Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 23 (3.7.1885)
- Date
- 1885-07-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/1304829-3452999-3453022--1404-3455541- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— -L — Aufruf an die geehrten Kerren Gollegen und Weceinswitgtieder. Aus dem beigedruckten Niechenschaftsbericht des letzten Vereinsjahrcs 1884/5 entnehmen Sie, dass unser Vereinscapital die Höhe von nahezu 6000 Gulden erreicht hat. Diese finanziell günstigen Resultate, wie dieselben von keinem der mit uns rivalifirenden Vereine aufzuweisen sind, wurden außer den laufenden Vereinßbeiträgen zumeist durch die Bestrebungen des Vorstandes erreicht, der, lediglich in Anbetracht der 'mißlichen Zeitverhältniße, seine diesbezügliche Lhätigkeit momentan eingestellt, dieselbe jedoch baldmöglichst wieder aufzuuehnren gedenkt. Es war nun Berarbungsgegenstand der letzten Sitzungen, diese vom Vereins- Vorstände in Wien vor genommene Sammlung von Geldern durch die betreffenden Vereinsmitglieeer auch bei den einzelnen Gemeindemitgliedern der Provinz vornehmen zu lasten, und wir geben uns der freudigen Hoffnung hin, dass diese von׳ uns begonnene und durch die Herren Collegen und Vereinsmitglieder anzuregcnde humane Thätigkeil tm Herzen eines jeden Glaubensgenossen ein mächtiges Echo und bei unseren bemittelten Glaubensbrüderu die nöthige ersprießliche Berücksichtigung und Unterftützung finden wird. Indem wir Sie, verehrter Herr College ersuchen, bei den einzelnen geehrten Mitgliedern Ihrer wohllöblichen Gemeinde..die..betreffende Sammlung zu Vereinszwecken vorznnehmen, sind wir überzeugt, dass Sie cs gewiss nicht unterlassen werden, den maßgebenden Kreisen jedwede nöthige Aufklärung zu geben, und dass es Ihrem Einfluste gelingen wird, die Interessen des Vereines in kräftiger Weise zu fördern. Jede Gabe, und sei eS auch die kleinste wird dankend angenommen und in unserem Vereinsorgane, der ,Oesterr.-ungar. Cantoren- Zeitung', guittirt werden. Zn nächster Zeit erhalten Sie einen Sammelbogen und die'Vollmacht zur Vornahme der Sammlungen. Die Namen der Spender sammt den eingezeichneten Beträgen wollen Sie dann wöchentlich an den Vereinsvorstand zur Veröffentlichung in der .Oefterr.-ungarischen Cantoren-Zeitung" einsenden. Die Sammelbögen werden allmonatlich vom Vereinsvorstande vidirt. pet Vorstand des öfterr.-nngar. Cantoren-Vereines. Uelier blinde Musiker. Das Gebiet der Tonkunst ist von jeher der besuchteste und wohlthärigste Zufluchtsort für Blinde, denen die Natur nicht alle Empfänglichkeit für Harmonie versagt batte, gewesen. Wie möchte es auch anders sein? Wo könnte der Mensch, dem von dieser Erdenwelt der sichtbare Tbeil verschlossen ist, sich lieber ansiedetn, als in dem hörbaren, der mit jenem keine oder nru zufällige Verbindungen hat? Er, der durch ein ewiges Dunkel mehr als jeder Andere in sich selbst zmnckgedräagt wird: wo könnte er sich bester befinden, wo leichter heimisch werden, als eben da, wo Phantasie und Gesübl allein entscheiden, und so leicht ihm Mittel zu Gebote stehen, ihre Regungen auszusprechen — sie mit Bewusstsein, sie auch angenehm nuszusprechen, und zugleich an ihnen, als a n selbstgejchaffenen Objecten, sich zu ergötzen?