Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-04-22 · Heft 14 (22.4.1885) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 14 (22.4.1885)
Date
1885-04-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/1304829-3452999-3453013--1324-3455452
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

In Baron Max Springer verliert die ältere Generation der hiesigen Finanzgefellschaft eines ihrer ausgezeichnetsten, geachtetsten und bekanntesten Mitglieder. Max Springer, im Jahre 1807 zu Anspach in Baiern geboren, wandte sich als junger Mann nach Frankfurt a. M., wo er ein Bankhaus gründete, welches er durch rastlose Thätigkeit, strenge Solidität und ungewöhnliche kaufmännische Befähigung bald zu einem bedeutenden Range zu erheben wusste. Gegen Ende der Vierziger-Jahre übersiedelte Springer nach Oesterreich, wo er bald in der Finanz«. wett eine hervorragende Stellung einnahm. Zu den Bankgeschäften geseltlen sich mit der Zeit industrielle 'Unternehmungen, wie die Hiesige große Preßhefe-Fabrik in Nudolphsheim, das ausgedehnte Etablissement ,Maison Alfort' bei Paris (gleichfalls für Erzeugnng von Preßhefe bestimmt), welches unter der Leitung - seines jüngeren Sohnes Hermann steht, und die bedeutende (früher Haydinger.fche) Porzellan-Fabrik in Elbogen, deren schon Goethe in seinen Carlsbader Erinnerungen erwähnt. Bei der. Gründung .der Anglobank war Herr Baron Max Springer in hervorragender Weise betheiligt, ebensobei der Schaffung des ungarischen -Eisenbahnnetzes und anderen großen geschäftlichen Unternch- Mungen. Nachdem Max Springer schon früher den Orden der Eisernen Krone 3. Ctasse erhalten hatte, erfolgte im Jahre 1871 in Anerkennung seiner Verdienste um das Geschäfts- und Ver- -kehröleben Oesterreich-UngarnS, dessen Erhebung in den Freiherrn׳ stand. Dem internationalen Charakter seiner Thätigkeit gab später die Verleihung des Osfizierkreuzes der Ehrenlegion Ausdruck. Seit beinahe einem Jahrzehnt halte sich Baron Springer .-persönlich von der geschäftlichen Thätigkeit zurückgezogen und die Leitung der Unternehmungen deS Hauses seinem ältesten.Sohne Gustav übertragen. Baron Max Springer wußte die Interessen .deß Hauses und der Familie bei seinem Sohne in besten Händen und durfte sich dem durch ein thätiges, nützliches und ehrenvolles Leben so wohlverdienten Otiurn cum dignitate hingeben. Er war auch ganz der Mann, um dieses Otium voll zu genießen. Von nicht gewöhnlicher Bildung und seltener Belesenheit, von feinsinnigem Kunstverständnisse, von heiterem Temperamente, lebhaftem Geiste und weltmännischen Formen, wußte er — mochte er nun in seinem mit den Meisterwerken moderner Kunst .geschmückten Hotel der Rue de Lisbonne in Paris, in seinem .Hanse am Kärntnerring in Wien oder im Hotel ,Bellevue* in Gmunden weilen — stets einen anregenden Kreis um sich zu sammeln, in dem seine anmnthige und liebenswürdige Schwiegertochter, die Gattin seines ältesten Sohnes und Tochter des verstorbenen französischen Senators Baron Königswarter, mit dem ganzen Esprit und der vollen Grazie einer echten Pariserin den Ton angab. Der alljährliche Aufenthalt in Gmunden war für Baron Max Springer ein Lebens- und zugleich ein Herzens- -bednrfniß. Man keünl die innige, fast rührende Freundschaft, welche den Finanzmann mit dem Altmeister des Wiener Burgtheaters verband. In Gmunden waren die Beiden unzertrennlich. Man sah sie zusammen ans dem Balkon der Villa La Roche, man begegnete ihnen Arm in Arm auf der Esplanade, sie fuhren zusammen in der mit den bekannten prachtvollen Schimmeln bespannten Equipage des Baron Springer nach Stein oder einem anderen Punkte der Umgebung. Die Mahlzeiten wurden fast immer gemeinsam, entweder in der Villa La Roche oder in den Appartements, welche Baron Springer im ,Hotel Bellevue* Gewohnte, eingenommen. Nur der Tod konnte dieses