Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 18 (24.5.1885)
- Date
- 1885-05-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Hand leichte Verzierungen, Blüthen und Jnsecten in japanischer ^lrt bingestreut batte. Ich erfuhr, dass solche Piauinos für die Engländer in Indien gebaut werden, nm leicht verpackt werden zu können; der Künstler, welcher ein Instrument bemalen wollte, batte seinen Lortheil wohl verstanden, wenn er einen solchen schlichten ungegliederten Kasten wählte. Aber neben derartigen Stücken, welchen — wenn der Geschmack an bemalten Clavicren durchdringen sollte — die Zukunft im Bürgerhanse gehören würde, behalten ihre abgesonderte Stellung die großen Prachtstücke, welche für die Paläste der Fürsten und Großen ausgeführt werden. Und eines der großartigsten Werke der Neuzeit ist das prachtvolle Clavier, das die preußischen Hofstaaten dem deutschen Kronprinzcnpaarc zu seiner silbernen Hochzeit widmeten. Der eigentliche Urheber des Werkes ist der selbst als Maler sehr tüchtige und in allen Gebieten alter Kunst höchlichst bewanderte Kammerherr Graf von Seckendorfs. Der Flügel selbst ist edelstes Gewächs aus der Werkstatt von Ludwig Bechstein zu Berlin. Der gesammte Aufbau, vom Baurath Adolf Heiden entworfen und in der Aus. führung geleitet, lehnt sich an die Form des Claviers Friedrichs des Großen; aber entsprechend den schweren Massen des modernen Flügels gegenüber dem leichten Kasten der alten Zeit, sind auch alle stützenden und tragenden Theile breit und wuchtig ausgebildet. Das Holzwerk ist geschnitzt und vergoldet, einzelne Ranken greisen vom Gestell aus auf den Kasten herüber und umrahmen breite Masken, welche den Anschluss decken. Am spitzen Ende ist die frei gearbeitete Figur eines geflügelten Genius als Stütze angefügr. Die Flächen des Kastens sind in voller Ausdehnung von Professor Ernst Ewald bemalt. Wie auf den alten Spinetten sind die Seiten festonartig mit Trophäen von Musikinstrumenten decorirt, auf der breiten Fläche des Deckels schlingen sich um ein allegorisches Mittelbild aus Goldgrund ornamentale Gruppen, in welchen der Wappenadler von Preußen und der Löwe von rosiges Müudchen und wollte der Mutter gewaltsam den verweigerten Kuss rauben, und beinahe war es ihm gelungen, ibre Lippen zu berühren; da sprang Frau Falk wie von wildem Eulietzen gepackt empor, stieß den Knaben wie rasend von sich, rang die Hände verzweiflungsooll und schrie laut jammernd, Taute Schöudel wolle ibr Kind umbringen. Und so kam es, dass seit jenem denkwürdigen Tage Tante Schöndel mit ihrer Schwägerin kein Wort mehr sprach. Hermann wagte es nie wieder, einen ähnlichen Versuch zu machen und mit kcndlicher Sorglosigkeit vergaß er bald die Enttäuschung dieses Tages. Er gewöhnte sich an die Art und Weise seiner Mutter und nichts halte auf den trotzig wilden Knaben so viel Einfluss, als ihre ruhigen, ernsten Ermahnungen. Und nun kehren wir zu Hermann zurück, der mit der Borlesung seiner Lhora-Lection schon längst zu Ende ist. Auch der Gottesdienst ist beendet und die dichten Schaaren drängen sich dem Ausgange zu. An der Hand des glücklichen Vaters verlässt auch Hermann das Gotteshaus und draußen vor demselben wird er von Verwandten und vielen Freunden auf's herzlichste beglückwünscht. Und inmitten dieser allgemeinen Freude erfasst es lhn mit heißem Wunsche, die Mutter an's Herz zu drücken und ihr den Kuss der kindlichen Liebe und Verehrung auf die unnahbaren Lippen zu drücken. Da sieht er sie mit