Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 22 (25.6.1885)
- Date
- 1885-06-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 1. das סדר, nämlich solche Pijntim, welche die Anord. nungen religiöser Gebräuche desselben Tages enthalten. 2. סילוק, d. h. aushören, wo das קרובות endet. (Chulin 109, Tosefot.) 3. ׳פזמון die Dichtung besingen. Dass schon in frühester Zeit bereits die Freiheit, Pijutim einzusch alten, bestanden habe, beweisen die 3 Hymnen מלסיות, וסרונותי ושופרות worüber im Talmud (R. hasch. 32) die Bestimmung gegeben wird, dass jede der 3 Elasten von Hymnen nicht weniger als 10 Sätze aus der heiligen Schrift enthalten dürfe. Und in der That sind auch schon früh religiöse Poesien (RiHutim) mit eigenthümlichen Formen entstanden, wenn sie auch von späteren Schöpfungen verdrängt wurden, und dadurch ganz der Vergessenheit anheimfallen. (Fürst Culturgeschichte S. 59.) Ihr hohes Alter bietet dem Geschichtsforscher und Archäologen eine Fundgrube, woraus er gediegene Schätze zum Nutzen der Wissenschaft hervorholen kann; aber in der Synagoge haben schon viele derselben seit Jahrhunderten ihr Ansehen als Gebetstücke verloren. Schon N. Jakob, Sohn des N. Ascher, im 14. Jahrhundert Verfasser der Gesetzsammlung (Turim), sprach zu seinen Schülern: ,Wer Euch gesagt hat, dass es in meiner Gewalt stünde, die Pijuiini abzuschasfen, hat Euch keine Wahrheit gesagt, das Volk will sie behalten und ich schweige, damit sie wenigstens nicht wissen sollen, dass sie eine Sünde begehen, aber ich für meine Person sage sie nicht. Ich beginne erst das Gebet, wenn der Vorbeter סרסו gesagt hat, und während 40261׳ gesagt wird, bete ich bis סרסו. Der Rabenu Tam hat die Beibehaltung des 40261׳ vertheidigt, welches aber meinem seligen Vater dem Aschri nicht recht war." (Tur. O. Oh. §. 68) N. Josef Karo in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert, Versasser des Schulchan A1׳uch, schreibt: ,Es gibt wohl Orte, wo Pigutiui gesagt werden, aber man soll es lieber vermeiden." (O. Ch. §. 68.) N. Moses Jßerl, gest. 1573,. erklärt: ,Man darf sie wohl sagen, aber wer sie nicht sagt, verliert nichts". (Daselbst) N. Jsak Loria 1573, hat blos jene Pijutfm gesagt, welche N. Elieser Hnkalir verfasste. (Siehe ]Mag. Abr. daselbst.) (Fortsetzung folgt.) Sanflnnim. Betrachtungen zu den fünf Büchern Mosis, nach Ordnung der Wocheuabschnitte, von Dr. A. Schmied!, Nabbiner der Bezirksgemeinde Sechshaus nächst Wien. . Das altjüdische Leben des engbegrenzten, von der Außenwelt abgeschlossenen Ghettos war jederzeit ein getreues Spiegelbild der außerhalb der Ghettomauern vorherrschenden wissenschaftlichen und religiösen Zustände. Hatte die Kirche ihren Abraham a Lancia Clara, den witzigen Kauzelredner und wieder andere, die Ernst und wissenschaftliche Tiefe zum Gegenstände ihrer öffentlichen Vorträge machten, so halte die Synagoge ihren חריף׳ דרשן׳ מגיד 2c., welche in ihren Predigten dieselbe Mannigfaltigkeit boten. Das größte wissenschaftliche Ansehen genoß jedoch der *חרץ, der es verstand, theils durch geistreiche Erklärung schwerverständlicher oder neue Deutung sattsam bekannter Talmud, oder Bibelstellen den Rabbinern und sonstigen Männern der Wissenschaft zu imponiren. Waren nun .diese Deutungen und Erklärungen der einstigen Ghettogelehrten etwas eng umfriedet, indem die Gedankenkreise an der abschließenden Ghettomauer ihre Grenze finden mussten, so war der jüdische Geist nichts desto weniger vorbereitet zur Aufnahme der neuen Arbeitsrichtung, als der Flügelschlag eines erleuchteten