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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-06-17 · Heft 21 (17.6.1885) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 21 (17.6.1885)
Date
1885-06-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 - Werk liefert uns den schlagendsten Beweis für die Lauterkeit seiner musikalischen Gesinnung, für die Gediegenheit seiner fachmännischen Anschauung; während die Herausgeber anderer, ähnlicher Werke durch einfaches Verwerfen der Tradition die Bedeutung der Originalität zu erringen vermeinten, blieb Cohn, inmitten der umsichgreifenden Zerfahrenheit, deshalb originell, weil er die Tradition nicht verließ. Nicht die traditionelle Melodie allein findet bei Maier Cohn eminente Berücksichtigung, sondern in der Anknüpfung und Beibehaltung der bis dahin üblichen Einrichtungen erblickt er das Hilfsmittel für die Neugestaltung des Synagogeugesauges. Maier Cohn schreibt ,würdevolle Gesänge für ein V o r s ä n g e r - T e r z e t t und CH Dt'.. Betrachten wir nun den Ausdruck ,Vorsänger-Terzett' etwas genauer, so erblicken wir in demselben nichts anderes, als die einstigen Vertreter des Syuagogengesanges, nämlich Chasen, Baß und Singerl. Die Einrichtung wurde von Maier Cohn Leibehalten, weil dieselbe, nach seinem Ermessen, nicht so einfach verworfen werden konnte, ohne eine Lücke zurückzulassen, die den betenden Juden zu Mindest unbequem erscheinen müsste. Jedoch, wie die angeführten altsynagogalen Benennungen der Bezeichnung .Vorsänger-Terzett' weichen mussten, so sollte auch dem .Zuhalten aus dem Stegreif' durch strenge Aufzeichnung jeder Stimme ein Ziel gesetzt worden, und wie trefflich erscheint uns die diesbezügliche Anordnung des Stoffes seitens des Herausgebers. All' jene Stellen, die sonst von דק und משוררים ausgeführt wurden, und namentlich jene des MN erscheinen hier in leicht singbare Terzette geeint, bei denen der דק stets die Oberstimme behält, während jene Stetten, wo sonst die Gemeinde responsorienartig thätig war, oder auch die sögenannte Äufführungsnummer, allwo die Gemeinde passiv blieb, in zumeist stylgerechte, gemischte Chöre gesetzt sind. Noch eine andere altjüdische Observanz behielt Cohn als nothwendiAe Ueberbrückung des alten Systems mit der neuen Richtung. Wer kennt sie nicht die stets geschäftigen und hilfbereiten Docenten der einstigen Judengemeinden, die mit den Allüren des fachmännischen Uebergewichtes stets von der Künstlerschafl des ,alten Chasen' zu reden wiffen und sich anmaßen, der Mentor des Cantoratsnovizen zu sein, namentlich, wenn der Letztere aus einer anderen Gegend kommt und nicht von der weltbewegenden Thatsache Kenntnis hat. wie wunderbar z. B. der vorige Chasen bei;לך עטי שירד im Fistel gesungen, wenngleich es auch nach den Regeln der Sangeskunst dem Bariton- oder Baßsänger nicht erlaubt ist zu fistiliren, oder anderen ähnlichen hochwichtigen Angelegenheiten. — Nun, wenn der junge Chasen in den üblichen Gesängen nicht bewandert und der betreffende Mentor sonst ein für den Gegenstand begeisterter Mensch ist, so kann diese Mentorschaft insofern zum Segen gereichen, dass der junge Chasen wenigstens hört, wie es früher üblich war, und auf diese Weise durch das Verständnis des Gewesenen zur rechten Erkenntnis des zu Schaffenden zu gelangen; oftmals hat sich auch eine, wenn auch nicht traditionelle Melodie, derart in's Herz der Gemeinde gesungen, dass man selbst bei eventuellen Neuerungen mit einer solchen Thatsache rechnen muß. Diesen Gesichtspunkt finden wir auch im Cohn'schen Werke vertreten, indem der Autor Melodien, die ihn von den Herren Neustädter und Heffel vorgesungen wurden, musikalisch correct bearbeitet, demselben cinverleibte und der jeweiligen Melodie auch den Namen ihres genialen — Schöpfers hinzufügte — jedoch gleichzeitig