Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-05-08 · Heft 16 (8.5.1885) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 16 (8.5.1885)
Date
1885-05-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3452999-3453015--1342-3455472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Welch' großen Spielraum hat die Antwort an den חכם in der הגלה den grübelnden Kommentatoren geschaffen, wie viel Meinnngeii, Erklärungen und bei den Haaren herbeigezogenen Interpretationen hat das leidliche אין מפטירין zu Tage gefördert, und doch sind es nur zwei Buchstaben, die im Texte ausgefallen, die diesen gelehrten und belehrenden Kram hervorgerufen. Es fehlt das Wörtchen עד — und heißt vollständig ואף אתה אמור לו כהלכות הפסח עד אין מפטירין אחר הפסח אפיקומןmit Bezugnahme auf פסחים פרק ידד, wo eben das הלכות פסח in kurzem Abrisse bis משנה ח׳, welche mit dem beregten אין מפטירין schließt, verzeichnet ist, was dann weiter darauf folgt, gehört der Halacha an und passt nicht zu dem kindlichen Sty l der Hagada. So naiv diese meine Erklärung in den Augen der דרוש liebenden Geister sein dürfte, so habe ich doch meinen nicht so leicht widerlegbaren Gewährsmann, es ist dies der in Gott ruhende, große Talmudist H. B. Fasset זצ״ל, bei welchem ich zwanzigmal Theilnehmer am Seder war, und der diese Formel als Tradition seiner Vorahnen immer gebrauchte. Gr.-Kanizsa, im Mai 1885. G. — Atterarisches. .Die Thora und d i e S p r a ch e״, der vollständige Thora-Text mit deutscher Uebersetzung, für den Schulgebrauch bearbeitet in 5 Th. von Rudolf Fuchs in Wien, recensirt von Wilhelm Sinai, Lehrer in Schattmannsdorf. Der Verfasser ist in den pädagogischen Kreisen kein Neuling, sondern durch seine hebräische Fibel ^keselrit Limudrai״ I und II sammt den für den Schulunterricht zusammengestellten Wandtabellen sehr gut gekannt. Die hier geübte Zusammenstellung der Buchstaben nach der organischen Verwandtschaft gibt dem noch ungeübten Denkvermögen des zarten Kindes einen gewissen Anhaltspunkt und dadurch kann das Beten demselben leichter beigcbracht werden. Die Anordnung des Ganzen ist einfach und verständig; die Uebergänge von den leichten zu den schwierigen Formen naturgemäß und selbst für minder begabte Schüler, auf die jede Schule zu rechnen hat, fasslich, da jede gekünstelte Wortform vermieden ist. Schreiber Dieses benützt genannte Fibel und die Wandtabellen in seiner Schule mit sehr gutem Erfolge und kann daher diese Werke den geehrten Herren Lehrern und Leitern der israelitischen Schulen nur bestens empfehlen. Nun hat Herr Rudolf Fuchs eine deutsche Uebersetzung zur Bibel nach einer leichtfasslichen, correspondirenden Merhode unter dem Titel ,Die Thora und die Sprache' berausg geben. Wenn auch dieser Titel der Arbeit entspricht, so muss jedoch hervorgehoben werden, dass man in diesen Büchern eigentlich den Pentateuch vor sich hat, dessen vollständiger Text zum Gebrauche für den Schul- und Privatunterricht bearbeitet ist. Jeder der fünf Theile enthält nebst einem Auszuge aus dem Naschi- Commentare nützliche Anmerkungen sprachlichen und sachlichen Inhaltes; außerdem sind zum II. Th. Abbildungen der Stifts- Hütte in 8 Tafeln, sowie zum IV. Th. eine Karte, welche die Züge der Israeliten durch die Wüste bezeichnet, beigegeben. Die Uebersetzung ist klar, verständlich, biblisch und thut bei ihrer Treue dem deutschen Ausdruck keinerlei Zwang an. Die Lehre von der Structur der Stiftshütte und deren Geräthschaften ist eine Partie in der heiligen Schrift, welche in der Schule vernachlässigt wird, weil aus den im Urtexte gegebenen Ziffern und Maßverhältnißen gar keine Vorstellung über jene Dinge gewonnen werden kann. Der geehrte Verfasser hat daher, um den Unterricht von der Stiftshütte und dessen Geräthschaften anschaulicher zu machen, in den genannten 8 Tafeln zum II. Th. die Zeichnungen und Erklärungen von dem Grundrisse des ganzen Bauwerkes der Stiftshütte, der Lade, des Rauchaltares, des Tisches, des Leuchters, des Waschbeckens, des Brandopferaltares und der o Gott, so kurze Zeit Du sie mir auch ließest, nicht eine liebende Mutter gewesen?