Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 14 (22.4.1885)
- Date
- 1885-04-22
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3452999-3453013--1325-3455453- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
\ — S — Nabbinatscandidat Millinger trug die Hagada vor und ein 6jahriger Volkc-schüler sprach das Nanisehtano in hebräischer und deutscher Sprache. Nach Beendigung des I. Theiles des Seder ergriff Gyms najialschüler Meisl das Wort und dankte in formvollendeter Rede in seinem und im Namen seiner College« dem Vereinsvorstande für deffen selbstloses Streben und erfolgreiches Wirken zum Wohle der Jünger, der Wissenschaft. Von den zu diesem Feste erschienenen Gästen find besonders zu erwähnen, die Herren Oberrabbiner M. Hirsch, Prediger Profeffor Dr. Kaempf, Kreisrabbiner Schiffmann, die Religionslehrer W. Grün, Knöpflmacher, Rabbiner R. I. Stein und der Obmann der Armencommiffion der israelitischen Cultus gemeinde- Repräsentanz, Herr Moritz Ungar. St. 'Netersvurg. Von der ״Juden-Commiffion" unter dem Vorsitz des Grafen Pahlen war in den letzten Tagen wieder einmal: die Rede. Ein Mitglied derselben, nämlich Herr Beffonow, weiland Director der Rabbinerschule zu Wilna, hat an alle Curatoren der Lehrbezirke ein Circular ergehen lasten, ihm baldigst Auskunft über folgende Punkte zu erthcilen: a) Die Anzahl der Privatschnlen für jüdische Knaben und besonders derer für jüdische Mädchen; b) die Anzahl der ,Chedarim', die von ,Melamdim* unterhalten werden; o) wer die Schulverwalter und Lehrer sind, wovon sie unterhalten werden, wie viele derselben Subsidien von der Regierung bekommen, welche Diplome der betreffenden Lehrer haben, welcher Art ihre Methode und wie groß ihre Schülerzahl ist; welche Talmudthoraschulen und Jeschiboth von früher bestehen und welche von Neuem eröffnet sind, und in welchen Schulen sich Bethäuser oder Minjanim besindeu. Herr Beffonow ist zwar Pädagog von Fach, dennoch fürchten wir sein Gutachten, das sich auf eingelaufene Antworten über die genannten Punkte gründen wird. Denn abgesehen von den jetzt in vollem Schwünge stehenden Russificationsbestrebungen und Entnationalisirungsgelüsten aller nicht russischen Nationalitäten, welche unsere Schuldadministration zu einem förmlichen Feldzug gegen alle nicht-russischen Schulen führen, herrscht in maßgebenden Kreisen eine besondere Antipathie und Unduldsamkeit speciell gegen jüdische Schulen, an der leider wir Juden selbst zum großen Theil schuld sind. Nicht etwa weil unsere Schulen wirklich so schlimm waren, wie behauptet wird, sondern weil es eine Zeit gab — und leider hat sie noch nicht ganz aufgehört — wo ein jeder jüdischer Publicist es für seine Pflicht hielt, auf die ״Chedarim" ״Talmudthorath" und ״Jeschiboth's" loszuziehen und sie als das ״Grundübel" der ganzen ״Judenfrage" darzustellen. Das geschah nicht blos in jüdischen, sondern auch in allgemeinen Organen, ja es hat auch nicht an solchen ״jüdischen Patrioten" gefehlt, welche sich direct bei der Regierung verwendeten, daß sämmtliche jüdischen Schulen ohne Weiteres geschloffen werden, ohne zu bedenke», daß wenn auch Manches an unseren Schulen auszusetzen ist, sie doch viele Vorzüge besitzen,- um derentwillen sie erhalten und blos verbessert werden müssen. Dazu kommt, dass die in Rußland herrschende Schulnoth und die Intoleranz bei der Aufnahme jüdischer Schüler in allgemeine Lehranstalten die Existenz speciell jüdischer Schulen für die ruffische Judenheit geradezu zu einer Lebensfrage machen. Allein das sahen unsere unberufenen Herren Verbefferer und , Patrioten * nicht ein und sie hörten nicht auf, mit fanatischem Eifer das jüdische-Schulwesen bei der Regierung und in der Presto anzuschwarzen. Was Wunder, dass׳ unsere Regierung und die Gesellschaft mit scheelem Auge auf unsere Schulen sehen und dieselben gern beseitigt wiffen möchten. Uebrigens kommen wir auf unsere Schulfrage noch zurück und werden wir, da sie bei uns aus der Tagesordnung steht, sie nächstens eingehender besprechen. Warschau. »Hazefirah* zufolge wurden die Chedarim in Warschau und Umgegend auf Befehl des Gouverneurs einer Untersuchung in Bezug auf ihre hygienischen Verhällniße