Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 13 (14.4.1885)
- Date
- 1885-04-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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— S — -entdecken, läßt eine andere Erklärung absolut nicht zu, als dass man ihr entweder zu mißtrauen Ursache hat, oder für den Fall ihrer gerichtlichen Einvernahme mancherlei Mittheilungen und Enthüllungen fürchtet. Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit verfolgt die öffentliche Meinung den Verlauf und den endlichen Ausgang dieser beschämenden Prozesse, und wir hegen die Zuversicht, dass dem beunruhigten offentlichen Gewiffen Genugthuung wird. Wien, am 8. April 1885. Dr. Bloch, Reichsraths-Abgeordneter. Kleine Chronik. Wien. (Orig.-Corresp.) Sonntag den 12. d. M. fand im israelitischen Taubstummcninstitute das Fest der 25jährigen Wirksamkeit des Herrn Hildburghäußer als Präses des Institutes I statt, bei welcher Gelegenheit Herr Qbercantor Singer zwei seiner neuesten Compositionen: ,Der Herr ist mein Hüter" und ,Wir traun auf unfern Wegen", durch den Chor des Stadttempels nebst Harmoniebegleitung zur Aufführung brachte. Die Composition wie die Aufführung fanden allgemeine Anerke nnung. Wie». Zn der Gemeinderathssitzung vom 10. April brachte der Vorsitzende, Bürgermeisterstellvertreter Dr. Prix, folgendes Schreiben des Präses der Wiener Cultusgemeinde und Gemeinderathes der Stadt Wien, Herr Moriz Pollak v. Borkenau zur Kenntnis: ,Geehrter Herr Bürgermeister! Mit Bedauern sehe ich mich veranlaßt, das mir seit 24 Zähren von meinen Wählern übertragene Mandat eines Gemeinderathes in Zbre Hände zurücklegen zu müssen, da meine angegriffene Gesundheit es mir nicht mehr gestattet, der Erfüllung meiner Pflichten nachznkommen, sowie mich den damit verbundenen Aufregungen auszusetzen. Indem ich aus diesem Amte scheide, erlaube ich mir sowohl Zhnen, als auch sämmtlichen Herren, welche mich in dem Streben, für das Wohl meiner Vaterstadt zu wirken, unterstützten, meinen tiefgefühlten Dank auszusprechen und bitte, mir eine freundliche Erinnerung zu bewahren. * Bürgermeister-Stellvertreter Dr. Prix: Mit Herrn Pollak v. Borkenau tritt ein Mann aus der Gemeindevertretung der Stadt Wien, welcher sein ganzes Wissen und Können dem Wohle der Stadt gewidmet hatte. (Beifall.) Durch seine hervorragende Zntelligeuz, seine umfassenden und gründlichen Kenntniße und durch seinen lauteren Charakter war er berufen, an den wichtigsten Fragen, welche in den letzten zwei Decennien den Gemeinderath beschäfligten, den thätigsten und maßgebenden Antheil zu nehmen. (Beifall.) Die Herren werden mit mir einverstanden sein, wenn ich Sie ersuche, durch Erheben von den Sitzen zu bekunden, dass Sie das Ausscheiden des Herrn Pollak v. Borkenau aus dem Gemeiuverathe bedauern. (Die Versammlung erhebt sich.) Der Bürgermeister wird dieses Bedauern Herrn Pollak v. Borkenau in geeigneter Weise zur Kenntnis bringen. (Lebhafter -Beifall.) Die ,N. Fr. Presse" äußert sich über die Mandatsniederlegung v. Borkenau's folgendermaßen: ,Eines der berufensten, thätigsten und verdienstvollsten Mitglieder des Gemeinderathes, Herr Moriz Pollak v. Borkenau, hat heute sein Mandak niedergelegt. Herr v. Borkenau gehörte seit dem Zahre 1861 dem Gemeinderathe an und war seit zwanzig Zähren der ständige Budget-Referent der Commune Wien. In den schwierigsten Lagen und Verhältnißen, wo es galt, wichtige flnanzielle Fragen zu lösen, bewährte sich die ganze Kraft und Opferwillizkeit Borkenau's, so dass ihm im Gemeinderathe scherzweise der Titel ,Finanzminister der Commune Wien" beigelegt wurde. Das vollste Vertrauen der seither amtirenden Bürgermeister Zelinka, Felder, Newald und Uhl, sowie aller Parteien des Gemeinderathes ward ihm zu Theil, bis er in jüngster