Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 21 (17.6.1885)
- Date
- 1885-06-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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dieses Wörtchen, dessen Gebrauch einzig und allein dem erhabenen Dichter der Psalmen eigen war, eine andere Bedeutung, als eine bloße Empfindung beizulegen. Der Umstand, dass dieses Wörtchen ausschließlich von dem: Helden und Dichter David gebraucht wurde, gibt mir den Anlass zur folgenden Hypothese, die ich auch nur approximativ bin stelle. Bekanntermaßen wurde David vom Beginne seines Züng. lingsalters, bis in sein reifes Mannesalter, bis derselbe nämlich den Thron Israels bestiegen hatte, von seinem königlichen Nivalen Sau! als. ein Gegenstand des Neides, der Scheelsucht und der Misguust auf Schritt und Tritt verfolgt. Dieser gefahrdrohende Zeitabschnitt bildete eigentlich die sprudelnde Quelle jener erhabeneu Dichtungen, welche bis beute unerreichbar dastehend, dem tiefgedrückten Dichterherzen entquoll, wie dies von dem Znbalte und der Ueberschrift der meisten Psalmen in unzweideutigster Weise hervorgeht, und wie er selbst in seiner Wehmuth klagend ausbrach: ארורים הם לפני ח׳ כי גרשוני היום מהסתפח בנחלת ה‘ לאמרי (Samuelis 26. 19) לך עבד אלהים אחרים Demzufolge ist es mit der moralischen Denkweise eines solchen Mannes vereinbar, dass er sich, wie die heilige Schrift erzählt ויתקבצו אליו כל איש מצוק וכל איש אשר לו נשא וכל איש מר נפש וגומר (Lamuelis 22. 2), mit einer Soldateska umgab. Zweifelsohne hat sich der Führer David, bei unvermutheteu und plötzlichen Ueberfällen, denen er fortan ausgesetzt war, eines Commandowortes zur Gegenwehr bedient. Als Anfübrer einer Neiterschaar durfte er das Wort כלה von סלה כל אבירי, in imperativer Form ,Zertritt" zur Aneiferung derselben angewendet haben, und das ihm durch die häufige Anwendung und durch den schlagenden Erfolg, den er hiedurch erzielte, so lieb geworden, dass er dies gleich nachher bei dem Entwürfe seines auf die Handlung Bezug nehmenden Psalmes, nicht missen wollte, und in dankbarer Neminiscenz das Wörtchen כלה, das ihm als Losungswort zur Aneiferung seiner verzweifelten Heldenschaar solche wesentliche Dienste geleistet, in seinen Psalmen zu verewigen, mag die Absicht des Dichtcrheroen gewesen sein, dass er manche seiner Verse mit dem Wörtchen, das für uns als ein bloßes Empfindungßwörlcheu gilt, geschlossen hat. Es ist die Reflexion, welches das Ergebnis meines Nach׳ denkens über die Bedeutung des Wörtchens מלה bildet. Ich scheue es nicht, mit dieser hypothetischen Interpretation vor die Oeffentlichkcit zu treten. Eben weil ich meine obige Erklärung als Hypothese declarire, und mir das Recht nicht vindizire zu sagen:קבלו דעתי. Es ist dieses Wörtchen ,םלד in der Bibel bis heute einzig in dieser Art dastehend, über dessen wahre intensive Bedeutung man nur Vermuthungen anstellen kann, und man immer noch im Unklaren ist. Zn Ermangelung der wahren Bedeutung desselben wird es als eine poetische Znterjection betrachtet, und dürfte dies schon wahrscheinlich als solche verbleiben עד שיבא אליהן. Josef L ö winger, Cantor in Keszthely. Talmudische Lösung der schon so häufig und in jüngster Zeit eifrig erörterten Schulfrage: Soll der hebräische Elementar-Unterricht activ, selbstthätig, grammatisch דייק oder in herkömmlicher Weise passiv, vor- und nachüberfetzend גרים ertheilt werden? Von ij. Goldstein, emeritirter Lehrer. (Fortsetzung.) , Näber liegt uns schon eine zweite Erscheinung in der jüdischen Geschichte, die wir natürlich auch eingehender und aus- , jährlicher besprechen möchten. Wer, wie ich, der älteren Generation