unterzogen. Von den 50 Untersuchten wurden nur 17 als den gesetzlichen Ansprüchen genügend befunden. ,Hazesirah' mahnt, in dieser Beziehung achtsamer zn sein, damit die Regierung sich nicht mehr veranlaßt fühle, einznschreiten. — Dieselbe Zeitung dementirt die Nachricht des ,Evangelischeu Kirchenzeitung", wonach-ein Maffenübertritt angesehener Warschauer Familien bevorstehe. — Rabbinowitsch beabsichtigt, sein Kischinew mit Warschau zu vertauschen, um hier seiu Heil an den Juden zu versuchen. — Der ,Warschauer Courier^ bringt folgende, allerdings.etwas wunderbar klingende Nachricht: Ein Jude .machte der Polizei die Anzeige, dass, wie er in Erfahrung gebracht, sich bei einem christlichen Taglöhner ein Kissen befinde, welches, ihm im Jahre 1882 bei der Einäscherung-seines Hauses mit geraubt war; in diesem Kiffen befinde sich .eine Summe Geldes, wovon׳ der angebliche Inhaber keine Ahnung habe.. Die Nachforschungen der Polizei bestätigten die Aussage des Juden, indem die Summe von 6000 Rubel in dem be-' zeichneten Kiffen gefunden wurde. Die Freude des-Juden über sein wiedererlangtes Geld, in dessen Besitz wieder zu gelangen er niemals gedacht hat, läßt sich denken. Zerufalem Seit beinahe 20 Jahren bereise ich das heilige Land. Niemals habe ich noch den Neligionshandel, besonders bas Proselyteumachen seitens der englischen Mission, in so großem Maßstabe betreiben gesehen, als dies jetzt hier geschieht. Die größte Schuld liegt diesbezüglich an den Colonisationsfreunden (?) aus Jerusalem, welche gleich Handlungsreisenden in Rußland׳ und Rumäni n herumfahren, um daselbst für ישלב ארץ ישראל. Propaganda zu machen. Sie suchen mit Eifer die Colonisations-Jdee zu verbreiten. Biele lassen sich verführen, verschleudern ihr Hab und Gut um Spottpreise, um die Reisespesen zur Fährt nach Hein heiligen Lande aufzutreiben. Die Meisten kommen ganz mittellos hier an und verkümmern, bevor sie noch Colonisten sind. Da man sie nicht ausgiebig und lange genug unterstützen kann, wenden sie sich an die ׳englische Mission, wo sie Herr Friedländer, zweiter Vorsteher der Mission .mit offenen Armen empfängt. Er reicht ihnen Unterstützung zugleich aber auch das neue Testament und nach jüdischem Ritus verbotene Speisen. Ich hatte Gelegenheit, Herrn Friedländer persönlich kennen zu lernen. Er versteht leider nur zu gut sein Fach, ב!ש1טריט zu machen. Er unterstützt manchmal auch Solche, von denen er nicht weiß, ob sie sich zur Taufe hergeben werden; aber er thut dies, um dadurch Andere in sein . Netz bekommen zu können. Er gleicht hierin dem Fischer, der die mit etwas Futker versehene Angel auswirft; zwar kommt oft ein Fisch, der den Bissen erwischt und sein Leben rettet, der zweite aber bleibt an der Angel hängen. Und daS ist hier beinahe immer der Fall. Diejenigen, welche in's Netz der Mission gehen, werden von derselben nur so lange unterstützt, bis sie — wie man hier zu sagen Pflegt — den Posuk sagen, das heißt die Taufe annehmen. Denn der Mission, welche ein Heidengeld verzehrt und dennoch wenig Proselyten macht, ist es hauptsächlich darum zu thun, nach London rapportiren zu können. Dieser oder Jener habe die Taufe angenommen. Herr Friedländer ist im Seelenfangen, wie gesagt, Meister. Er bezieht seinen Stoff größtentheils von den jüdischen Colonien, welche leider Stätten des Elends und der Entbehrung bilden. Die für Juden gegründete Colonie, ,׳4הר טוב besteht eigentlich größtentheils aus Bekehrten. (W. Jsr.) Baltimore. Unsere Glaubensgenossen in Baltimore haben in ihrem lobenswerthen Bestreben, die Lage ihrer Armen zu bessern, eine Institution errichtet, welche die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen berechtigt ist. Sie nennt sich ,United Hebrew School and Kitchen Carden“ und ist eine praktische Vervollkommnung des sogenannten Kinder-Gartensystems. Die kleinen Kinder, insbesondere Mädchen, welche im elterlichen Hause in Folge der großen Armuth vernachlässigt werden und in Schmutz aufwachsen, werden hier ihren Kräften entsprechend zu,, den praktischen Pflichten des Lebens und namentlich au strenge Reinlichkeit gewöhnt. Die Mädchen müssen sich selbst und ihre Umgebung reinigen, ihre Betten machen, Tische decken