust, in welcher er sonst hervorgebrochen sein würde, und durch frühes 1uo vielfältiges Auswendiglernen von.sebr verschiedenen Werken di!!er Kunst, obuc sonderliche Auswahl, außer eben wieder in Abjickt auf ihr Mechanisches und Technisches. Nun bemerke man, wie bei weitem die meisten blinden Kinder, wie auch die, welche für Musik mehr oder weniger bestimmt sind, bebandelt — oft möchte man sagen, abgerichtet werden: und mau wird schon bieraus sich jene Erscheinung au vielen blinden Virtuosen erklären können. Ja. dass überhaupt ein fast immerwährendes, meist angestrengtes, oft ausschließcndes, in jedem Fall über das gleichmäßige Verbälmis zu den übrigen Geistes- und Gemüthskräften gesteigertes Beschäftigen des Gedächtnißes dem Geuie, doch diesem nicht allein, sondern selbst der Urteilskraft, und somit auch dem Geschmack im edleren Sinne, höchst uachtbeilig, wo nicht verderblich werde: das weiß Jedermann und hat es vielfältig bemerken können, bei weitem nicht an Blinden allein. Hat sich doch, I u d i t. Eine Erzäbluug von C ä c i l i e L ö w y. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Hier waren bereits Vorbereitungen zum Frühstück getroffen.! Nachdem alle Schülerinnen versammelt waren, erschien die Vorsteherin. Jedes Mädchen mußte nun einen bestimmten Tb eil des Morgengebctes in hebräischer Sprache lesen, und erst nach Becndigung desselben begab man sich zum Frühstückstische. Hieraus vertheilten sich die Schülerinnen nach den verschiedenen Elasten, und der Unterricht begann. Für alle Gegenstände hatte Fräulein W. sebr gute Lehrkräfte gewählt; den Religionsunterricht ertheilte Rabbiner Dr. Bacher, der von den heiligen Lehren des Zndentbums tief durchdrungen war. Er verstand es, die meist jüdisch-aristokratischen Familien angebörigen jungen Mädchen im Glauben zu stärken, und ans ihre tbeils naiven und theils verständigen Fragen eine passende Antwort zu geben. —- Die antisemitische Bewegung, die von der Metropole Deutschlands, ausging, war auch an den empfänglichen Gemülhern dieser weiblichen Zöglinge nicht unbeachtet vorübergegangen. Wie oft wurden da Fragen an den Neligionslehrer gerichtet, die gewiss nie ansgetaucht wären, wenn die Israeliten des nennzehrNrn Jahrhunderts nicht plötzlich so grausam an ihre semitische Abstammung erinnert worden wären. Dr. Bacher verstand es, seine erregten Schülerinnen zu beschwichtigen, indem er darauf hinwies, dass der Gott Israels den Juden stets die Macht verlieh, den Anfeindungen Andersgläubiger zu widerstehen, und dass wir die antisemitische Bewegung nur als einen Fingerzeig Gottes zu betrachten haben, ans den Pfad des religiösen Lebens, den in der Jetztzeit leider so viele Glaubensgenossen verlassen, zurnckzukebren. ,Aber wir können uns dennoch nicht mit den Cbristen messen', sagte einst ein Mädchen, das aus sebr reichem Hause war, indem sie das Köpfchen in den Nacken warf. .Denn wie oft höre ick meine Freundin Sieglinde von Wartburg von ihren tapfer» Ahnen erzählen, reicht doch ihr Stammbaum bis in's 13. Jahrhundert zurück.' .Und doch', antwortete Dr. Bacher, ,ist es gerade das Mittelalter, dieselbe Zeir, auf welche die bobe Aristokratie mit Stolz znrückblickt, der Ritter gedenkend, denen sie entsprossen, das alle Macht seiner kannibalischen Nohbeit aufgeboten, die Juden eines Besseren zu belehren." ,Da galt die. Parole: entweder Glaubenswechsel oder Tod. Wie viele ans dem Altertbnm und der christlichen Zeit haben es denn gewagt, durch die Onal und Verachtung ihres Lebens treu zu der Wahrheit zu stehen, und hier hat ein ganzes Volk das Martyrium auf sich genommen und ist nicht von der Wahrheit gewichen. Stammen wir nickt ab von diesen Heroen? Wahrlich, auch in uns stießt ihr Blut, und wir waren unwerth so großer Ahnen, wenn wir nicht im Stande wären, anzuerkennen, was sie gethan." Auf Judit machten die überzeugenden Worte ihres Religions״ lehrers einen tiefen Eindruck, ihr Auge hing an seinen Lippen, und sie lauschte mitinnigem Verständnis seinen Vorträgen und Ermahnungen.^. Sobald es ihr die Zeit gestattete, schrieb sie in leicht verständlichen Ausdrücken alle die neuen Gedanken, die ihr die Neligionsstnnde znrückgelasfen, an ihre Großmutter, die es Ähnlichst wünschte, dass ihre Enkelin neben der hohen Bildung,