* Mit diesen Worten richtete sich das junge Weib in ihrer ganzen Schönheit stolz empor, als wollte es anklagend den Himmel erstürmen. Wild flatterte das dunkle Haar um Nacken und Schulter und die bebenden Lippen vermochten es fortan nicht mehr, demuthsvolle Worte zu murmeln. ,Ich soll vergessen, sagen sie mir, vergeben. Gibl's denn ein Vergessen? Tausend kleine Zufälle mögen die Gegenwart von der Vergangenheit trennen. Zwischen unserem gegenwärtigen Bewusstsein und der eingegrabenen Schrift in unserem Hirne mag der Schleier der Vergessenheit wohl gedeckt sein, allein ein einziges Wort, ein einziger Zufall genügt, um das Schleiergewebe zu zerreissen, und Alles, was wir erlebt, steht vor uns so klar als je zuvor. Verschleiert oder nicht verschleiert, die Eindrücke bleiben ewig; ich kann mein Unglück nicht vergessen'. Und so jammerte und klagte Frau Falk, bis sie wieder stier vor sich hinträumte. Vor ihrem geistigen Auge zogen lebhaft die Bilder der Vergangenheit vorüber. Sie sah sich wieder als glückliches Kind und später als die verhätschelte Schönheit des schönen Städtchens, um die manch' braver Bursche seufzte, als sie den Myrthenkranz im Haare, im weißen kostbaren Gewände dastand, um sich mit dem Manne ihres Herzens zu vermählen. Dann kam der Erstgeborene, dem sie den ersten Mutterkuss auf seine bleichen, kalten Lippen drückte. Wie sie dann zum zweitenmale Mutter wurde, und den kleinen Engel vierzehn Tage herzte und küsste, bis er wieder in das Reich der Engel zurückging. Dann kam ein Töchterchen, das sie mit der ganzen, dreifach zurückgehaltenen Mutterliebe fast mit Küssen nährte und es doch nicht am Leben erbalten konnte. Wie dann das heute zu Grabe getragene Söhnchen geboren wurde, und wie sehr sie es liebte während der kurzen Zeit seines Daseins. Wie unzählige Male herzte und koste sie es. Ja selbst, als es schon eisig kalt vor ihr lag, küsste sie es noch mit einer Inbrunst, als wollte sie mit ihren heißen Küssen warmes Leben in die kalten, kleinen Glieder hauchen. Wie sie es dann forttrugen, ehe sie ihm noch einen, den letzten Kuss geben konnte. ,Wenn ich es nur noch einmal küssen könnte', hauchte sie kaum hörbar. Und als hätte ihre eigene Stimme sie erschreckt, so zuckte sie plötzlich zusammen. Die bleichen Wangen übergoß Purpurröthe, um sofort aschfahl, zu werden; die Lippen bebten, die Züge wurden hart, die Augen blickten starr und kalt, fest und entschlossen, als zuckte ein blitzähnlicher Gedanke durch's schmerzerfüllte Hirn, ruft sie schnell mit heiserer Stimme: ,Ja, ich will es thun!' Dann blickt sie um sich, verriegelt die Thüre, nimmt das in Sammt gebundene Gebetbuch aus dem Schranke und. stehend, nach dem Osten gewandt, betet sie in hebräischer Sprache. Die ganze Haltung deS frommen Weibes bekundet überirdische Andacht, die Krast eines gefassten Entschlußes gibt ihrer Erscheinung Weihe und Majestät. Mit feierlicher Bewegung hebt sie ihre Rechte gegen den Himmel und spricht mit kräftiger Stimme: ,Ich gelobe es Dir, Lenker aller Wesen, und mögest Du mich in meinem Liebsten strafen, so ich mein Gelübde breche'. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.