Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 17 (16.5.1885)
- Date
- 1885-05-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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geschöpft habe und zu schöpfen im Stande war. Dass nun Brimannns mit Rohling in Beziehung, und zwar in naher Beziehung stand, dass diese von einem Verhältnißeherrübrte, welches wenigstens .dem in dem obigen Schreiben des Brimanuus angedenteten sehr ähnlich sein muss, das gebt ans einem Briefe hervor, den Rohling selbst an Brimanuus geschrieben bat. Dieser Brief bezieht sich auf den Prozess gegen Dr. Bloch, und auch dieser Brief von der Hand Professor Rohling's befindet sich im Besitze des Dr. Elbogen, der ibn von Brimanuus erbalten und uns in das Original Einsicht gewährt hat. Der Brief lautet: Ohne Datum. Mein Lieber! Dr. Pattai *s ist hier und sagt, dass gegen Bloch vor Gericht der Beweis der Wahrheit geführt werden muß, und wie ist das möglich, wenn Sie nun fortgehen? Sie müssen mit nach Wien. Der Prozess wird im Januar oder Februar sein. Wollen Sie also nicht bis Ostern ganz hier bleiben? Ich verpflichte mich, zu sorgen, dass Sie ein guter Ooctor Medecinae werden sollen, auch wenn Sie dieses eine Semester verlieren. Ich bitte also, nicht abzureisen, sondern hier zu bleiben oder aber sich in Würzburg blos einschreiben zu lassen und dann gleich wieder hieherznkommen. Ihr treuer Freund! Unterzeichnet mit hebräischen Buchstaben: Noda. (Der Bekannte — Notus.) Dieses Schreiben bedarf wohl keines Commentars. Wenn Professor Rohling den Beweis der Wahrheit für seine Behauptung, dass die von ihm gebrachten Citate echt seien, für unmöglich hält, falls Brimannns ihm nicht zur Seite steht, dann muss der Letztere wohl eine wichtige Person für die gelehrte Forschung Rohling's sein, und die in dem Briefe des Brimäunus gemachten Mittheilungen gewinnen dadurch einen hohen Grad von Glaub- Würdigkeit. In diesem Herrn Brimäunus dürfte überhaupt das Geheimnis der Talmud-Gelehrsamkeit, mit welcher die Mehrzahl der antisemitischen Schriftsteller prunkt, gelegen sein, und in dem Kreise derjenigen Gelehrten, welche die Wissenschaft um ihrer selbst und nicht um der Tendenz willen betreiben, ist dies auch nicht unbekannt. Dr. Elbogen, der sich die Mühe gegeben hat, *) Vertheidiger Professor Rohling's. den Spuren dieser pseudowissenschaftlichen Forschungen, die er durch Zufall entdeckt batte, weiter nachzugeben, hatte auch Ge׳ legenbeit, mit Professor Bikell in Innsbruck über Brimannns und dessen schriftstellerischer Thätigkeit zu sprechen. Auch Professor Bikell zeigte sich darüber unterrichtet, dass ,Justns", der Verfasser des , Judenspiegel', und Brimannns identisch seien. Aber noch mehr. Im Laufe des Gespräches nabm Professor Bikell aus seiner Bibliothek einen Baud, den schon erwähnten ,Judenspiegel im Lichte der Wahrheit" von Professor Ecker, aber auf dem Titelblatte war das Wort Ecker durchstrichen und an dessen Stelle gesetzt: Brimanuus. Professor Bikell zeigte dieses Buch dem Dr. Elbogen mit den Worten: ,Denken Sie, wenn die Inden wüssten, dass Ecker und Rohling kein Wort vom Talmud verstehen, wie würden sie das für ihre Zwecke ausbeuten!" Professor Bikell machte diese Aeußerung nicht blos vor Dr. Elbogen, sondern auch in Gegen. art einer zweiten Person, des Herrn Ernst Schmidt, und dieselbe ist daher leicht erweisbar. Dass aber auch Professor Rohling von anderen antisemitischen Gelehrten weiß, wo Bartel den Most holt, auch darüber liegt