Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-06-17 · Heft 21 (17.6.1885) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 21 (17.6.1885)
Date
1885-06-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/1304829-3452999-3453020--1385-3455520
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 3 - Jsolirung gekannt hat. Wir zählten Milte 1882 und durften auf bessere Zeiten hoffen, wir durften uns diesem Hochgefühle umsomehr hingeben, da der erste Anlauf ein geradezu überwältigender war, und Alles deutete darauf hin, dass wir einem Völkerfrühling, einer glücklicheren Zeit enrgegengehen. Mehr denn ein Triennium ist seitdem verstoßen, eine kurze Zeit, aber lang genug, die Mängel und Lücken eines Erstlings» Werkes auszubessern. Ist das geschehen? Haben wir uns dem vorgesteckten Ziele genähert? Was soll aus unserem Vereine werden? Genügt die Sissiphusleistung von vier Gulden jährlich zur Anlegung eines FondeS, an den dereinst die Aufgabe herantritt, einen Zehrpfennig für Amtsveteranen. für Witwen und Waisen flüssig zu machen? Wäre es nicht Hochernst, mau müßte staunen über die Gleichgiltigkeit mir' welcher ähnliche Nothstandsfragen übergangen werden. Ist eS auch nicht Jedem gegeben, mit Ziffern, wie sie in Banken und Versicherungs-Gesellschaften praklicirl werden, Fangball zu spielen, wie dies mehrere, an dieser Stelle ergangene Aufforderungen hinlänglich beweisen, so kannte doch auch der Naivste jenes Zaubermitlel, das in dem Refrain gipfelt: Geld, Geld und wieder Geld! dies zu beschaffen, fei es durch eine Erhöhung der Jahresbeiträge, durch Zinsenerträgniße, durch Schenkungen, durch Hinzuziehung von interessirenden Gemeinden, durch großherzige Spenden oder durch andere Wohllhäligkcitsacte, wäre wohl möglich, jedoch ist dies, bet 011 Schwerfälligkeit, mit der sich derartige Maschinerien b^weg-.u, nicht ohne Retorsion denkbar. Indessen sind es andere scpwera-tegendere Symptome, welche unsere volle Aufmerksamkeit ans sich lenken. Seil geraumer Zeit hat es den Anschein, als schwände jedes Atom cantoraler Geistesthätigkeit aus den Spalten der Cantoren-Zeitung und nur ein verschwommener Reflex in der Gestalt eines Feuilletons, eines offenen Briefes und ähnlichen Snbtilitäten deuten darauf hin, dass wir noch nicht ganz zu den geistig Lodten zählen, dass wir nur noch lose durch ein schwaches Gewebe, das jeder Windftoss entzweireißen kann, aneinander geknüpft sind. Ein kurzer Zeitraum noch von dieser Geistesfiusternis umnachtet, und wir sind weit, weit dahin zurückgeschleudert, wo kein Lichtstrahl der Aufklärung dringt, wo wir Werden anfangen müssen alle Errungenschaften einer kurzen Glanzzeit wieder von neuem zu entdecken. Was ist aus unserer Cantoren-Zeitung geworden? Wir erkennen sie nicht wieder i Von alle Jenen gemieden, die a priori ■berufen sind, die Mahner und Wecker, die Lehrer und Leiter einer gedankenlosen Menge zu sein, fristet sie ihr Leben von den mageren Brocken fremder GeistcSproducte, die, wenn überhaupt, ihr nur spärlich zufließeu und welche das Schicksal alles Nichtsachlichen ereilt, nämlich nicht gelesen zu werden*). Selbstverständlich würde es Niemandem bet- ״)Wenn wir auch die vor! dem geehrten Autor gemachte traurige Wahrnehmung bestätigen, dass ein großer Theil der Kantoren sich ganz ungerechtfertigter Weise von jeder geistigen Thätigkeit, resp. von der Kundgebung derselben in unserem Fachblatte zurückhält, so müssen wir dennoch der Behauptung entgegentreten, daß jedes Atom cantoraler Geistesthärigkeir aus den Spalten der Cantorenzeituug geschwunden zu sein scheint. Können wir nicht vielmehr noch immer mit Stolz auf solche Männer Hinweisen, die Aufklärung und Belehrung als heilige Pflicht ihrem Stande gegenüber betrachten? Es erscheint z. B. in unserem Blatte schon seit zwei Jahren ununterbrochen eine Artikelserie ,Neber die Entwicklung des Spnagogengesanges" von Obercantor I. Linger; diese Arbeit findet in- und außerhalb der Cantorenkreise vollste Anerkennung und gerechte Würdigung, und es wäre geradezu