Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-06-17 · Heft 21 (17.6.1885) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 21 (17.6.1885)
Date
1885-06-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3452999-3453020--1387-3455522
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Thema: Soll überhaupt in jüdiichen Elementar-Schulen Hebräisch gelehrt werden, eventuell wie soll es gelehrt werden? Nun steheu wir nach einer dahin gegangenen Generation wiederum vor demselben Thema, das nun zur eifrigen Controverse so vieler namhafter Rabbiner geworden. Ich glaube nicht unbescheiden zu handeln, wenn ich eingedenk der Wahrheit unserer Weilen: לא המדרש עיקר אלא המעשה Abos 1, 16. .Nicht die Theorie, sondern die Praxis ist Hauptsache * — oder in Göthescher Ausdrucksweise: .Gran ist alle Theorie — grün allein des Lebens goldener Baum" —meine 40jäbrige Erfahrung in diesem in Amsterdam, jener Mntlerstadt in Israel, der Heimstätte jüdischer Gelehrten und Freidenker pur excellence ausgebrochenen Gelehrten-Kampfe, über die Methode im hebräischen Elementar- Unterricht mitzutheilen mir gestatte. Nichts Neues unter der Sonne. Alles schon da gewesen! Nichtnur in dem in Rede stehenden dahingeschwundenen Zeitalter, dem Verfasser dieses angehört, sondern viel früher schon wurde diese heikle Schulfrage eingehend und eifrig erörtert. Unser großartiges Nationalwerk, der Talmud, das leider noch niemals verdientermaßen gewürdigt, führt uns dieselben streitenden Parteien, und zwar aus grauester Vorzeit, wie wir im Verlaufe unserer Abhandlung zu zeigen Gelegenheit haben werden, vor. Es dürfte wohl Jedermann, der einen wirklichen Einblick in unser hehr und erhabenes Nationalwerk, den Talmud hat — wozu meiner Ueberzeugung nach, bei vorhandener Befähigung, mindestens ein eifriges Studium von 8 bis 10 Jahren, im Sinne des vom Talmud erläuterten אלם כי ימות באהל die Thorakeuutnis eignet sich nur der an, wer sich ganz mit hingehender Aufopferung ihr weiht, erforderlich ist einräumen — und zugestehen, dass der Talmud alle seine unzähligen Folgerungen nur in streng gramivaiisch, logischer Weise nachweist und erörtert. Ich erinnere nur an jene im Talmud weitverzweigte und äußerst scharfsinnige grammatische Abhandlung Kiduschim 18 : יש אם למסורת״יש אם למקרא ר״ש סבר יש אם למקרא ולמסורת. Siehe Tosaphotunb Rasclii daselbst. Wer die Grammatik aus dem hebräischen Elemenrar-Unterricht entfernt wissen will, bat eben keine Ahnung vom Talmud und kennt ihn kaum dem Namen nach. Fast jede Seite dieses eigentbümlichen Riesenwerkes überzeugt uns zur Genüge, wie alleseine Begründungen nur auf streng grammatischem Boden beruhen. Der in Nr. 38, Jahrgang 1876 des israelitischen Bolen mitgetheilte Brief unseres Frankels לצוקיל an Herrn Rabbiner Dr. Frank in Köln über den hebräischen Elemeniar-Unterricht, ist für die Gegenwart, wie wir im Verlaufe unserer Abhandlung erhärten werden, entschieden nicht maßgebend. So weit ich mich erinnere, äußerte dieser Heros der Wlssensckatl jene so ergreifenden schönen Worte über die Nothwendlgkelt des hebräischen Unterrichtes viel früher, und zwar zur Zeit des Hamburger Tempel-Gebetbuch-Sireites wider Geiger s. A. Wenn aber unier Frankel s. A. der Erlernung der hebräischen Grammatik in der Elementar-Schule nur eine secundäre Stellung anweisi und dem Uebersetzen zur Erfassung der in dieser Sprache niedergelegten Schätze und Gebete den Vorzug gibt, so darf durchaus nicht außer Acht gelassen werden, daiS einmal jener Heros der Wissenschaft doch nicht praktischer Schulmann war — in ganz anderen Regionen und Sphären, als die Elementarschule ist, lehre. Dann aber auch heischt die Gegenwart ganz was Anderes als jene Vergangenheit der Frankel angehörte. Täuschen wir uns nicht, die religiöse Sonne ist inzwischen 10 Stufen zurückgegangen, und das Leben ist bekanntlich stärker als die Schule. (Schluss folgt.) Gott Hilst. E >amuug von M. T i n t n e r, Cantor und L-.