ein interessantes Document vor. Außer den erwähnten Briefen befindet sich nämlich in Elbogen's Besitz das folgende von Rohling eigenhändig an Brimannns gerichtete Schreiben: Correspondenz-Karte Poststempel Prag, kl. März 1884. Sr. Hochwohlgeboren Herrn Dr. Aug. Brimann, Kreuzstraße 4 in Münster, Westfalen. Carissime! Ich habe die beiden letzten werthen Schreiben erhalten, war aber leider kürzlich recht leidend und kam daher nicht zum Schreiben. Da Sie schon 'am löten nach D. gehen, was sehr gut ist, so will ich dorthin ausführlich schreiben, sobald Sie angelangt sein werden und Ihre Adresse in meinen Händen sein wird. Enthält Dr. E's .Beleuchtung des Speculum“ auch die Stelle aus dalgutln'rn? (Es wäre das sehr gut, natürlich, wenn er in sensu nostro spricht, was wohl der Fall sein wird). Sie haben wohl zu dieser ,Beleuchtung" mitgewirkt! Gut, recht gut. Näheres später. ׳ Don R. erwarte ich noch täglich die betreffende Nachricht; ich glaube daran, dass sie in meinem Sinne ausfällt. Herzlichen Grnß. Prag, 12. März. A. Rg. ,Es wäre das sehr gut, natürlich; wenn er in sensu nvstro spricht!' Die Bemerkung sagt mehr, als Bände, die sich über manchmal kosend an die Mutter schmiegt, wie Frau Miriam den Kleinen mit unendlicher Liebe ansieht sich zärtlich zu ihm niederbeugt — und plötzlich, als stäche sie eine Natter, emporschreckt, das Kind von sich stössl und eilends das Zimmer verlässt. Der Zeiger der alten Uhr deutete auf fünf Minuten vor elf, da kam Herr Falk mit Tanten und Mägden in's Zimmer und sprach mit dem freudigen Stolze eines glücklichen Vaters, dass der kleine Stammhalter in fünf Minuten sein erstes Lebensfahr 'zurückgelegt haben wird, und dass er nur deshalb nach Hause gekommen sei, um ihm zu rechter Zeit zu gratuliren. ,Darauf wartete auch ich", sagte seine Frau hochaufathmend. Röthe und Blässe wechselten auf ihre Wangen. Mit fieberhafter Angst horchte sie ans das Ticken der Uhr und folgte mit alhemloser Spannung der langsamen Bewegung des Minutenzeigers. Immer ungeduldiger und auffallender wurde ihre Aufregung. Mit einer ungewohnten Eifersucht hielt sie Alle von der Wiege ferne, und wies Jeden, 'der sich dem Kinde nähern wollte, mit stiller Strenge von dannen. Dabei blickten ihre Augen so ängstlich flehend auf ihre Umgebung, bis sie Alle lautlos vor ihr standen. Nur das Ticken .der Uhr und das Lallen des Kleinen unterbrach daS nahezu geisterhafte Schweigen. Und inmitten dieser Grabesruhe ertönte nun der erste Schlag der elften Stunde, und wie eine Löwin auf ihr bedrängtes Junge, so stürzte sich die Mutter auf ihren kleinen Sohn, hob ihn mit einem Jubel schrei zu sich empor, und drückte ihre heißen Lippen zum ersten Male auf den rosigen Mund ihres Kindes, und saugte sich in einen nimmer enden wollenden Kuss fest an ihm. Dann aber fiel sie kraftlos in die Arme ihres erstaunten Gatten, und et schien, als hätte sie ihre Seele mit diesen ersten glühend heißen Mutterkns.s ausgehancht. III. Zwölf Jahre kamen und giengen seit den eben erzählten Ereignißen. In dem Hause des Herrn Falk hat sich nichts so sehr verändert als der kleine Hermann. Aus dem verhätschelten Kinde ist mittlerweile ein strammer, kräftiger Knabe geworden, für den der heutige Sabbathtag eine eigenthümliche Weibe und Bedeutung hat. Heute wird er jjBarinizwaiL“ und nach uralter jüdischer Sitte erlangt er hiermit seine religiöse Großjährigkeit und. übernimmt in der Gemeinde die Psiichten und Rechte eines volljährigen Juden. (Fortsetzung folgt.) ..