Jahrhnndertes den jüdischen Gelehrten auch allgemeines Wissen zugänglich machte. Wer nennt die Namen aller derer, dis in talmudischer Gelehrsamkeit erzogen, später aus dem Borne allgemeinen Wissens schöpften und nicht nur Leuchten des Jndenthums sondern auch die Zierde anderer Gelehrtenkreise wurden. שאל אסיך וינקי♦ Die Quellen studiren und seinen Wissenskreis erweitern, das ist Pflicht des Jüngers; das gewonnene Wissen innerhalb seiner eigenen Jndividualität verarbeiten, charakteristisch und zeitgemäß zu gestalten und dadurch den Nachstrebern gleichfalls neue Anregung zu schaffen, das ist die Pflicht und Aufgabe des gereiften Gelehrten. Eine ähnliche Geistesfchöpfung bietet der Inhalt des vorliegeuden Buches. Es kann unmöglich Zweck und Absicht dieser Blätter sein, die wissenschaftliche Bedeutung des Werkes zn betonen; diese ist durch den weit und rühmlich bekannten Namen des gelehrten Herrn Autors vollauf gesichert, sondern was speciell uns Cantoren dem Buche gegenüber eine wahrhafte Zuneigung verschafft, soll hier in erster Reihe betont sein. Zuvörderst sei die edle, gewählte, bilderreiche und dennoch phrasenarme Sprache, die den Leser veredelt und geradezu poetisch stimmt, erwähnt, welche in diesem den Gesammtumfang der Thora in Wochenabschnitte sondernden Werke anzutreffen ist. Welchen Wochenabschnilt wir auch aufschlagen, überall sprudelt ein frischer Quell geistreicher Gedanken und moderner Anschauungen. Wir zweifeln, ob wir dem Abschnitt M, wo die Bedeutung des Negenbogens als Bund zwischen Gott und Menschen in tiefernster und herzenöfrommer Weise klargelegt, oder der Perikope וישב, wo die Gefährlichkeit der Schwärmerei betont und Mittel und Wege angegeben erscheinen, wie dieselbe in allen Phasen des Menschenalters, namentlich der Jugend zu behandeln sei, um den Gefahren auszuweichen und den planlosen Schwärmer zu zielbewussten Jdealisten zn gestalten, oder aber der פרשה פינהת, Welche mit Meisterzügen die Würde der Frauen in Israel zeichnet, oder einem anderen Abschnitt den Vorzug geben sollen; jeder Abschnitt erscheint streng gegliedert und erschöpfend behandelt, überall dieselbe Zartheit der Sprache, überall dieselbe Tiefe der Geda.iken in ihrer Anwendung für das moderne Leben. Es ist nun nicht zu verwundern, wenn wir, jüdische Cantoren, dem Theile פרשת בשלה, der vom Gesänge in Israel handelt, unsere wärmste Sympathie entgegenbringen; nicht wegen der Gedankenfülle und künstlerischen Behandlung der Sprache, welche auch diesem Kapitel inuewohuen, sondern wegen des Umstandes, dass ein Nabbiner — dieser allbekannte Gegner des Gesanges und der Sänger — die künstlerische und moralische Eignung besitzt, vom Gesänge in Israel in solch' begeisterter Weise zu sprechen, als es hier der Fall ist. Es liegt nicht im Bereiche der Möglichkeit, all' die Schönheiten dieses kurzen Capitels und all' die Wahrheiten dieses Buches anzuführen, dasselbe muß gelesen werden, um seinen ganzen idealen Inhalte nach gehörig gewürdigt zu werden. Da das Werk wissenschaftlich und gedanklich hoch steht, so ijt es allerdings nicht für die frühe Jugend bestimmt, allein unseren gereiften Jünglingen und Jungfrauen müssen wir solche Bücher in die Hand geben, damit sie die hohe Bedeutung des Judenthums in historischer und ethischer Beziehung kennen lernen und all' die Fragen, die von unseren Gegnern gegen jüdische Lehren und Moral gestellt werden, würdig und eingehend zu beantworten im Stande seien. Das Buch ist in zweiter Austage bei Jakob B. Brandeis in Prag erschienen. 8iag6r.