Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 23 (3.7.1885)
- Date
- 1885-07-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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sicherer, wie schmeichelhafter erreichen, als indem er, ein Tonkünstler, ganze Versammlungen, oder, ein geschickter Liebhaber, befreundete Kreise um sich vereinigt, sie anziehend beschäftigt, sie erfreut, vielleicht entzückt? Noch mehr: Dem Blinden bleibt — mehr oder weniger, in jedem Falle aber öfter, als dem Sehenden, müßige Zeit: da muß ihm ja vor Allem eine Kunst willkommen sein, deren Aus- Übung, bei den wenigen äußern und stets bereit stehenden Hilfsmitteln, immer nur auf dem eigenen Willen beruht, eine Kunst, die durch Erzengniße aus ihren niederen Sphären selbst nur geringe eigene Thäligkeit verlangt und auch in Stunden der Abspannttttg mir solchen Erzeugnißen wenigstens nicht unangenehm hinhält. Dass Blinde durch ungestörtere, schärfere Achtsamkeit und feinere Uebung ihrer übrigen Sinne, nach dem Tastsinn aber besonders das Gehör vollkommener ansbilden und von dieser Seite zur Auffassung und Ausführung der Musik sogar fähiger werden als Sehende, ist bekannt. Und dass endlich Musik dem Blinden, dem die meisten anderen Erwerbszweige abgeschnitten sind, ein nicht ganz unsicheres und anständiges — ja, ist er nur sonst der Mann dazu, sogar ein ehrendes und genußreiches Fortkommen gewähre, und dieses um so viel mehr, da er die Menge überall eben so bereit stnden wird, was er leistet, zu hoch anzuschlagen, wie der Taube sie meist zum Gegentheil bereit findet: dies ist ebenfalls nicht zu verkennen. Dieser Behauptung wird schwerlich Jemand widersprechen, der Andere, auch wohl sich selbst, im Verhältnis mit Blinden und Tauben beobachtet, und sich, wie dann kaum fehlen wird, wo nicht auf der Ungerechtigkeit, doch auf der Ungunst gegen die letzten — wenigstens in der unterdrückten Anwandlung von Verstimmung, ertappt bat. Zu erklären ist das leichter, als zu rechtfertigen. Der Blinde kündigt sein Unglück sogleich, und nicht durch Worte dem Verstände, sondern durch den Anblick unmittelanderen Tischen, und jeder konnte nach Belieben wählen und zugrcifen. Nach dem Mahle suchte Georg das Versäumte nachznholen. Er tanzte ausschließlich mit Judit, verließ aber, den im Eltern- Hause erhaltenen Anstandsregeln folgend, frühzeitig die Gesellschaft, nachdem er sich von Judit mit warmem Händedruck oerabschiedet hatte. II. Draußen blies der Wind nach Kräften und wirbelte den in großen Flocken fallenden Schnee in wildem Tanze nach allen Richtungen; jeder flüchtete, so schnell er konnte, in sein Haus, um nicht dem Toben der Elemente preisgegeben zu sein. Auch in dem Pensionate des Fräulein W. war nach der fröhlichen Unterhaltung Ruhe eingekehrt; allmählich sah man in den einzelnen Zimmerchen die Lichter erlöschen, und auch Judit, die mit ihrer Freundin Clara Cohn ihr Gemach theilte, saß gebeugt über ihrem Gebetbuche und verrichtete voll Andacht ihr Nachtgebet. Ihr sonst so ruhiges Gemüth war heute erregt, und ihre Gedanken schweiften in die Ferne. Mit leisem Seufzer erhob sie sich, um ihr Lager aufzusuchen; doch bunte Bilder, die ihre Phantasie umgaukelten, verscheuchten lange Zeit den Schlaf von ihren Augen. Endlich besiegte Morpheus die lustigen Kobolde und gönnte ihr einen festen, erquickenden Schlaf. Erst als am frühen Morgen Klara liebkosend ihre Wangen streichelte 'und sie ermahnte, sich zur bestimmten Stunde im Speisesaale bereit zu halten, erwachte sie und machte eilends