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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-06-01 · Heft 19 (1.6.1885) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 19 (1.6.1885)
Date
1885-06-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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— W - Das Fragment eines am Eingänge der Composition be- : find!ichen MotiveS kehrt beim Fragesatze ^la tiscbtocbacbi naksclhi wieder und vermittelt den ruhigen Uebergang zur An- . fangsftimmnng der Composikion, die auch bis zum Schluffe desselben sestgehalten erscheint. Müssen wir nun׳ in redlicher Ersüllung unsere:׳ Beurthcilung den bellcwLichlseilen der vorliegenden Lachner'schen Arbeit gegenüber, auch einige dunkle Punkte derselben verzeichnen, so geschieht es teineswegs, um die musikalische Meisterschaft des Componisten anzutasten — das liegt, angesichts der merilorischen Bestrebung׳ weder in unserer Absicht und äugesichts der Weltberühmtheit des Meisters auch nicht in unserer Macht — sondern lediglich, um unserer Ueberzeuzung ehrlich und männlich Ausdruck zu verleiben. Wir meinen die in der׳ Arbeit auslretentcn b r eiten Harmonie»/ Ist es schon zu verwundern/ wenn ein Meister von der Bedeutung Lachner's Harmonien setzt, bei denen zwischen Baß und Tenor Intervalle bis zur Decime Vorkommen, so verblüfft diese Thalsachc um so mehr, als zur Erreichung solcher Harmonien Baßfiguren bingestellt werden müssen, die schon bei einfacher Durchsicht auffallend und im Zusammenklingen erzwungen scheinen; so z. B. haben wir keine Aufklärung für die Bewegung des Baßes bei der Harmonie des Wortes jeschuos, wo das Baß-A der fünften Linie für sämmtliche 4 Accorde gemeinschaftlich ist und ruhig liegen bleiben könnte, während der Meister eine Bewegung von -A fceS ersten Zwischenraumes zum D und dann erst zum A verzeichnet und ähnlich andere Stellen. Allein, wie erwähnt, diese Erklärung möge kei::.ecu׳egs. als Tadel, sondern als der Ausfluss pe!sönlichen Bedenkens angesehen werden, weil der Meister bestimmt sowohl zur Knappheit der musikalischen Hilfsmittel so auch zur äugedeuteten Erscheinung durch künstlerische Motive sich veranlasst sah. Der Totaleindruck der Arbeit ist ein ergreifender und kann dieselbe als Musterbild des Synagogen - Psalmgesanzes allen Kunstbeflissenen dieser Gattung warm empfohlen werden. (Fortsetzung -folgt.) Zur Textkritik der fragliche» Stelle des Neumond-Segens. von Ar. A. Löwy, Rabbiner und Prediger in Bntschowitz, Mähren. Die Frag-׳, ob man beim Einsegnen des Neumondes, wenn 2 Tage Rausch Chaudesch bevorstehen. הבא oder הבאים sagt, wurde mit Fug und Recht zum Gegenstände einer eingehenden Discnssiou erhoben in dem Organe, das sich zur Aufgabe stellte, alle gottesdienstliche Angelegenheiten näher zu illustrireu, und somit dem Caulor und Lorbcter in fraglichen Dingen als Leitstern zu dienen. Gestützt auf rationelle Motive sollen sich Stimmen erheben und Anschauungen geltend machen, damit man durch eine rege geistige Conlroverse, welche vermittelst des Sprachrohres dieses gesch. Blattes, das die räumlich trennende Kluft der Disputirenden überbrückt, zur Wahrheit gelange. In der That, wie erhebend ist's, wenn Männer, die eine ideale Richtung im Leben eingeschlagen, die für ihren heiligen Beruf ihre phyfischen und geistigen Kräfte eingesetzt, von außen geistig angeregt werden, um kraft dieser Anspornung und dieses Vehikels die schlummernden Geisteskräfte aus ihrer Lethargie zu wecken und aufzurütteln. Eine solche geistige Anregung, die von einem öffentlichen Organe seinen Ausgangspunkt hat, gleicht einem milden befruchtenden Regen, der auf die Saaten, Fluren und Felder fällt, den göttlichen Segen herausfordert, das Wachsthum beschleunigt und befördert. Die in öffentlichen Journale» geführten geistigen