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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-06-09 · Heft 20 (9.6.1885) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 20 (9.6.1885)
Date
1885-06-09
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Söhne in Folge des Fluches des heiligen Rabbi erfolgt sei. Das! glaubten aber nicht nur die Juden, sondern es fanden sich auch viele Christen, die diesem Glauben beipflichteteu; denn von Nah und Fern waren auch gar oft Katholiken und Protestanten zu dem heiligen Mann gewandert, dessen Fähigkeit, durch sein Gebet Wunder zu verüben, sie unverhohlen anerkannten. So lässt es sich auch erklären, dass die Witwe Kossuth's mit ihrem einzig noch׳ übrig gebliebenen Sohne Ludwig zu dem heiligen Rabbi von Ujhely eilte, damit sie denselben aussöhue und seinen Segen für ihr Kind erbitte. Der Rabbi zögerte Anfangs, den Wunsch der Witwe zu erfüllen, doch die selten lieben und durchgeistigten Gesichtszüge des Kindes und seine außerordentlich klugen Antworten umstimmten den frommen Mann, und indem er seine Hände auf den Kopf des Kindes legte, sprach er laut Len Satz aus den Psalmen: ^R088at0 lijerecho nes lehisnoses mipne Kosehet selah.“ (Du Haft [0 @ctt] deinen Auserwählten eine Fahne gegeben, dass sie entfaltet werde im Namen des Rechtes und der Wahrheit.) Die Mutter Kossuth's soll diesen Satz dann in ihr Gebetbuch eingeschrieben haben. Der Ujhelyer Rabbiner aber hat deshalb diesen Satz gewählt, weil in demselben das Wort Koseliet (Kossuth) vorkommt, welches Recht. Wahrheit bedeutet, und der Satz wurde wahrend des ZreiheitskampfeS von den patriotischen Zudeu wie folgt übersetzt: Du hast deinen Auserwählten eine Fahne gegeben, dass sie entfaltet werde im Namen Kossuth's. Ueber die Rache eines Tisza-Eßlarer Juden berichtet die ,Pst. Jud. Ztg." Folgendes : ,Seit einigen Tagen wird irr Tisza-Eßlar und Umgebung herzlich gelacht. Der Streich war aber auch kein alltäglicher, den der Händler Samuel Lustig, eines der Opfer des Nyiregyhäzaer Schandprozesses, dem Hauptmacher desselben, Geza Onody, gespielt hat. Dieser unglückliche Lustig hat sich nach seiner Rückkehr in seine Heimat nach fünszehumonatlicher Hast nur schwer wieder in seine alte Lebensweise hineinleben können. Gar so freundlich kamen ihm die Bauern des Ortes und der Umgebung auch nicht entgegen, ja er war gar oft von Seite der ausgestachelten Landleute allen möglichen Insulten ausgesetzt. Er wollte den Ort verlasst», nach Amerika gehen, hiezu mangelte es ihm aber gn Spesen, denn die gewisse Kanzlei, die ihm und seinem Leivensgenossen Abraham Braun in ihrem diesbezüglichen Vorhaben behilflich zu sein versprach, kann sich trotz wiederholter Briefe und Bittgesuche der Unglücklichen ihres Versprechens nicht mehr erinnern. Lustig mußte also, ob gut oder schlecht, in Tisza-Eßlar bleiben. Und der Bedauernswerthe hätte sich auch schon mit seinem Schicksale abgefunden, wenn nicht ein neuer, unerwarteter Schlag all sein Bemühen, sich in Tisza- Eßlar fortzubringen, vereitelt hätte. Zum größten Unglücke Samuel Lustigs ist nämlich in das Geschäft Gsza Onody's, das er hier mit einem antisemitischen Blatte unternommen hatte, schon nach wenigen Wochen ein furchtbarer Krach eingetreten. Das Geld zu'dem Unternehmen hat zwar der halbverrückte antisemitische Judenfreund, Graf Paul Festetits jun., hergegebeu, Geza Onody, dieser Krämer der Antisemiten, hatte aber kühne Hoffnungen an dieses Geschäft geknüpft, und Liese sind ebenso zu Waffer geworden, wie die Hoffnungen, diss er in das bekannte Unternehmen von Tisza-Eßlar gesetzt Hai. (Mit dem Bilde der Esther Solymossy hat zwar Onody in Deutschland ein gut Stück Geld verdient, aber selbst das scheint sich nicht rentirt zu haben, denn das Bild ist bei einem hiesigen jüdischen Trödler auf 20 fl. — versetzt.)