Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-05-16 · Heft 17 (16.5.1885) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 17 (16.5.1885)
Date
1885-05-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3452999-3453016--1349-3455480
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— s - die ganze Seitenwand bewegen. Es Hai daher so viele Bänder, Scharniere nnd Schlösser, dass eine Bemalung der Außenwand nicht möglich ist; dieselbe ist glatt mit rocher Farbe gestrichen, auf welcher sich die Sckarnierbänder aus blankem Messing in echt holländischem Geschmack absetzen. Das abgesonderte Faßgeftell ist höchst einfach. Der malerische. Schmuck erscheint erll, wenn der Deckel sich öffnet. Während die phantastische Form des Flügels in Italien zu Groteskornamenten veranlasste, bietet hier die rechteckig begrenzte Platte den Raum für ein abgeschlossenes Bild, wie solches dem realistischen Sinne der holländischen Kunst auch genehmer war. Sehr tüchtige Meister wurden für den Schmuck solcher Platten herangezogen; die Malerei dieses Claviers stammt von einem Künstler H. Zanssens, der besonders für die Darstellung derartiger Lustbarkeiten berühmt war. Dieselbe ist namentlich interessant dadurch, dass es uns das Innere eines holländischen Zimmers zeigt aus der Zeit, in welche unser Clavier gehört. Zn dem Zimmer wird getanzt; nach der Sitte der Zeit tanzt aber nur ein einzelnes Paar in zierlichem Menuelt, während die anderen schwatzend zuschauen. Aufgespielt wird von einem Mann sitzend an gerade solchem Clarier wie das unserige. An diesem Clavier, dessen Kern übrigens schon 1594 von dem berühmten Hans Rückers in Antwerpen gebaut ist und das, wie viele seinesgleichen, im siebzehnten Jahrhundert neu ausgestattet wurde, zeigt sich auch der Resonanzboden bemalt, und zwar mit lustig bewegten Einzelfiguren in der Tracht der damaligen Komödien. Von solchen niederländischen gemalten Spinettdeckeln ha! sich jo mancher erhalten, der als eingcrahmtes Bild seiner vortrefflichen Ausführung wegen einen Platz in einer Gemäldegalerie erhallen hat, geradeso wie die bemalten Florentiner Truhenwände des fünfzehnten Jahrhunderts jetzt vielfach zu Galeriebildern befördert sind. Auch das Kunstgewerbe-Museum in Berlin besitzt noch einen einzelnen mit einer sehr schönen Darstellung der von Engeln umgebenen heiligen Cäcilie, von einem Schüler des van Dyck gemalt. (Schluss folgt.) Hinter den Contissen des Antisemitismus- Unter diesem Titel veröffentlicht die N. Fr. Presse eine Serie von Briefen, welche ein grelles Streiflicht auf daL antisemitische Treiben werfen und wir wollen darum dieselben sammt dem hiezu gegebenen Commentare im Nachfolgenden zum Ab׳ drucke bringen: .Die unter dem Namen der antisemitischen Bewegung bekannte Agitation, welche — eine der seltsamsten Verirrungen des Zeitgeistes — die bestehende Unzufriedenheit der mittleren Classen mit ihrer socialen und wirthschaftlichen Lage auf die Juden abzülenkeu sucht, ist bekanntlich wenig wählerisch in den Mitteln, die geeignet scheinen, die Instinere und Leidenschaften der Massen für ihre Zwecke zu entflammen. Eines der wirksamsten besteht darin, die Juden nicht blos als eine von Natur durch eine Reihe unmoralischer, insbesondere mit den sittlichen Anschauvngen der europäischen Culturvölker in unversöhnlichem Widerspruch stehender Eigenschaften ftigmatisirte Race darzustellen, sondern gewisse Verbrechen nnd in hohem Grade den Abscheu erregende Handlungen geradezu als durch ihre religiösen und rituellen Satzungen geböten zu bezeichnen, und dies ist umso leichter, als die Bücher, in Irenen diese Satzungen enthalten sein sollen, in einer nur sehr wenigen Gelehrten verständlichen todten Sprache abgefasst sind. Während des Prozesses von Tisza-Eszlar erreichte diese, Art von Agitation ihren Höhepunkt. In Flugschriften, Zeitungen und Broschüren wurde damals mit einem Eifer, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre, und