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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-04-22 · Heft 14 (22.4.1885) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 14 (22.4.1885)
Date
1885-04-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische n־Ze1tun Pränumerations-Preis Kür Ser«insr»itglieder: Ganzjährig . - . . fl. S.— Halbjährig fl- 2.S0 Vierteljährig . . fl. l-?5 Monatlich ... fl. —45 Kür Mchlmitgtteder: Ganzjährig ... fl. Halbjährig . . . . fl. Vicrtel!ährig . . fli-5o Monatlich ... fl- —-50 Kür das Ausland: Banziährig . . . fl- / — 12 Mark oder 6 Kübel. Organ für die üesnmtiit -Interrsspii jiiiiistijrr Cnntorcn. ßrscheint jeden achten Hag. Begründer: Obercantor Mcruev. ^edaetia» an» Adminiftration 11■ i e n. II., Nova raga sie 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. Nr. 14 Wien, 22. April 1885. 5. Jahrgang Urtier ״Eiltivickelmig des Synagogen- Gesanges". Von Obercanlor I. Singer in Wien. XXXIII. Wer die Bedeutung eines lithurgischen Gesangwerkes in der Anzahl der für Ausführungszwecke - sich mehr oder minder eignenden Nummern sucht, der dürste das Naumburg'sche Werk Semiroth Jisroel unbefriedigt bei Seite legen, weil die wenigsten von Naumburg stammenden Piecen jene vielgesuchte Eignung der blendenden Wirkung besitzen, die dem Momente dienen, daher auch mit gutem Rechte Augenblickserscheinungen genannt werden dürfen; derjenige jedocb, der in demselben die Kundgebung eines religiös-musikalischen Glaubensbekenntnißes erblickt, welches den spätesten Geschlechtern über Denken und Fühlen, über Streben und Ringen des Autors Aufschluss geben soll, der muß und wird dieses Werk wie ein theures Vermächtnis eines hochbedeutenden Mannes bewachen und werthschätzen. Nicht allein beim vorliegeuden, sondern bei jedem älteren Werke darf kein Moment außer Acht gelassen werden, dass dasselbe ein treues Spiegelbild jener Zeit ist, in der es entstanden, und keineswegs unserem modernen Geschmacks entsprechen muß; in Berücksichtigung dieses geschichtlichen Standpunktes sollte bei Beurtheilung eines modernen Werkes nach den Bedingungen der gegenwärtigen Kunstgesetze und Kunstverhältniße etwas.gewissenhafter geforscht werden, als es der Fall ist. weil dasselbe einstens unseren Epigonen ebenfalls als lebendiger Zeuge u n s e r e x Wirksamkeit und u ns e r e 8 Strebens dienen soll. Diese historische oder vielmehr didactische Bedeutung des Naumburg'schen Werkes ist nun eine solch' umfassende, dass wir nicht oft und eindringlich genug auf dieselbe Hinweisen können. Zuvörderst macht sich in demselben eine berechtigte Abneigung .gegen eine etwaige nichtjüdische Mitarbeiterschaft geltend, wie dieselbe bei der Edition ähnlicher Werke, keineswegs zum Nutzen derselben üblich war und ist *). *) Gelegentlich einer letzthin bewerkstelligten Aufführung der Bach'schen hohen Messe ward von den anerkanntesten Musikkritikern Wien's die Mage Derselben ethischen Anregung ist auch ganz bestimmt das entschiedene Zurückweisen des Kirchenstyles beim Lynagogengesäng, sowohl beim Chorsatze als auch beim Rccitaiiv.׳ zuzuschreiben und endlich lieferten wir den Nachweis, dais Naumburg durchaus keine Sympathie für das moderne deutsche Necitativ hatte und es lediglich dort zur Anwendung brachte, wo nichts anderes zu verwenden war. Die volle und ganze Bedeutung Naumburg's gipfelt jedoch keineswegs in jenen Erscheinungen, die einen negativen Charakter tragen, sondern darin, was er für oeu Synagogengesang ^Positives geschaffen, öder besser gesagt, in sein altes Recht eingesetzt, und zwar in der Anwendung des HUTII. Hier zeigt sich Naumburg geradezu als Behen scher und Machthaber eines großen Reiches. Es war eine traurig ernste Zeit für den allehrwürdigen jüdisch-traditionellen Gesang. Jene maßgebenden Facroren, die auf dem Gebiete des Synagogengesanges ihre Schöpfungen durch Drucklegung weiteren Kreisen zugänglich machten, wie de Nossi, Lovy und Sulzer (I. Theil Schir Zion; der II. Theil ist viel später erschienen) waren leider keine treuen Pfleger der Tradition, die Ersteren wichen derselben sogar ängstlich aus, und beim Schir Zion I ist höchstens ein mattes Aufdämmern jener heiligen Klänge zu bemerken, und jene orthodoxen Chasanim, polnischen Ursprunges, welche das חזנות mehr aus Religiosität oder Gewohnheit, als aus Zielbewußtsein sangen, konnten zumeist nicht als maßgebend gelten. So fristeten die zarten Pstänzlein unter der Ungunst der Verhältniße ein klägliches Dasein und wären in ihrer stillen Abgeschiedenheit sicherlichverkümmert, hätte die Umsicht und Fachkenntnis Naumburg's im letzten Augenblicke dieselben nicht vor dem Untergange bewahrt. Das war eine That, eines großen Mannes würdig, das ist eine Errungenschaft, die, vom jüdischcantoralen Standpunkte aus, ihm einen ewig grünen Lorbeer um die Stirne flicht. Wohin wir unser Auge wenden in diesem von Naumburg geschaffenen Ziergarten altjüdischer Gesangblüthen, aufgeworfen, wie es denn kam, dass der Protestant Bach eine katholische Messe componirte, und mau lieferte den Nachweis, dass die einzelnen Nummern derselben viel früher, und zwar mit Rücksicht auf den protestantischen Gottesdienst, geschaffen und erst später als Gelegenheitsmeffe für katholische Zwecke vereinigt wurden.

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