aufgeregter Hast aus dem Tentpel kommen. Die Gratulationswünsche der Frauen kaum bemerkend, eilt sie mit raschen, elastischen Schritten auf ihn zu. Hastig nimmt sie ihn bei der Hand, winkt ihrem Manne zurückzubleiben und kehrt mit eigenthümlich bewegtem Antlitze zurück zum Tempel. Der Synagogendiener wehrt ihr England die Hauptmasse bilden, denen sich verschlungene Kränze, das Einhorn von England, Tauben, Blumen und ähnliche auf das Fest bezügliche Embleme anschließen. Der vordere, besonders aufklappende Tbeil zeigt Noten und Instrumente mit musizirenden Engelsknaben. Sehr graziös ist die Innenseite des Deckels, welche aus bestem Grunde die Namen aller srüberen und jetzigen bei dem Geschenke betheiligten Hofstaaten enthält — an ihrer Lpitze der Name des Grasen Moltke — und rings von ornamentalem Beiwerk umgeben ist, den unteren Abschluss bildet die Darstellung einer festlichen Auffahrt in der Tracht des Rococco, an der Seite ist das Älliancewappen des bohen Paares angebracht. Au der Innenfläche des kleinen Deckclk besindet sich dann noch von der Hand des Professors Albert Hertel eine ideale Landschaft, in deren festlichen Glanz Motive der Potsdamer Schlösser eingeftreut sind. Das Geigenpult schließt sich ähnlich wie bei dem Instrument Friedrichs des Großen der übrigen Ausführung vollständig an; auch hier ist der Fuß geschnitzt und vergoldet, die Platte mit musikalischen Emblemen bemalt. Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass alle Details, die bronzenen Griffe, Charnierbänder und sonstigen Theile mit höchster Sorgfalt nach eigenen Modellen auSgesührt sind. Als das Clavier im Lichthofe des Kunstgewerbe-Musenrns ausgestellt war, haben es viele Tausende gesehen und bewundert; alle namhaften Clavierbauer Deutschlands kamen herbei, um es zu studircn, und wir werden wohl nicht mit Unrecht annehmeu dürfen, dass, wie an alle Arbeiten, die unter der Aegide des hohen Paares im Laufe segensreicher Jahre entstanden sind, so auch an diese sich eine nachdrückliche Belebung des heimischen Kunstbetriebes knüpfen wird. den Eingang zu dem nur Männern zugänglichen Raum. Mit majestätischer Handbewegnng weist sie ihn hinweg und verscheucht von dem überwältigenden Glanze ihres Blickes tritt der kleine Mann zurück. Mit rajchen Schritten betritt sie, Hermann an der Hand, das Innere des Gotteshauses. Hier ist's jetzt geisterstill und dunkel. Nur die ewige Lampe sendet ihr zitterndes Licht durch die schwüle Atmoiphäre. An den von Alter geschwärzten Wänden bricht sich dumpf der Schall der eiligen Doppelfchritte, die von dem steinernen Boden wiederhallen, wie Mutter und Sohn in aufgeregter Hast den menschenleeren Raum durchschreiten. Stürmisch zieht sie den plötzlich zögernden Knaben bis vor die heilige Lade und Angesichts dieser heiligen Stätte reißt sie ihn an ihr stürmisch pochendes Herz und presst ihm den zweiten, langersehnten, tiesempsundenen Mutterkuss aus die zitternden Lippen. IV. Die Jahre wechseln und mit ihnen die Ereigniße. Tiefe Stille, trostlose Traurigkeit herrschen im Hause des Herrn Falk. Zn der geräumigen Stube, die wir einstens mit freudigen Menschen gefüllt sahen, liegt Frau Falk schwer krank darnieder. Die bleiche Frau im Bette ist kaum mehr der Schatten ihres einstigen Selbst. Stilles Leid hat tiefe Furchen in das frühzeitig gealterte Antlitz gegraben. Au ihrem Bette sitzt der greise Nabbiner der Gemeinde. Mit vorgebeugtem Kopse lauscht er den kaum vernehmbaren Worten der Leidenden. (Schluss folgt.)