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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-04-22 · Heft 14 (22.4.1885) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 14 (22.4.1885)
Date
1885-04-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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allüberall regt sich und sprießt das junge Grün inmitten der zu neuem Leben erwachten Blumenprach.t^; denn die ordnende Hand eines treuen und liebevollen Pflegers verpflanzte die von Unkraut überwucherten Stämmchen in geeignetes Erdreich, und die in ihnen schlummernde gesunde Kraft öffnet ihre Hälmchen zu frischer Thätigkeit. Hier die würzig zartduftende, zum Braütgeschmeide passende Myrthe beim Freitag-Abend-NINN bet .ומלכתו גבר*צרץ ויכלו ׳חצי קדיש und קידוש rc., dort das edle Farbenspiel eines Stiefmütterchens in dem Tongebilde des bis nun so stiefmütterlich behandelten חזנות für שחרית לשכת, und zwar bei ,הכל ידוך להקדיש ליוצרם — לאל אשר שבת — rc; da eine vollentfaltete Monatsrole, dargestellt durch die frommen Töne des כרכת החדש und bei vorgerückter Jahreszeit die im Windesschauer erzitternde Herbstzeitlose in der beruhigenden Melodie des ברכת הגשם. Hemmen wir unseren Schrill nicht und ergehen wir uns nur weiter in diesem Mustcrgarten geradezu klassisch schöner Schöpfungen. welcher Gruppe wir uns auch zuwenden, ״welchem.Theile wir auch unsere Aufmerksamkeit schenken, überall bemerken wir die Erfolge eines umsichtigen Verwalters, überall die Ergebniße treuer, emsiger Arbeit, die Producre einer künstlerisch gereiften Anschauung. Der monströse Aufbau der עבודה beim כפור DV מוסף für Cantor und Begleitung dreier Männerstimmen wie der liebliche ואני תפלתי bei מנחה לשבת für Cantor-Solo, der dramatische, den Angstruf eines zerklüfteten Menschenherzens so treu darstellende קדיש für מוסף ראש השנה, wie die frühlingsheitere Melodie des צאינה וראינה und viele andere, bezüglich der Festesstimmung mannigfache Piecen, sie fanden alle eine väterliche Aufnahme und streng fachmännische Bearbeitung. Die von Naumburg verzeichnete Melodie erscheint jedoch nichr in jener blos a n d e u t e n d e n Form, die von den meisten jüdischen Canioren, aus uns unbekannten Gründen, cultivirt wird und die viel eher geeignet ist, die Hinfälligkeit derselben zu beschleunigen, als aufzubalteu, sondern in e r s ch ö-p fe n d e r Weise bebandelt; lediglich das Unkraut ist entfernt, d. b. entstellende Rouladen und unberechtigte Verzierungen sind weggelasscn, wäbrend die wesentlichen Intervalle dem ganzen Umfange nach beibebalteu sind. Wenn spätere Herausgeber synagogalgesanglicher Werke den jüdisch-traditionellen Gesängen ebenfalls ihre Aufmerksamkeit zuwendelen, so muß und kann es nur als eine Besitznahme des beinahe verlorenen, von Naumburg jedoch zurückerobenen Gutes angesehen werden. Naumburg allein gebührt der Dankeszoll dafür, daß er durch rastloses Streben und Ringen jenen künstlerischen Aufschwung erreichte, die traditionelle Melodie (חזנות) zu pflegen und derselben auch die Werthschätzunz und Anerkennung aller maßzebcnden Fachkreise zu verschaffen und zu erhallen. Hätte Naumburg nichts weiter vollbracht als die eine That, der traditionellen Melodie ihr vorenthaltenes Recht wieder eingeräumt zu haben, er hätte genügend gewirkt, um in den Blättern der Synazogengesangs- Geschichte einen Ehrenplatz einzunehmen. Allein er war nicht blos ein genialer Künstler, er war auch ein edler, moralischhochstehender Mann, ein echter Priester im Heiligthume des Herrn. Nennt die Geschichte des Synagogeugesanges die besten Namen, wird sein Name sicherlich auch genannt. (Fortsetzung folgt.) Aeber dss Gehör und die Tonempfludung. Bei allen Erregungen des Gehörnerven haben wir Gehörsempfiichuügen. Die gewöhnlichen Wahnehmungen, welche demselben zukommen sind Erschütterungen, die ihn in Gestalt von Schallwellen treffen, aber auch alle anderen wirksamen Erregungen rufen in ihm Gehörsempfindungen hervor. Es geschieht zum Beispiel häufig — zumeist in krankhaften Zuständen — dass man für kurze Zeit, manchmal auch'für längere Zeit,: sehr hohe Töne^hör thäufig ׳ auch so, dass man ein. Sausen und Rauschen hört, wie das Sausen des Windes und das Brausen des Meeres, auch wohl wie entferntes Wagenrollen. Dieser Zustand kann permanent werden und so. quälend, dass die davon Heimgesuchten in Melancholie verfallen. Die Erregungen des .