Zeit zum Gegenstand maßloser und, wie der hierauf folgende Prozeß lehrte, vollkommen unbegründeter Anklagen gemacht wurde. Mit Herrn v. Borkenau scheidet eines der hervorragendsten und befähigtesten Mitglieder des Gemeinderathes, und es hat allen Anschein, als ob eine Reihe von Männern, welche gleich ihm durch Talent, Kenntniße und Liebe zur Stadt Wien zu allererst berufen waren, im Nathe der Stadt zu wirken, seinem Beispiele folgen wollten. Noch hält das Drängen der Wähler und der Parteigenossen im Gemeinderathe sie ab, den in der jüngsten Zeit gereiften Entschluss anszuführen, es unterliegt aber keinem Zweifel, dass diese Zögerung nicht von Dauer jein wird. Stehen wir doch unmittelbar vor der Berathung wichtiger communaler Fragen, deren sich schon heute gewisse Führer bemächtigt haben, um sie durch den Terro- I rismus in ihrer Weise zu lösen, R. v. Borkenau aber verdient für seine ein Vierteljahrhundert umfassende Thätigkeit im Gemeinderathe die vollste Anerkennung und den Dank Aller, welche es aufrichtig und ehrlich mit dem Wohle unserer Stadt meinen." Strakonih. (Orig.-Corresp.) Der in unserer Gemeinde sehr beliebte Obercaulor, Herr Emil Fr ä 1111, wurde in Anerkennung seiner gediegenen Leistungen von der Chewra-Kadischa einstimmig zum Ehrenmitgliede ernannt. H^isek, am 5. April. (Orig.-Corresp.) Keine Ostern ohne Blutbeschuldigung. Kein Wunder. Wenn schon Männer, die sich zur gebildeten Classe zählen und sogenannte Gelehrte das Ammenmärchen ganz ernstlich colpoliiren, dass die Juden am Passahfefte ohne Christenblut nicht existiren können, was läßt sich dann wirklich von den Beschränkten der unteren Volksclasse erwarten? So hatten wir in Pisek am ersten Sederabend ein Stückchen Tisza-Eszlar. Folgendes der Hergang dieser cause celebre. Ein hiesiger jüdischer Strazzen- Händler war eben im Begriff den Tempel zu besuchen, als ein lljähriger christlicher Knabe ihm Hadern zum Verkaufe anbot. Der Händler, Namens Ball, wies den Knaben mit dem Bedeuten ab, dass er am Feiertage nichts kaufe. Nach ungefähr 3 Stunden stürmte die Mutter des obigen Knaben mit Wuthgeschrei in das Zimmer Balls, überhäufte ihn mit Schmähungen und dem Vorwurfe, dass er ihren Knaben 3 Stunden in eine Kammer eingesperrt und ihm daselbst Blut habe abzapfen wollen. Der Familie, tue sich wahrscheinlich eben mit dem Leeren des vierten Bechers beschäftigte, kam diese Seene wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Alle Entschuldigungen waren fruchtlos. Ja, das Weib behauptete noch, dass ihr Sohn nur durch Ausheben der Thüre aus den Angeln seine Flucht und Rettung bewertstelligt habe. In der That lief sie sofort zur Polizei. Drei eifrige Polizeimänner hatten nichts Eiligeres zu thun, als sich in das Haus des Juden zu verfügen und der Findigste von ihnen brachte es durch Gewalt und Kunstgriffe richtig fertig, die versperrte Thüre ausznheben, ergo der Jude ist schuldig. Die Sache hätte leicht mißliche Folgen haben können, wenn nicht schon am folgenden Morgen drei andere Knaben sich gemeldet hätten, welche aussagten, dass der erwähnte Junge in ihrer Begleitung mehrere Stunden am Bahnhofe zubrachte und nur aus Furcht vor der Strafe die obige infame Lüge ersann. Mittlerweile hat der Knabe selbst Abbitte gethan. Ob hinter dem kleinen Antisemiten ein größerer Hetzer steckt, dürste vom competenten Gerichte bald eruirt werden. M. N o s e n f e l d, Cantor. 'Mest. (Orig.-Corresp.) Am 'hiesigen orthodoxen Tempel ist seit längerer Zeit der Cantorposten vacant und haben auf denselben schon mehrere Cantoren aspirirt. An den ersten Tagen Pessach hat Herr Cantor Tiger einen mit großem Beifalle ausgenommenen Probevortrag abgehalten und dürfte nebst dem Herrn Cantor K a r m i o l aus Balas-Gyarmat die meiste Aussicht auf Acceptation haben.