Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 18 (24.5.1885)
- Date
- 1885-05-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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-L — bunden sind und nicht einmal einen festen Stand abgeben. Aber an diesem traurig anssehendeu Kasten von dünner Klangfarbe ist die ganze Herrlichkeit nuferer modernen Musik, Mozart und Beethoven erblüht! An solchem ,wobltemperirten' Kasten last Laura, wenn ihre Finger durch die Saiten meisterten und durch das Wimmeln seclenvoller Harmonien den zur Statue entgeisterten Schiller zu der Annahme verleiteten, dass dies die Sprache sei, die man in Elysien sprich'. Das Clavier mit aufrecht stebendeu Saiten, das Piauino, zu welchem unsere engen Wohnnngsverhältniße uns nölbigen, ist im Wesentlichen ein Kind der neueren Zeit; dennoch gibt es auch ältere Beispiele. Das Kunstgewerbe-Musenm besitzt ein solches von etwa 1770. Der Oberrheil baut sich pyramidenartig auf, die beiden Thüreu desselben sind durchbrochen, ans vergoldeter Schnitzerei und mit grüner Seide hinleilegt. Unser Iahrbnndeil übernahm zunächst die Erbschaft des vorigen und baute Tafelinstrumente odne irgend welche Ausstattung mit sehr dünnem Gehäuse und noch dünneren Beinen. ÄUrnälig aber stiegen die Ansprüche au die Klangfarbe, das Instrument selbst wurde seit der Milte des achtzehnten Jahr- Kunderts mit seinen Vervollkommnungen als Pianoforte immer schwerer, eiserne Theile nahmen zu, und so musste vor allem die Standhaftigkeit erhöht werden. Da den schweren Tbcilen zuliebe auch das Gehäuse kräftig gebildet werden musste, so schlossen sich die Psosten des Kastens und die breit ausladenden Firste construetiv zusammen, und so bekommt selbst der schlichteste Flügel neuerer Construction ein ganz anderes festes und znverlästiges Aussehen als die schwindsüchtigen Spinette unserer Voreltern. Das Tafelinstrument, welches für die Bemalung so bequem war, wurde durch das Piauino verdrängt, dessen kästenartiger Aufbau dazu verlockt, es bei künstlerischen Gelüsten wie | eine Art von Schrank zu behandeln.! Wenn man nun in neuerer Zeit an den weiteren Schmuck ‘ des Claviers dachte, so war es klar, dass man einen großen Flügel nicht ganz l'o leichter Hand decoriren kann als die Elavieimbel, Virgiualien, Spinette rc. früherer Jahrhunderte. Jene Spinette waren leichte und gewiß auch ziemlich wohlseile Instrumente, das abgesonderte Gehäuse war nichts als ein Kasten," den man fröhlich dem Pinselwerk übe!ließ;- unsere großen Flügel sind dagegen höchst kostspielige Möbel von sehr schwerer Construcrion, bei welchen auch die Decoration eine Art von nimm־ mentaler Güte und Dauerhaftigkeit haben muß. Daher kommt es denn, dass man sich bisher nur in Ausnahmsfällen entschlossen hat, die erheblichen Kosten einer durchgreifenden deeorativen Gestaltung zu tragen, und dass man dann zu diesem Behnfe Künstler ersten Ranges herangezogen hat. Ein glänzendes Beispiel solcher modernen Decoration war der Flügel, weichen Erard auf der Weltausstellung von 1878 zu Paris ausgestellt batte. Im Styl Louis' XVI. war das Holzwerk reich mit sein ciselirler Bronee beschlagen, die Flächen waren von dem vortrefflichen spanischen Maler Gonzales mit Bildern bedeckt, welche Schäferseenen im Geschmacke des Hofes von Trianon zeigten, Meisterwerke einer lichten, eleganten und mit wenigen Strichen fein und sicher charakterisirenden Malweise. Es ist klar, ta!S in ähnlicher Kostbarkeit Claviere für das bürgerliche Haus nicht hergestellt werden können. Wenn man nach den oben cirinen Beispielen des sechzehnten Zabrhunderts mit der Bemalung vorgeben will, so muß vor allem wieder