Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 20 (9.6.1885)
- Date
- 1885-06-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 - Leute, Sänger und Sängerinnen, wenn sie zum Schauspiele übergehen wollen, nickt unbedeutende Schwierigkeiten zu überwinden haben, weil sie ihre ganzen psychischen Prozesse, mit welchen sie bisher die Töne ausgefasst haben, umändern müssen, um null nicht mehr den Bewegungen des Grundtoneß, sondern aber den Veränderungen in der Klangfarbe, dem Timbre, zu folgen. Es wurde früher dargethan, dass die Klänge im Obre zerlegt wergcn, indem daselbst nur pendelartige Schwingungen entstehen, und alld jeder Klang in diejenigen pendelartigen Schwingungen zerlegt wird, sür welche er nach der Form und Periode seiner Schwingungen Impulse abgeben kann. Man nimmt also eigentlich nicht den Klang als solchen wahr, sondern den Grnndton desselben und die harmonischen Obertöne; aber wir sind uns dessen sür gewöhnlich nicht bewusst, weil wir immer den Klang als Ganzes auffassen, und es bedarf einer besonderen Aufmerksamkeit und Neberlegung, um in der Klang- Masse einzelne Obertöne zu erkennen. Nun kann man aus zwei Wellenjystemen nicht nur ein neues erzeugen, sondern mehrere, indem man sie sich mit ihren Phasen in verschiedener Weise aufeinander gelegt denkt. Es kann also ein System von mitschwingenden Körpern in seinem actnellen Zustande gleichzeitig Weliensystc'men von verschiedener Form, aber gleicher Periode elil!plk-.ven. Es fragt sich deshalb, nimmt das Ohr wirklich die Gestalt der Wellen wahr, die ihm zukommen, oder nimmt, es. wie II.an nach dem Bisherigen erwarten muss, nur das Resultat der Äualyse wahr, die es mit den Klängen vorgenommen hat? Es wurden durch Experimente mittelst Stimmgabeln dieselben Wellensysteme thatsächlich zu verschiedenen׳ Formen zusammengesetzr und man hat gesunden, dass der Klang ein und derselbe war. Das Ohr nimmt also nicht die Gestalt der Welle als solche wahr, sondern nur das Resultat der Analyse. Gleiche Klänge müssen, wenn man sich so ansdrücken darf, physikalisch isomer sein, aber sie brauchen nicht isomorph zu sein. Mit anderen Worten, die Welle braucht nicht dieselbe Gestalt zu haben, wenn nur das Resultat der Analyse dasselbe ist, wenn man bei der Zerlegung nur dieselben Wellensysteme pendelariiger Schwin- Zungen mit denselben Amplituden erhält. Den zu dieser Anschauung führenden Erfahrungen haben andere Forscher nach ihrer Erfahrung widersprochen. Sie hörten bei Veränderung der Phasendifferenz eine massige Veränderung der Klangfarbe. Diese Controverse ist jedoch auf die Theorie des Hörens im Allgemeineu von keinem besonderen Einflüsse. Bisher ist in dieser Abhandlung immer nur auf einen einfachen Klang Rücksicht genommen worden; es ist aber klar, dass mehrere Klänge, wenn sie zugleich angegeben werden, sich auch in der Lust zusammensetzen müssen, da ja ein Luftmolekül in demselben Augenblicke immer nur in einer Weise und nicht gleichzeitig auch in einer anderen Weise bewegt werden kann. Wir haben nun angenommen, dass bei dieser Zusammensetzung eine einfache algebraische Addition statlfinde; dabei wurde vorausgesetzl, dass die Ausweichung des Moleküle aus ihrer Gleich, gewichtslage nur sehr klein sei im Verhäliniße zum Abstande der schwingenden Moleküle von einander. Da, wo diese Bedingung nicht erfüllt ist, ist dieses Gesetz nicht mehr giltig, und da entstehen durch die Zusammensetzung von zwei Tönen sögenannte Combinationstöne. Es gibt deren zwei Arten, die einen, die stärker hörbaren, sind die Differenztöne, die dadurch charak-!erisirt sind, dass die