-Gehörnerven können endlich auch vom Gehirn ausgehen. Sie haben dann den Charakter von combinirten Erregungen, nicht nur von bestimmten Tönen, sondern auch von einer bestimmten Reihenfolge von Tönen oder Geräuschen, gewöhnlich von Worten, die gerufen oder gesprochen werden. Die nähere Erörterung.. dieser beiden Erregungsarten ist jedoch hier nicht am Platze, bemerkt möge nur werden, Lass man im letzten Falle von Gehörshallucinationen spricht, deren erste Anfänge mit dem Namen Stimmenhören bezeichnet zu werden pflegen. Die gewöhnlichen Erregungen aber, die dem Gehörnerven zukommen, sind, wie gesagt Schallwellen, die ihm entweder durch die Luft oder durch feste Theile zngeleitet werden. Für gewöhnlich kommen uns zwar die Schallwellen durch die Luft ju; aber wir können sie auch ebenso wirksam mit Ausschluss der Luft blos durch eine Kette von festen Theilen zuleiten. Wenn man eine Stimmgabel so schwach an schlägt, dass sie durch die Luft nicht hörbar ist, und sie dann auf den Kopf setzt, so hört man sie, indem die Schwingungen der Stimmgabel an die Kopfknochen und von da an das Gebörorgan und den Gehörnerven übertragen werden. Nebenbei bemerkt, erwächst hieraus ein sehr wichtiges diagnostisches Zeichen für den Arzt. Er will, wenn sich ihm ein Tauber vorstellr, wissen, ob bei demselben der Gehörnerv noch functionirt und das Hindernis für das Hören nur im schallleitenden Apparate liegt, oder ob wirklich der Gehörnerv nicht fähig ist, erregt zu Werden. Zu diesem Zwecke schlägt er eine Stimmgabel an und setzt sie der betreffenden Person auf, das Scheitelbein. Functionirt der Gehörnerv noch, und liegt das Hindernis nur im schallleitcnden Apparate, io hört die Perlon die Stimmgabel. Ein bekanntes Spielwerk besteht darin, dass man einen silbernen Löffel oder einen eisernen Ladstock in einen Bindfaden einknüpst, die Enden des Bindfadens in die Ohren steckt und nun den Löffel oder den Ladstock gegen eine Wand anschlägt. Dann werden durch den Bindfaden die Schwingungen dem Obre so mitgetheilt, dass man das stärkste Glockenläuten zu hören glaubt. Die meisten Erregungen aber kommen dem Gehörnerven von Schallwellen zu, die in der Luft fortgepflanzt werden. Wenn irgendwo die Luft durch einen plötzlichen Impuls, z. B. durch die Detonation einer Zündkapsel oder eines Kanonenschlages erschüttert wird, so entsteht dadurch ein Schall. Es wird die Luft nach allen Seiten hingestoßen, und es entsteht dadurch um die Schallquelle einer Kugelschale von verdichteter Luft. Die Bewegung pflanzt sich nach den Gesetzen des elastischen Stoßes fort. Auf die Schichte verdichteter Luft folgt dann eine Schichte verdünnter Luft, und so schreiten eine Verdichtuugswelle und eine Verdünnungswelle hinter einander nach allen Seiten mit gleicher Geschwindigkeit fort, und zwar bei der Temperatur von 0° mit einer Geschwindigkeit von 333 Metern in der Secunde. Wenn nun eine solche Welle an unser Ohr schlägt, so bringt sie einen Schall hervor, treffen mehrere Stöße in 1mregelmäßiger Reihenfolge unseren Gehörsnerven, so entsteht das, was wir ein Geräusch nennen. Wenn aber eine Reihe von Stößen in periodischer Reihenfolge so rasch aufeinander folgt, dass der Eindruck des ersten StoßeS noch nicht erloschen ist,

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