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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-06-17 · Heft 21 (17.6.1885) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 21 (17.6.1885)
Date
1885-06-17
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— S — die Gemeinde entwürdigende Beschluss, den ick nicht Unterzeichnete, wurde gefasst und Ahnen zugeschickt. Derartige Vorkommniße entheiligen uns selbst in den Augen unserer christlichen Mit- Lürger, aber sie characterisiren die Sachlage/ — Das eifrige Sprechen schien den brauen Mann erschöpft zu haben; er blieb aber ruhig, um die Entgegnung des Cantors zu hören. Ein stummer Händedruck war die Antwort des alten Beamten. — Nach einiger Sammlung erwiderte Herr Nürnberger: ״Gotteslohn werde Ahnen, verehrter Herr, für die Lanze, die Sie gebrochen. für mich und meinen Stand. Und wenn ich noch Worte in dieser Angelegenheit verliere, so geschieht es nur im Interesse meiner unversorgten Familie. Es zerschneidet Inrr das Herz, wenn ich an deren Zukunft denke. Als ich vor 20 Zähren daß hiesige Amt übernahm, war ich wohl eine gefeierte Persönlichkeit, wenn auch mein Einkommen ein höchst bescheidenes war, setzt — wo meine Kräfte im Abnehmen begriffen sind, soll ich zum — Bettler werden?" Dies alles sagte der Cantor in ganz ruhigem Tone, seine Augen glänzten, wie wenn er die ergötzlichsten Dinge erzählte, auch nicht ein Fältchen zuckte. Es war ein Seelenkampf eines biederen Mannes, dessen Ehre tief gekränkt wurde. ,Welch' unglücklicher Gedanke Bettler! — Freund nehmen Sie das Wort zurück, es würde sonst einen trüben Schatten auf deu Abend meines Lebens werfen, wenn ich bedenke, dass unter meiner Verwaltung eine solche frevelhafte Handlung geschehen konnte. Ich werde Bahn brechen, damit eine bessere Zukunft sich für Sie und Ihre Amrebrüdcr gestalte. — Nosa, Rosa J lief der Vorsteher, meinen Nock, Hut und Stock! Schnell, schnell! Auf Wiedersehn Herr Cantor/ Es geschehen alle Tage noch Wunder. Acht Tage waren verstossen und keine Aenderung war in die Angelegenheit, des Cantors eingetreten. Eben drangen durch's Fenster die letzten Strahlen der niedergehenden Sonne und der Cantor schickte sich zur Abendandacht an, als der Gcmeindebote eintrat, einen versiegelten Brief überreichte und sich entfernte. Bebend erbrach Herr Nürnberger das Schreiben, welches die Kündigung in Ehren aufhob. Herr Kern hatte es in einer geheimen Sitzung bewirkt, dass dem beleidigten Beamten Gennglhuung verschafft wurde. Er selbst legte 6000 Mark als Grundcapital zu einem Beamten-Pensiousfond nieder und, durch sein edles Beispiel aufgemuntert, bildete sich innerhalb der Gemeinde ein Verein, dessen Mitglieder sich verpflichteten, einen monatlichen Beitrag zu dem Fond zu zahlen und bei allen Familienereignissen Sammlungen zu veranstalten, damit ein Keren Kajemes zum Nutzen der Gemeinde und zum Wohle des Beamten reichliche Zinsen abwerfe. Herr Nürnberger, Mitglied mehrerer Faärvereine, blickt nun ruhiger in die Zukunft. — Des Vorstehers Sohn heiratete seine gut erzogene Tochter, und das Pärchen lebt glücklich und zufrieden. Der Penflonsfond aber hat in mehreren Gemeinden rühmliche Nachahmung gefunden. ' Möge diese wohlthätige Institution in allen Gemeinden Israels eine Stätte flnden. Das walte Gott! Kleine Chronik. Or.'Kanizsa im Zuni 1885. (Orig.