Debatten entfernen die Scheidewände, welche die Ditzputirenden räumlich von einander trennen, rücken sie geistig immer näher aneinander und umschlingen die geistig kämpfenden Parteien, ungeachtet der gegenseitig differirendcn Ansichten, mit den Banden ungehellchelter Liebe und Treu-. weit idealistisch angelegte Naturen sich füglich der Wahrheit nickt verschließen können, daß sie in einem Punkte einig sind, bezüglich des Mittel- Punktes nämlich, der Z'icv um die verschiedenen Kreise der׳ Debatten dreht, daß alle disputirenden Parteien die eine Tendenz versolgen, aus dem tiefen Meeresgründe der Wissenschaft die Perle der ungeschmückten Wabrheir hccvorznholen. Auch -der moderne constirmionelle Staat befruchtet durch die Einrichtung der öffentlichen Debatten im N.ichsrath und Herrenhause in Angelegenheit rein geistigen Calibers die geistigen Fluren, die Geister werden dadurch gewetzt und geschärft, neue Ideen und Anschauungen werden durch Conlroversen an’ö Licht der Welt gezogen, welche, wie die Milde allwoblthätige Sonne, ihre leuchtenden Strahlen nach den entlegendsten Winkeln der Erde senden. So ist das ganze riesige Gebiet des Talmuds beschaffen, es treten die bekannten Heroen des Geistes aus den geistigen Kampfplatz und erzielen durch den׳ gegenseitigen Gedankenauslausch in sämmilicken Wissenszweigen die berrlichsten Früchte. Gerade dadurch, daß der Austausch gegenseitiger Auffassungen und Anschauungen in der Wissenschaft des Jndembums in lebendigem Flusse bleibt, gestaltet׳ sich ein frisches reges pulsirendes Leben, und darin ist die dauernde lebensvolle Erhaltung gegründet. Durch diese Anticedentien wird uns die Stelle im ״Pirke Abauth“ einleuchtend, welche lautet: כל מחלוקה שהיא לשם שמים סופה להתקיים׳ ושאינה לש״ש אינה סופה להתקיים וכוי. Eine Debatte, die sich um die Ergründung einer Wahrheit, einer idealen-Tendenz kreist, fördert etwas Bestehendes an's Tageslicht für die Dauer, welches für die denkende Menschheit zum Heile gereicht, eine Disputation hingegen, deren Mittelpunkt aus egoisten Sonderintenlionen materieller Natur besteht, führt nichts Bestehendes und Nützliches zu Tage, sondern gleicht jenem wilden brausenden und verheerendem Kampfe Korachs, dessen Resultat immer ist, daß das Terrain des Kampfplatzes nicht den unschuldig Angegriffenen, sondern den schuldigen Angreifer lebendig verschlingt und die furchtbarsten Folgen des glühenden Kampfes sich nur derjenige zu alkribniren hat, der denselben heraufbeschworen. Bezüglich des geistigen talmudischen Tonrnirs der 8chammai8ch6Q und Hillel’schen Schule hingegen hebt;der Talmud rühmend von beiden Theilen hervor: אלו ואלו דברי אלהים היים Beide Theile sind als Juterpretvren des lebendigen Gotteswortes hoch zu schäßeu. Schön und bezeichnend drückt der gefeierte Dichter Lessiug obige Ansichten aus. ,Uneinigkeit, die blos daher entsteht, daß jeder der Wahrheit auf einer anderen Stelle aufpasst, ist Einigkeit in der Hauptsache, und die reinste Quelle wechselseitiger Hochachtung, auf die allein Männer Freundschaft bauen.' Die geschätzten Leser dieses Blattes wollen mich entfchuldigen, wenn ich vielleicht zu weil aushole und so lange auf den Kern der Beantwortung obiger Frage warten lasse, denn ich fühle mich aus dem Innern meines Herzens zur Auseinandersetzung obiger Ansichten bewogen, weil ich mich nicht gerne in Debatten verwickle und immer den Frieden als des Segens reichstes Gesäß betrachte, und auch jetzt meine Anschauung in Beantwortung obiger Fragen nicht als autoritativ und entscheideud erachte; überdies erlaube ich mir auch zu bemerken, daß obige Einleitung an ihrem gehörigen Platze erscheint. Das Gebet des Einsegnens eines beginnenden neuen Monates zeichnet sich insbesonders aus durch das Verständnis, die

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