Toilette. Klara war ihrer lieben Freunden behilflich und sprach ihre Verwunderung über die Einsilbigkeit ihrer theueren Judit aus. — bar dem Gefühl au — was bei dem Tauben anders ist. Der Blinde kann seinen Mangel gar nicht verbergen und will es darum auch nicht; cr gibt sich, wie er ist: der Taube glaubt gemeiniglich seinen Mangel verbergen zu können, strengt sich an, lauert, begeht nun Fehlgriffe: so wird nicht nur die Schwäche, anders scheinen zu wollen, als man ist, bemerkbar — was immer bcrabsetzt, sondern es überraschen auch jene Mißgriffe durch Conlraste mit dem Erwarteten, und werden lächerlich. Der Blinde muß sich wohl Andern zutraulich übergeben, sie für sich sorgen lassen 11. s. w., und ihre etwaigen leisen Andeutungen über ihn stören ihn in dieser Zutraulichkeit nicht, da er sie nicht bemerkt: der Taube zieht sich meistens zurück, ist mißtrauisch auf Mienen und Worte, die er nicht versteht — was dann entfernt, wie jenes ein nimmt. Die meisten Blinden sind sanft, freundlich, heiter, mittheilend: die meisten Tauben auffahrisch, düster, grüblerisch, empsindlich, verschlossen. Und endlich — was vielleicht mehr wirkt, als es Vielen scheinen dürfte — der Blinde wird durch sein Geschick und dessen Wirkungen von dem gewöhnlichen Leben, den gewöhnlichen Beschäftigungen, dem gewöhnlichen Benehmen, so ganz abgeschnitten, wird dadurch gleichsam in eine so weite Ferne von uns selbst gerückt, dass er uns mehr zu einem Gegeustaudc der verschönernden Phantasie, als des gemeinen Verkehrs wird — was bei dem Tauben umgekehrt ist. Der Blinde erscheint uns wie ein Mensch anderer Art: der Taube, wie einer von den nuserigeu, aber mit einem beschwerlichen Mangel. Wenn also viele Blinde Musiker werden, so kann das schwerlich Jemand befremden; wohl aber, wenn viele Musiker blind werden. Es ist dies nämlich von mehreren behauptet worden, und zwar, wie eine bekannte Sache, wobei sie nicht unterlassen haben, Homer, Ossian, Händel und Bach, und immer wieder Homer, Ossian, Händel und Bach anzuführen. Mau erlaube ,Was bedrückt denn heute dein Herz? Ich vermisse deine gewöhnliche Heiterkeit*, sagte sie einschmeichelnd. ,Der gestrige Abend hat mir ein wenig Kopfschmerz zurückgelassen', ant ortete Judit kleinlaut. ,Sollte meine bewährte Freundin Geheimniße vor mir haben', sprach Klara, ,glaubst dn denn, dass ich so wenig Interesse für dich habe und nicht bemerkte, dass Herr Wilms den gestrigen Abend ausschließlich dir widmete? Er besitzt eine ungewöhnliche Anziehungskraft und ich bin überzeugr, dass er mit hoher Bildung einen edlen Charakter vereinigt.' .Dein Urthei!, liebe Klara, stimmt ganz mit dem meinigen überein; im Uebrigen beunruhige dich nicht um mich, du weißt, dass ich Zeit brauche, um neue überwältigende Eindrücke zu beherrschen, die alltägliche Beschäftigung wird am besten geeignet sein, mein erregtes Gemüth in's Gleichgewicht zu bringen.* ,Du scheinst ihm nicht gleichgiltig zu sein', nahm Klara das pikante Thema auf, ,das seh ich nur zu gut.' ,Und muss ich dich wirklich ersuchen abzulassen von Dingen zu sprechen, die augenblicklich meine überreizten Nerven noch mehr spannen', antwortete Judit uuwillig. ,O, das habe ich nicht beabsichtigt, den Unwillen meiner geliebten Judit will ich nicht erregen', sagte die treuherzige Klara, ,weißt du doch nur zu gut, dass meine übermüthige Laune oft die Grenzen überspringt. Schau mich nur wieder freundlich an' und, indem sie Judits Arm in den ihrigen legte, schritten sie, wie alltäglich, zusammen dem Speisesaale zu. (Fortsetzung folgt.)