- Man nehme dazu: Zeder gezwungen Entbehrende wünscht sich Theilnahme; der edlere aber nicht bloßes Mitleid um seines Mangels, sondern Aufmerksamkeit, Achtung, Zuneigung um der Art willen, wie er diesen trägt, und um des Guten, Schönen, Erfreulichen Willen, das er der gekränkten Natur gleichsam wider ihren Willen abnöthigt: wie könnte nun aber der Blinde dies I u d i t. Eine Erzählung von Cäcilie Löwy. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Georg Wilms, Hörer au der medicinischen Fakultät der Berliner Universität, zog nicht nur durch sein angenehmes Aeußere und durch tactvolles Benehmen die liebenswürdige Judit an, sondern er verstand es auch, sie durch sein geistvolles und interestantes Gespräch ganz zu fesseln. Bald kannte er die tragische Zugendgeschichte des jungen Mädchens, ohne die Absicht gehabt zu haben, dieselbe zu erfahren, sondern sein herzgewinnendes Wesen erregte in Zudit's nnschuldsvollem Herzen das Verlangen, das mitzutheilen, was cs so oft bedrückte. Aber auch sie erfuhr, in welchen Verhältnißen Georg beranwuchs. Diese waren freilich ganz anderer Art als die ihrigen. Er war das Kind eines bcrühmten Gerichtsadvocaten, seine Mutter eine hochgebildete Frau, die ihrem einzigen Sohne die sorgfältigste Erziehung gab. Georg's geistige Begabung zeigte sich frühzeitig, und seine Eltern widmeten ihn daher dem Studium; er absolvirte mit bestem Erfolg das Gymnasium und bezog, dann die Universität, um sich, seiner eigenen Neigung folgend, der Medicin zu widmen. Seine Mutter, die Tochter eines protestantischen Geistlichen, hatte ihn wohl für die Theologie bestimmt, doch sie wollte den Neigungen ihres Kindes nicht hindernd entgegen treten. Georg lauschte auf die Worte Iudit's, die mit Schwärmerei das Leben ihrer frommen Großmutter schilderte; zum ersten , | Male erhielt er einen Einblick in ein jüdisches Familienleben: war-ihm bis jetzt doch der Gedanke so fern, dass die Israeliten den Hauptwerth auf ein inniges Zusammenhalten der Familien- Mitglieder legen, dass die Sorge um das Wohlergehen der Angehörigen, eine unbegrenzte ist, dass jüdiscke Eltern mit übernatürlicher Zärtlichkeit an ihren Kindern hängen und keine Opfer für ihr physisches und geistiges Wohl scheuen. Er vernahm, wie viele strenge Satzungen die jüdische Religion ihren Bekenneru vorschreibt, und wie die Beobachtung derselben dem gewissenhaften Juden eine heilige Pflicht ist. Aber, schloß Zudit' ihre Erzählung, nicht nur mit den religiösen Ceremonien machte mich meine iheure Großmutter vertraut, sondern sie enthüllte mir auch den tiefer? Sinn, der ihnen irrnewohin. — Und wünschen Sie, einst ganz dem Vorbilde Ihrer hochgeschätzten Großmutter zu gleichen, fragte Georg, indem er )eine dunkeln Augen in die tiefblauen seiner Nachbarin senkte? Judit erbebte leise unter diesem Blick und hauchte ein kaum vernehmbares Ja.-— Die Tanzmusik verstummte plötzlich, die jungen Leute waren ermüdet und fühlten das Bedürfnis auszuruhen und sich . zu stärken. Fräulein W. näherte sich Judit, und ersuchte sie, beim Speisen die Honneurs zu wachen. Nach einer leichten Verbeugung gegen Georg folgte Judit der Aufforderung. Sie und einige andere junge Mädchen aus dem Pensionate ermunterten die Gäste, sich an der fliegenden Tafel zu betheiligen. Denn neben dem Tanzsaale befand sich das Speisezimmer, in welchem auf langen Tischen verschiedene Speisen und Erfrischungen vor- , bereitet waren. Teller und Esszeug befanden sich stoßweise auf