lächerlich, auf ihr den Vorwurf des Nichtsachlichen beruhen zu lassen. Aehnlich verhält es sich mit den Arbeiten einer, wenn auch geringen Anzahl treuer Mitarbeiter, die wohl nicht^alle dem Cantorenstande angehören, deren Artikel jedoch höchst wesentliche und bedeutsame Fragen behandelten und von dem Schicksale, nicht gelesen zu werden, gewiss nicht ereilt werden. So sehr wir also die löbliche Absicht des^Autors in der Aneiferung der Collegenschaar zur geistigen Thätigkeit anerkennen, müssen wir dennoch eingestehen, dass er viel zu schwarz gesehen und im Uebereiser über das Ziel geschossen hat. " Die Red. fallen, die Redactionßleitung, die unverdrossen über ein Unter-- nehmen wacht, das wenig lucrativ ist, dafür aber dem Cantorentbum unschätzbare Dienste leistet, für Etwas verantwortlich zu machen, was sie selbst durch wiederholte Enuuciationen und mit vollem Rechte gegeißelt; jenen College» aber, die es oft und mit glänzender Geistesschärfe bewiesen haben, dass vom Cantor bis zum praktischen Menschen und von diesem bis zum ingeniösen Masseninstructor nur ein Schritt ist, die es überhaupt dabin brachten, dass vom Cantor und Cantorenthum in Kreisen gesprochen, und mit Achtung gesprochen wird, wo er früher kaum als Alltagsmensch und zuweilen noch darunter galt — ihnen gilt mein Wort. Auf denn, Ihr biederen Vorkämpfer, brechet vow neuen eine Lanze für Euere Berufsgenossenschaft, deren Fahne zu ver» blassen droht! Sehet Ihr denn nicht, wie die Wellen um uns zusammenschlagen, wie Alles rasch bergab geht? Der Einheitssinn schwindet, das collegiale Mitempfinden nimmt ab, die Gefammt- Interessen ftagniren, der Zersetzungsprozess macht riesige Fortschritte, die Stellenjägerei steht aus der Tagesordnung obenan, alte, amtserprobte Mitgenossen werden verdrängt und durch Neulinge, die nichts als ihre Jugend und ein Lästermaul aufzuweisen haben, ersetzt. — Alles, Alles, was wir errungen und was wir ersungen, droht in Brüche zu gehen. Gönnte mir mein Amt die nöthige Muße, ich würde schon längst Klagelieder über die Verstocktheit unserer Besseren ange» stimmt haben. Mit dem geistigen Leben eines Standes hängt auch sein materielles Wohl innigst zusammen. Jede Genossenschaft, ohne Parteiunterschied, bedarf zu ihrer eigenen Fortent- Wickelung eines geistigen Organes, ermangelt sie dessen oder bringt sie es durch eigene Lässigkeit d^hin, die Existenz eines solchen zu erschweren, so ist sie geistig unreif und verdient es nicht bei hereinbrechendem Ungeschicke nach Hilfe und Rettung zu schreien. Wir, die Aschenbrödel in den Gemeinden, an denen Jedermann sein Müthchen kühlt, wir, die wie ein schwankes Rohr jeder Windrichtung preisgegeben sind, wir, deren Capital die Kehle und deren Rückhalt der Synagogenaltar ist — wir sollten der Einheit nicht bedürfen? Ist meine sch vache Lyra auch nicht geeignet, in Tönen zu erklingen, die dem Künftlerherz Sirenenmusik däucht, so fühle ich mich von vornherein belohnt, wenn mein Warnungsruf nicht ungehört verhallt. I. Schwarz. Weißkirchen, am 15. Juni 1885. Eine Hypothese. Der Autor der in diesen geschätzten Blättern erschienenen Artikelserie .Ueber die Musik der alten Hebräer' hatte unter anderen Erklärungen, das in den Psalmen oft gebräuchliche Schlusswörtchen ,סלד als eine musikalische Bezeichnung dargestellt. Diese Darstellung gab mir die Anregung, auch über die phylologische Bedeutung dieses Wörtchens nachzudenken, und erlaube ich mir hiemit das Ergebnis desselben in Form einer Hypothese in den Spalten dieses Blattes zu veröffentlichen. Der königliche Sänger David hatte in seinem erhabenen Werke der Psalmen, viele Verse mit dem oben erwähnten Wörtchen, das nichts sonst als eine Jnterjeetion zu bedeuten scheint, geschlossen. Es haben gewiß Wortsorscher jeder Zeit über die eigentliche Bedeutung des Wörtchens nachgedacht. Doch dürfte bis heute, trotzdem jedes Tipfelchen in der Bibel seine Interpretation erhalten hat, meines Wissens noch Niemandem gelungen sein,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.