enge Freundschaftsbündniß lösen. Als La Roche in den letzten Jahren seines -Lebens kränklich war und seine Wohnung in der Seilergasse nicht mehr verlassen konnte, stieg der selbst schon betagte Freund .täglich die steilen drei Treppen hinan, um mit dem kranken Künstler zu plaudern oder eine Partie Domino zu spielen. Bis zu seiner letzten schweren Erkrankung interessirte sich Baron Springer auf das lebhafteste für alle Erscheinungen der Politik, der Kunst, der Literatur und des gesellschaftlichen Lebens. Er las fortwährend die neuesten Bücher nicht nur der schöngeistigen, sondern auch der ernsteren Literatur; er war ein fleißiger Besucher der Oper und vor Allem ein leidenschaftlicher Bilderliebhaber. Er übte eine ebenso herzliche wie liberale Gastfreundschaft und verkehrte mit Vorliebe mit Künstlern. Fern jeder ostentativen Zurschaustellung des Wohltbätigkeitssinnes, übte er im Stillen viel Gutes. In den Springer'schen Fabriken fanden socialistische Wühlereien niemals einen Boden, weil die Arbeiter alle Ursache hatten, mit ihrem Lose zufrieden zu sein. Bis vor beiläufig einem halben Jahre erfreute sich Baron Springer einer für sein Alter bemerkenswertheu Frische und Rüstigkeit, welche die Möglichkeit nicht ausschloß, daß er das hohe Alter. seines Freundes La Roche erreichen werde. Im Spätherbste des vergangenen Jahres erkrankte er jedoch an einer heftigen Lungenentzündung, von der er aber so vollkommen hergestellt ward, daß der Sylvester-Abend im Springer'schen Hause im kleinen Kreise heiter begangen wurde. Wenige Tage nach Neujahr erlitt Baron Springer, ohne auch nur das Zimmer verlassen zu haben, einen sehr ernsten Rückfall. — — Mittwoch Nachmittags um 3 Uhr wurde Baron Max Springer zu Grabe getragen. Die Theilnahme seitens der Finanzkreise, der Aristokratie, der Künftlerwelt und aller anderen Gesellschaftskreise war eine jo zahlreiche, dass alle die erschienenen Trauergäste in dem Palais, Kärntnerriug Nr. 14, keinen Platz fanden. Im Vestibüle bildete die Rudolphsheimer Feuerwehr Spalier. Der einfache Sarg war in eiuem Lrauergemach aufgebahrt und vonden prachtvollsten Kranzspenden vollständig bedeckt. Es hatten sich unter Anderen eingefnnden.der gesummte Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde, die Geheimen Näthe Dr. Unger und Edler v. Plener, FML. Tiller, Hofrath Doczy, Herrenhausmitglied Baron Königswarter, die Abgeordneten Dumba, Lenz und Mamhner, Graf Eduard Zichy, der Gouverneur der Läuderbank Graf Wodzicki, der Präsident des Landesgerichtes Ritter v. Weitenhiller, Graf Rudolph Kinsky, Graf Lamezan, die Hofschauspieler Lewinsky und Robert. Graf O'Sullivan, Adjutant des Fürsten Hohenlohe, Major Walzl, Professor Sulzer, Director der Privat-Telegraphen-Geselljchaft, Jeßler, Bürgermeister von Nudolphsheim mit den Gemeinderäthen, Ritter v. Wertheimer, Schriftsteller Eduard Mautner, mehrere Maler, Gardc-Officiere und sehr zahlreiche Mitglieder des Jokey-Club. Während der Chor unter Leitung des Ober- Eanrors Singer einen Trauergesang anstimmte, wurde der Sarg auf den vierspännigen Leichenwagen gehoben. Dem Sarge folgten die Söhne und andere Angehörige sowie zahlreiche Freunde des Verblichenen zum Central-Friedhose, wo die Beisetzung der Leiche in der Familiengruft erfolgte. Am Grabe hielt Prediger Dr. Güdeman dem Verstorbenen, einen tiefempfundenen Nachruf, in welchem er dessen Verdienste und besonderen Wohlthätigkeitzsinn hervorhob. Kleine Chronik. Smg. Wie alljährlich, beging auch an diesem Passahfeste der israelitische Freitifchvsrein die beiden Sederabende festlich. In dem glanzend erleuchteten und mit den Büsten des allerhöchsten Kaiser- Paares geschmückten Speisesaate versammelten sich mehr als 100 Kostnehmcr dieses Vereines, um an der Sederfeier theilzunehmen. H err

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.