- Der Krach des ,Magyar Lap' hat Onody auch noch andere Unannehmlichkeiten gebracht. Die antisemitischen Führer hatten nämlich wahrend des Unternehmens den teuflischeu Charakter OrroLy's erkannt, fünf sind ans dem antisemitischen Club, dessen Präsident er ist, ausgeschieden, sechs, die zurückgeblieben sind, hatten gleich vom Anfang einen anderen Präsidenten, Baron Andreansky, und drei waren gar nicht Mitglieder des Clubs. Onody fand es also für gut, vorderhand die Hauptstadt zu verlasseu und in Tisza-Eßlar sich nach einem neuen Geschäft umzusehen, und daS ist ihm denn auch gelungen. Im Frühling pflegt sich nämlich Samuel Lustig damit zu beschäftigen, daß er bei den Bauern die jungen Kälber zusammenkanft. diese dann den Nyiregyhäzaer oder Tokayer Metzgern abliefert. Am Tage der Ankunft Onody's geschah es nun, Lass Samuel Lustig, als er im Stalle eines Bauern den Kauf eines Kalbes abgeschlossen hatte, eine Stimme hinter sich hörte, die dem Bauer znries: ,Was macht denn dieser Jude da?' — ,Das Kalb hat er gekauft, gnädiger Herr!' — ,Das Kalb kaufe ich, hier die Angabe,' und der arme Lustig verließ unlustig den Stall. Tags darauf wiederholte sich die Scene und sie spielte sich auch ein drittes Mal ab. Onody passte sich den Samuel Luftig förmlich ab, und er kämm immer dann den Kauf zu vereiteln, als Lustig denselben bereits abgeschlossen hatte. Vergangenen Sonntag wurde dem schwergeprüften Lustig noch eine andere Ueberraschung zu Theil. Er schloß mit einem Bauern den Handel ab, Onody war hinter seinem Rücken nicht erschienen und Lustig wollte sich schon ganz glücklich darüber, dass er seinen Concurrenten aus dem Felde geschlagen habe, entferneu, als ihm der Bazier erklärte, dass aus dem Kaufe nichts werden kann. — ,Aber warum denn?' — ,Weil ich dieses Kalb Onody verkaufen werde.' — ,Wozu ließen Sie sich aber dann mit mir in den Handel ein?' — Der Bauer wollte nicht recht mit der Sprache heraus, als sich aber die Sache bei einem anderen Bauer ganz in derselben Weife wiederholte, da hatte Lustig eingesehen, dass das Ganze ein reustischer Streich des Onody'schen Krämergeistes sei. Und er hatte Recht. Onody ließ nämlich den Bauern des Ortes und der Nachbardörfer sagen, dass, wenn der Jude Lustig behufs Ankaufs eines Kalbes kommen wird, so sollen sie mit ihm den Handel abschließen, das Kalb aber sollen sie ihm (Onody) überbringen, da er dafür so viel bezahlen wird, wie viel der Jude aushandeite. Der Kniff macht wahrlich dem speculativen Geist des antisemitischen Landesvaters alle Ehre, dem Juden wird das Verdienen unmöglich gemacht, Onody wird zu seinem Erben eingesetzt, aber nur bezüglich des Profites, denn die Mühe und daS Aushandeln wird der Jude für ihn besorgen. _ Das wäre denn auch ganz vorzüglich ausspecnlirt. — Aber der Jude Lustig ist ja auch ein Krämer und auf den Kopf ist er auch nicht gefallen. Nie war er noch so fleißig, nie so unermüdlich im Abschließen von Geschäften, wie in den Tagen der vergangenen Woche, und Mittwoch stand bereits eine kleine Heerde von Kälbern im Hofe Onody's, an der der Abgeordnete von Hajdn- Nanas Tags darauf die runde Summe von 30V fl. eiubüßte. Lustig aber erhielt in Folge geheimer Abmachung von jedem Bauer eine kleine Provision dafür, dass er die Kälber zu so guten Preisen aushandelte. Man denke sich nun die lange Nase Onody's, der sich von dem Budapester Krach kaum erholte, einen zweiten ״Krach' erleben musste, und das wieder in Tisza-Eßlar. Ob Lustig nach diesem Streiche in Tisza-Eßlar wird verbleiben können, ist zwar sehr Zweifel- Haft, gewiss aber ist,,dass Onody nie wieder zu seinem Concurrenten werden wird. Metersöurg. Ein eigenthümlicher Prozess fand dieser Tage dahier statt. Der 50 Jahre alte, schwäche und kränkliche Selig (Peter) Grünfeld aus Milan wurde im Knabenalter, wie es. zu damaliger Zeit oft vorgekommen, iu's Militär gesteckt, nach seiner Aussage im Jahre 1852, als er krank im Spitale lag, gegen, seinen Willen getauft und im Jahre 1859 mit einem christlichen Mädchen verheiratet, mit dem er aber nicht ehelich gelebt, und von dem noch jetzt zwei Söhne und eine Tochter leben. 1875 erhielt er den gesetzlichen Freitrief, in welchem der Schreiber, angeblich auf sein Ersuchen, den jüdischen Namen einschrieb und von seiner Verheiratung nichts erwähnte. 1875 »erließ er heimlich seine Frau und heiratete in Petersbürg ein jüdisches Mädchen nach jüdischem R.itus, mit dem er bis 1879 glücklich lebte. In diesem Jahre wurde er von einem Soldaten

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