Gestell und Kasten getrennt werden; das Gestell muß in möglichst einfachen, constrnctiven Formen behandelt sein, der Kasten ganz glatt ohne jeden Schmuck, den er nur von der Malerei erwartet. Zn London sah ich im Hause -von Alma Tadema außer dem oben erwähnten Prunkflügel noch ein kleines Piauino, welches ganz in dieser Weise unter -Beiseitelastnng jeder nur embehrbaren Leiste und jeglichen Prosits aus glatten nnpolirlen Brettern hergestellt war und aus dessen Flächen Tadema mit spielender Drei Küsse. Von Rosa 5onneschein>> (Fortsetzung.) Tanten und Freunde. Alle strömen sie schon Morgens Früh nach dem Gotlesbause und lauschen nun in stummer Andacht den heiligen Worten. Tante Scböndel, die oben in der Frauengalerie ,fein aufgeputzt' sitzt, ist nicht wenig stolz ans den i Ehrentag ihres Lieblings. Sie weiß nickt, was sie mehr bewundern soll, den feinen schwarzen Anzug, der unseren Hermann so männlich erscheinen lässt, oder die wohltönende Stimme, mit welcher er soeben ein Capitel aus der heiligen Schrift vorliest. Aber trotz ihrer Bewunderung für Hermann versäumt sie es nicht, von Zeit zu Zeit auf seine Mutter zu blicken, um mit spöttischem Lächeln und stechenden Augen deren Gemüthsstimmung zu enträthseln. Diese scheint gedankenlos und ungeduldig dem religiösen Acte zuzuhören, was wieder ein Beweis mehr für Tante Schöndel ist, dass ihre Schwägerin kein »jüdisch Herz* bat. Tante Schöndel steht nämlich schon seit Jahren aus erbittertem Kriegsfuß mit ihrer Schwägerin, und die Ursache dieses Weiberkrieges war Folgendes: Seit Hermann's erstem Geburtstage berührten die Lippen seiner Mutter ihn nie wieder. Tante Schöndel's gutem altmodischen Herzen bereitete diese Lieblosigkeit ihrer Schwägerin schwere Kränkung. Anfangs stellte sie dieselbe oft ernstlich darüber zur Rede, bald aber gewöhnte sie sich mit beißenden und lieblosen Worten dieselbe zurechtzuweisen, erhielt aber nie eine Erklärung oder auch nur eine Antwort. Dieses kalte Schweigen reizte, ihren Zorn nur um so mehr, und »Rabenmutter*, - ,steinern Herz* waren die gelindesten Ausdrücke, mit denen Tante Schöndel sprach. Die Klatschbasen und Kaffeeschwestern in der Gemeinde erzäblien sich bald von nichts Anderem als von der wunderlichen Abneigung, die Frau Falk gegen ihr einziges Kind hege; Niemand konnte begreifen, wie eine sonst so fromme und wohlrhätige Frau gerade gegen ihren eigenen reizenden Knaben so hartherzig i sein kann. Aber allmälig gewöhnten sich die Leute an das sonderbare mütterliche Wesen der Frau Falk, nur Tante Schöndel konnte und wollte sich nicht über die scheinbare Lieblosigkeit ihrer Schwägerin trösten. Da beschloß sie eines Tages, das Eis dieses starren Mutlerherzens um jeden Preis zu brechen ^und als Mittel zu diesem Zwecke benützte sie den kleinen Hermann selbst. Am Vorabende seines sechsten Geburtstages nahm sie ihn auf ihr Zimmer und lehrte da den Kleinen die süßesten Liebkosungen und Schmeichelworte, womit er der ׳Mutter einen Kuss als Geburtstagsgeschenk abgewinnen sollte. Hermann war ein gar gelehriger Schüler, und als er des Morgens von seiner Tante zur Mutter geführt wurde, siel er der letzteren, ehe sie sich's versah, um den Hals und bat mit schmeichelnder Stimme um einen Kuss. Sanft löste die Mutter die Kinderhändchen von ihrem Halse und wehrte den Knaben von sich ab. Da schlang der Kleine abermals seine Arme um den Nacken seiner Mutter und schaute sie mit seinen treuen, lichten Kinderblicken so flehend an, dass ein »Herz aus Stein', wie Tante Schöndel nachher sagte, sich erbarmt haben würde, ihre Schwägerin aber nur noch kälter und abstoßender erscheinen ließ. Da spitzte Hermann sein