bemerkend, dass die Harmonisirung von einem Andern besorgt wurde. Wenn Cohn sich veranlasst fand, eine von Heffel frei erfundene Melodie für והכהנים in die Sammlung aufzunehmen, so muß er hiezu zwingende persönliche Ursachen gehabt haben, von fachmännischem Standpunkte kann dieses Vorgehen keineswegs gebilligt werden.; Gleicbfalls auffallend erscheint die Tbatsache, dass Cohn mehrere Lovische Gesänge dem Werke einverleibte, ohne den betreffenden Gelängen den Namen des Componisten voranzustellen, sondern dieselben einfach mit a. N. bezeichnete. Seltsamer Weise finden wir auch den in Schir Zion I befindlichen Drexler'schen הללויה in A für drei Stimmen, hier für vier Stimmen bearbeitet, ohne jegliche Notiz, wer die Umarbeitung besorgte. Den Schluss des Werkes bildet eine interessante Zusammenstellung sämmtlicher 2^^2-Mclodien für ר" ה und י״כ für Cantor, Solo und die ו^איכה!^»*™^» für gemischten Chor rc. Das Buch - bildet einen höchst interessanten Beitrag zur Geschichte des Synagogengesangeö und kann sowohl seines trefflichen Inhaltes wie auffallend billigen Preises wegen zur Anschaffung ein dringlichst empfohlen werden.*) (Fortsetzung folgt.) *) Alle diesbezüglichen Aufschlüsse ertbeilt Herr Emanuel Kirschner, Obercantor der israelitischen Cultusgemeinde in München, Schützenstraße, bereitwilligst. Reminisceiyen. Unerforschlich, wie seltene Naturerscheinungen, die täglich und stündlich dem staunenden Menschenblicke sich offenbaren, ist wohl der Mensch selbst in seinen Plänen und Zielen. Mit unermüdlichem Eifer schafft und strebt er Werke an, die dauernd, allumfassend und gemeinbeglückend zu werden versprechen, um sie, wenn ein Erfordernis des Augenblickes es erheischt, der Vernichtung anhcimzngeben, als wäre es tändelndes Spielzeug, eitles Lustgebilde, was er jahrelang im Schweiße seines Angesichtes erarbeitet und erzeugt hat. So ist der Weltenlaüs; es grünt und sproßt, blühet und schießt in die Halme, was ein milder Sonnenschein des Frühlings geküsst, es verdorrt und verkümmert, vertrippelt und vergilbt, was ein grimmer Nordschauer mit seinem eisigen Lufthauche bestrichen. Alles wechselt und verjüngt sich im Weltall, ein Jahrtausend gleitet unmerklich über die Ewigkeit hinweg, nur der Erdensohn, in seiner raschlebigen Dauer, darf mit Lebensgrundsätzen nicht ungestraft feilschen, und thut er es dennoch, wozu ihn Tagesereigniße, Opportunität oder ein Kitzel des Ehrgeizes drängen, so bleibt es gleichwohl ein immer wiederkehrendes Merkmal menschlicher Verirrung und menschlicher Unvollkommenheit. Jubelnd begrüßte das Canlorenthum die erste Nummer der Cantoren-Zeiluug, jubelnder noch die Tendenz, die sie auf ihrer Fahne geschrieben. Mit Blitzensschnelle griff dieser große Gedanke um sich, Alt und Jung begeisternd; tief im Herzen schlummernde Gefühle, die dem Ersterben nahe waren, wurden wieder rege und gaben durch eine Fluth von Zustimmnngs- Kundgebungen, die von Ost und West, von Süd und Nord gleich mächtig sich ergoß, zu erkennen, dass cs nur einer feinfühligen Hand, eines kühnen Griffes bedurfte, diesen glimmenden Funke einer eollegialcn Zusammengehörigkeit zu einer mächtigen Lohe ausiodern zu lassen. Nasch hintereinander folgte Thal auf That, Mann an Manu reihete sich und that sich zu einer geschloffenen Phanlaux zusammen, die Contonren eines werdenden Vereines wurden allenthalben sichtbar und nahmen im raschen Fluge greifbare Gestalt an. Und in der That sahen wir bald darauf einen schönen Traum zur Wirklichkeit werden; zuerst einen Cantorentag, unmittelbar darauf einen Can toren-Verein und als drittletzte Thal, die Gründung einer Pensions- und Unterstützungs-Caffa — lauter Dinge, deren Tragweite nur Jener ermessen dürfte, der die frühere Standesentfremdung, seine Zerfahrenheit und traurige

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