angehört, sich der jüdischen Schule vor 50 Jahren erinnert und pietätsvoll seiner allen jüdischen Lehrer eingedenk ist, die von 5 Uhr Früh bis Abends 8 Uhr — mit kurzer Unterbrechung während der knappen Nestaurationszeil an einem dürftigen Mittagstische — als wahre Märtyrer der Thorah achtzehn Stunden täglich sich selbst und die arme Jugend mit Oüurnssob, Raseüi, Ocmarali und etwas jüdisch Schreiben abhärmten, dürfte sich wobl auch erinnern, dass bei der üblichen Rascüi-Lection, so oft eine grammatikalische Laselli-Erklärung vorkam — was sehr häufig der Fall, denn nur diese mustergittigen grammatikalischen "Erörterungen sind Raschi’s Urcigentbum, während alles Uebrige bekanntlich nur Talmud- und Nidra8cü-Auszüge im unnachahmlichen Lapidarstyl Raschi’s sind — unser würdige Rabbi s. A. sagte: ,Dos broch man!lischt zu lernen, dos is dikduk'. Es bedarf wohl meinerseits keiner Versicherung, dass es mir ferne liegt, jene im wahren Sinne des Wortes bemoosten Häupter, die uns das Wort des Herrn treulich nach bestem Wissen und Gewissen überliefert haben zu persifliren, oder gar zu schmähen; im Gegentheil, sie sind und bleiben mir hehre und erhabene Erscheinungen. Sie haben für ein höchst kümmerliches Entgelt die schwerste Arbeit, die B.lebrung der Jugend vollbracht. Die Wahrheit aber, dass dem so sei, werden alle meine Altersgenossen nicht in Abrede stellen und darf und soll nicht verschwiegen werden — amo Ciceronem, sed veritatem maxime. Hat jene ungramniaiikalrsche Lehrweise, wie meine Zeitgenossen gl eich mir sie durchgemacht, etwa im Talmud ihre Begründung? Fordert etwa der Talmud, deren echte Jünger unsere Lehrer s. A. waren, jene unpädagogische passive Lehrweise, mit der wir täglich fast 14 Stunden heimgesucht wurden, indem wir nachübersetzten, was unsere Lehrer s. A. uns vorübersetzten — jedes falsch gelesene hebräische Wort radebrechend und die deutsche Sprache so viel als möglich verunstalteten? Nein! nochmals nein und abermals nein! Die Nichtigkeit dieser Behauptung aus dem Talmud selbst nachzuweisen, wird durchaus nicht schwer fallen. Dass aber unsere Lehrer s. A. trotz ihres unmethodischen Unterrichtes so großartige Erfolge im Hebräischen zu erstreben vermochten und Hebräer wie sie die Measphim, Bikare, Haithim etc. bieten, heranbildeten —- lag einzig und allein in dem Umstande, dass die Jugend doch nur Talmud und Hebräisch 14 Stunden täglich lernte — ihren Geist also nicht mit so mannigfachem Lehrstoff, wie die Gegenwart es erheischt, belastete. Und dennoch leistete bei der Unmasse von Zeit, die auf einen einzigen Lehrstoff verwandt wurde, nur ein Zehntel etwas Erkteckliches, neun Zehntel der Jugend ging ganz baar und leer aus. — Zu so eingehender Besprechung und Benrtheilung der Lehrweise des in's Meer der Ewigkeit bereits geflossenen Zeitalters wurde^.ich, wenn auch etwas spä!, einzig und allein durch die Artikel Nr. 31, 37 38 des Jsr. Boten, Jahrg. 1876 veranlasst. Namentlich hat mich die so sachlich, des wichtigen Gegenstandes würdig gehaltene Amsterdamer-Correspondenz, welche der israelitischen Wochenschrift Nr. 28, 1876 entnommen ist, von der Salomonischen Wahrheit : ,Was war, wiederholt sich immer' — aus der jenes geflügelte Wort des Rabbi Akiba: ,Alles schon dagewesen", entstanden, überzeugt. Angeführte Nummern erörtern ein Thema, das ich bereits vor 36 Jahren beim Beginne meiner öffentlichen Lehrthätigkeit in einem Lehr- und Leseverein gründlich besprochen, damals mir Kränkung und Verdruß in Hülle und Fülle gebracht, was die jüdischen Zeitschriften Orient und Israelit des 19. Jahrhunderts bekunden. Damals stellte ich mir als praktischer Lehrer das -a