-Corresp.) Unter feierlicher Function wurde am 13. dieses Monats 5 Uhr Abends das Grabmonument unseres verewigten Oberrabbiners H. B. Fasset enthüllt. Lange vor der anberaumten Zeit hatte sich in Folge vorhergegangener Einladung des diese Feier leitenden Chewra Kadisoba-Vorstandes auf dem großen freien Räume, im Friedhofe, eine unübersehbare Menge von Theilnehmern aus allen Classen der Ortsbevölkerung angesammelt. Das Grab selbst, mit dem monumentalen schwarz dekorirten Steine, umstanden die vom Grame gebeugte Witwe und die aus der Ferne herbeigeeilten trauernden Söhne, Töchter und Enkel des theuerert Verblichenen. Mit der Gemeinde und dem Otrervra Kadiseba-Vorstande ander Spitze, kamen vom fNN ^^IL'Hause Rabbiner, Cantorund Tempelchor unter Absingung des יושב בסתר עליון dem Trauerplatze näher. Hier angelangt stimmte der Chor einen herzergreifenden- Trauerchoral an. Sodann bestieg Herr Oberrabbiner Dr. Neuman die Kanzel und schilderte in einer, au rethorischer Gediegenheit vollkommen vollendeten Rede, was der im Grabe Ruhende seiner Gemeinde, dem Judenthume und dem geistig religiösen Fortschritte war, wie er als Zude, als Rabbiner und als Mensch gewirkt, so dass׳ selbst der Stein, der Hügel, der ihn deckt, uns ewig ein Gegenstand der Verehrung, ein ,Gotteshaus* bleiben wird. Von der glänzenden Feier und der herzlichen Theilnahme ergriffen, richtete der Enkel des Verewigten, Herr Dr. Emil Frischauer, Hof- und Gerichtsadvoeat aus Wien, einige Worte des aufrichtigsten Dankes an die Gemeinde, die ihrem unvergeßlichen Seelenhirten über das Grab hinaus so treue Anhänglichkeit bewahret. Nach der Enthüllung rezitirte Herr Obercantor Kartschmaroff. in gewohnter, meisterhafter Weise das אל מלא רחמים und Herr Oberrabbiner Dr. Neuman sprach das ליש p, womit diese denkwürdige Feier ihren Abschluß fand. Wie man hört, wird die Gemeinde nebst der größeren Stiftung, die sie unter dem Namen H. B. Fasset zur Bekleidung armer Schüler bereits am Sterbetage gegründet, auch einen Fond zur weiteren Er- Haltung dieses nunmehr unter Obhut des Cbewra Kadischa23־er־־ eines, gestellten Grabmonumentes diesem Vereine übergeben. GL Wien Die ,Kritik und Reform* bringt folgende interessante Datenüber die Huldigung, welche die Juden in Rom dem jeweiligen neugewählten Papst darbrachten : Leo XIII. ist der erste in Rom gewählte Papst, der nicht zugleich Souverain der Weltstadt ist. Bei ihm fiel also zuerst die Huldigung der Juden dieser Stadt fort. Diese fand früher nach Hornbeck in nachfolgender Weise statt: Wenn ein neuerwählter Papst in feierlicher Procession seinen ersten Einzug in die Lateranskirche that, so kamen ihm die in Rom ansässigen Juden am Berge Jordan entgegen, fielen nieder auf ihre Knie, und überreichten ihm das Gesetz Mosis mit der Bitte um Schutz und Gnade. Der Papst gab ihnen dann in der gewöhnlichen Formel, in lateinischer Sprache folgende Antwort: ״Das heilige Gesetz, liebe Hebräer, so wie es vom allmächtigen Gott durch die Hände des Moses Euren Vätern übergeben worden ist, loben und verehren wir; aber Eure thörichte Auslegung desselben und Eure Ritualgesetze tadeln und verdammen mir, weil der apostolische Glaube -lehrt, dass der Messias, den Ihr immer noch erwartet, schon längst gekommen sei; denn diesen Glauben hat unser Herr und Heiland Jesus Christus gepredigt, welcher, ein Gott, mit dem Vater und dem heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit/ Als Jnnocenz II. nach Frankreich floh und im Jahre 1246 zu Paris seinen Einzug hielt, trugen ihm die dortigen Inden, als ihrem höchsten Gönner und Beschützer, das Gesetz Mosis entgegen. Der Papst nahm sie auch freundlich auf und fügte hinzu: ,Möchte doch Gott die Decke wegnehmen, die Euch verhindert zu sehen, was in diesem Gesetz enthalten ist'/ —Interessant ist auch die Beschreibung, welche uns ein alter Reisebeschreiber von den Ceremonien macht, welche die Juden in Rom bei der Wahl des Papstes Jnnocenz XII. im Jahre 1692 beobachteten. Der Papst antwortete ihnen bei der Ueberreichung des Pentateuchs: Legge buona; ma populo maldetto — das Gesetz ist gut, aber das Volk verflucht. Urban VIII. ertheilte bei der Gelegenheit, als ihm eine Gesandschaft der Juden eine Bittschrift überreichen wollte, folgende Vorschriften, welche die Päpste hinsüro bei der Audienz-Ertheilung der Juden beobachten

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