Schwinzungszahl des einen Tones gleich ist der Differenz der.Schwingungszahlen der beiden zusammensetzenden Töne. Die zweite Art der Combinationstöne bilden die Sumnialionstöne. Diese sind dadurch charakterisirt, dass die Schwingungszahl des Combinatroustones gleich ist der Summe der Schwiugungszahlen d׳.r beiden zusammensetzenden Töne. Die Combinationstöne können nun nicht blos durch Zusammensctzung der Grundtöne entstehen, sondern auch durch Zusammensetzung der Oberlöne. Es kann also die Zahl der Töne, die aus einer Klangmasse hervor gebt, die das Ohr aus einer Klangmasse herausanalysirt, eine sehr bedeutende sein. Aber das Ohr fasst nicht jeden dieser Töne einzeln auf, sondern nur den Klang im Ganzen, und wenn es in einem Eonccrte seine besondere Aufmerksamkeit auf bestimmte Töne richtet, so sind diese auch nicht einfache Töne, sondern Klänge. Es ist ein bestimmtes Instrument mit seinem Klange, dessen Gang man in der ganzen Klangmasse mit seiner Aufmerkjamkeil verfolgt. Man unterscheidet consonirende und dissonirende Töne und consouirende und dissonirende Klänge. Wir sagen, dass zwei Noten mit einander Consonanz, und dass zwei Noten mit einander eine Dissonanz geben. Man wusste seit längerer Zeit, dass im Allgemeinen diejenigen Töne, deren Schwingungszahlen in einem einfachen Verhäliniße stehen, eine Consonanz geben, und dass diejenigen, deren Schwiugungszahlen in einem complicirten Verhälluiße stehen, eine Dissonanz geben; aber woraus die Consonanz und Dissonanz eigentlich beruhe, ist erst von Helmh o l tz ausgedeckl worden. Dieser hat dargethan, dass Consonanz nichts Anderes heißt, als conlinuirliche Tonempsiadnng. und Dissonanz nichts Anderes als discontinuirliche Loncmpsindung. Zwei Töne, welche um ein sehr Geringes von einander entfernt sind, geben, wie schon früher erwähnt wurde, Schwebungen, indem sich durch das abwechselnde Aufeinandecsallen von Weilenberg und Wellenberg und dann wieder von Wellenberg und Wellenthal die Impulse in der einen Periode zu einander addiren, und in der andern sich von einander abziehen, einander vernichlen. Wenn die Differenz der Töne größer, so muß die Periode, in der diese Abwechslungen erfolgen, kleiner werden, es müssen also mehr Schwebungen in der Zeiteinheit entstehen, und endlich rücken die Schwebungen so nahe aneinander, dass dadurch ein gewisses Stoßen, ein gewisses Knarren, eine unangenehme Rauhigkeit des Tones entsteht, und das ist es, was man mit dem Namen der Dissonanz bezeichnet. Die Rauhigkeit der Töne ist am größten, wenn etwa 33 Schwebungen in der Seeunde ftaltsinden. Wenn weniger Schwebungen in der Seeunde׳ stattfinden, ist die Dissonanz weniger unangenehm, weil dann die Schwebungen doch noch weiter auseinander fallen und sich nicht so scharf markiren. Wenn mehr als 33 Schwebungen in der Seeunde slaufinden, so verwischen sie sich wieder mehr, fließen mehr ineinander und sind dadurch weniger lästig. Es gilt dies sür alle Tonlagen. Es gilt auch für hohe Tonlagen, in welchen sie noch viel mehr als 33, ja noch mehr als 40 Schwebungen in der Seeunde durch ihre Rauhigkeit kenntlich machen. Man hat nun den Grad der Rauhigkeit der einzelnen Töne berechnet, rein nach physikalischen Grundsätzen, und hat dann gefunden, dass in der That das Resultat ein solches war, dass sich wirklich diejenigen Intervalle, welche als die reinsten und die׳ besten bekannt sind, auch hier bei der Rechnung als die reinsten und besten erwiesen, und dass in der Thal sür diejenigen Combinationen, welche in der Musik als entschiedene Dissonanzen bekannt sind, das Maximum der Rauhigkeit herauskam.