unter Anführung von vorgeblichen Belegstellen aus dem Talmud — selbstverständlich in Uebersetzung — der Nachweis versucht, dass Mord, Betrug, Uebervortheilung Andersgläubiger durch die Religion der Juden oder doch eines Theiles der Juden gebotene Handlungen seien, und diese Behauptungen wurden durch einen Apvarat unterstützt, der wenigstens durcb die Form, mehr aber noch durch die Anrufung des Zeugnißes gelehrter Autoritäten den Anschein erhielt, als ob er auf wissenschaftlicher Forschung beruhe. Allgemein bekannt ist, dass insbesondere der Professor an der Prager Universität, Dr. 'Rohling, nicht blos selbst als antisemitischer Agitator wesentlich zur Vermehrung dieser Literatur beitrug, sondern auch fast in allen Schriften dieser Art als Autorität ftgurirle, auf deren Forschungen und auf deren Zeugnis sich die Epigonen in erster Linie zu berufen pflegten. Der Streit, ob die urkundlichen Nachweisungen, mit denen die antisemitische Literatur hantirt, echt und glaubwürdig seien, gilt unter den Gebildeten, ja selbst unter einer großen Zahl von Gelehrten, noch immer als unentschieden. Denn jede Wissenschaftliche Autoritär beruft sich in der Regel auf׳eine andere Autorität; zu den Quellen selbst vvrzudringen, die allein darüber entscheiden können, ist nur denjenigen gestattet, welche die Geduld und Ausdauer besitzen, die Schwierigkeiten zu überwinden, welche nicht blos die hebräische Sprache, sondern auch die verschiedenen rabbinischen Mundarten derselben bieten, in denen die talmudischen Bücher abgefasst find. Unter diesen Umständen ergibt es sich für den Unbefangenen von selbst, dass die äußerste Vorsicht in der Beurtheilung der Glaubwürdigkeit angeblicher Beweisstücke und Belege nicht blos ein Gebot der aus Wahrheit gerichteten wissenschaftlichen Forschung, sondern wegen der aus den gelehrten Prämissen gezogenen praktischen Folgerungen auch der Gerechtigkeit ist. Diese Vorsicht ist nicht immer angewendet worden, und damit sie in Zukunft wenigstens von Unvoreingenommenen und Gebildeten nicht außer Acht gelassen werde, wollen wir hier eine Reihe von auf diesen nur zum geringeren Theile wissenschaftlichen Streit bezüglichen, sehr lehrreichen Thatsachen erzählen, in deren Kenntnis wir gelangt sind und die den Vorzug besitzen, zum großen Theile mit Beweisstücken von der Hand der in Frage kommenden angeblichen Autoritäten belegt werden zu können. Unter der Beschuldigung einer strafbaren Handlung, über welche seinerzeit der competente Richter zu erkennen haben wird, bestndet sich zur Zeit bei dem Wiener k. k. Landesgerichte ein gewisser Dr. August Brimannüs "in Hast, ein Mann von bewegter Vergangenheit, Jude von Geburt, später zum proteftantischen, noch später zum katholischen Bekenntniße übergetrelen von dem in den letzten Monaten auch in den Blättern vielfach die Rede gewesen. Dieser Dr. Brimannüs (latinisirte Form des׳ ursprünglichen Namens Brimann) hat, wie durch ihn selbst festgestellt worden ist, seine Kenntnis der hebräischen Sprache und der talmudischen Schriften vielfach dadurch verwerthet, dass er anderen Gelehrten, die sich mit Talmudforschung beschäftigen, jedoch diese Vorkenntniße nicht oder in nicht genügendem Maße besitzen, mit den erforderlichen Uebersetzungen der Originale zu Hilfe kam. Unter .dem Pseudonym Justus edirte er ein Buch, der .Judenspiegel' betitelt, welches seither eine der Hauptquellen der antisemitischen Agitationsschriften geworden ist, und welches auch in einem seinerzeit in Deutschland abgeführten Prozesse eine bedeutsame Rolle spielte, und namentlich durch das von Professor Dr. Jacob Ecker in Münster über dasselbe abgegebene und seither auch im Separat-Abdruck erschienene Gutachten: »Der Judenspiegel im Lichte der Wahrheit' eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Es wird nämlich behauptet, dass das Material zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.