׳brer in Bunzlar! (Schlesien). Die Jomim Noroim waen vorüber. Räubere Winde entlaubt׳׳n die Bäume und wirbelten die bunten Blätter in wildem Tanze vor sich her. Grane Neoel lagerten sich über das Städtchen T- und verkündeten das baldige Naben des Winters. An solch' einem Tage war's, als der Vorsteher Herr Adolf Kern in dem Lehnstuhl saß, um nach seiner Gewobnbett ein Schläfchen zu halten. Doch heute ging es damit nicht, so sehr er sich auch zwang. Ungeduldig schob er sein Käppchen hin und her, wie es!0 seine Eigenthümlichkeit war, wenn er etwas auf seinem Herzen sitzen hatte. Er stand auf und schritt gedankenvoll, die Hände auf dem Rücken, die Stube auf und ab. .Was Haft Du denn heute wieder Adolf?' fragte ihn seine Frau Rosa, ,schlummere doch ein wenig!' ,Weiß der Himmel! — aber ich kann einen quälenden Gedanken nicht los werden, und" — hier schob er wieder sein Käppchen in den Nacken. ,Bist wirklich ein merkwürdiger Mensch', entzegnete Frau Rota, ,und machst Dir immer unnütze Kopfschmerzen. Du mußt Dein Amt niederlegen, sonst reibst Du Deine Gesundheit auf.' ,Hat nicht Jemand an die Stubenthür gepocht?" Auf des Vorstehers laut gesprochenes ,Herein', trat der alte Cantor Samuel Nürnberger auf die Thürschwelle. Eine bescheidene, aber doch imponirende Erscheinung. Er mochte ein hoher Fünfziger sein. Willkommen! begrüßte Herr Kern den Eintretenden, ergriff freundlich dessen Hand und bot ihm einen Platz an. »Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?' .Sie dürfen es mir nicht übel nehmen, wenn ich störe.— Hier dieser Brief, dessen Inhalt Ihnen bekannt sein dürfte. ״Herr Kern schob sein Käppchen rückwärts und blieb im ersten Augenblicke die Antwort schuldig. Beide standen Aug in Äug ein paar Augenblicke stumm einander gegenüber. Der Vorsteher brach das Schweigen. ,Bitte, lesen Sie gefälligst den Brief, ich will Ihnen nachher zu meiner Rechtfertigung Rede stehen, Herr Cantor!' Mit zitternder Stimme lac Herr Nürnberger: ,In der gestrigen Vorstandssitznng wurde einstimmig beschlossen, Sie Ihres Amtes vom 1. Januar ab zu entheben, weil die Gemeinde nicht in der Lage sein dürfte, Sie später pensioniren zu können, obzwar Ihr Wirken und Streben die vollste Anerkennung verdient. x N . . . ., den 11. November 18—. In Vertretung der Vorstand: Weinlaub. An den Cantor und Lehrer Herrn Samuel Nürnberger, Wohlgeboren. Hierselbst. Nachdem der Brief beendigt war, machte Herr Kern eine rasche Bewegung und in einem schmerzhaften Tone rief er: ,Wo bleibt die Wahrheit. — Einstimmiger Beschluß! — Hier meine Hand, nur Gott kann Sie Ihres Amtes entheben. Sie sind mit mir alt geworden, haben treu mitgearbeitet und wacker gekämpft gegen Leute, die nichts vergessen und nichts lernen, haben Ihres Amtes als würdiger Beamter gewartet, und diese Schmähschrift soll Ihle Alterszulagc sein? Nie, und nimmermehr! — Seit Jahren kämpfe ich gegen die Rechtlosigkeit der jüdischen Cantoren und Lehrer, und besonders gegen das unberechtigte Verhalten der Vorstände. — Ich ehre Ihren Beruf, Herr Cantor, aber ick muß ihn bedauern. Einen heißen Kamps führte ich in der gestrigen Sitzung für Ihre gerechte Sache, und nur wenige im Collegium stehen auf der Stufe wahrer Humanitär. Der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.