Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 13 (14.4.1885)
- Date
- 1885-04-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3452999-3453012--1313-3455440- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 3 - erfassen und aufzusinden, und auch die Wissenschaft zieht bei alten ernsten Erörterungen den Inhalt vergilbter Folianten zu Rath.׳, um aus denselben Aufklärung und Belehrung zu schöpfen, weil man allgemein zur Ueberzengung gelangte, dass Form und Gepräge der altehrwnrdigen Kunsterzeugniße die für alle Zeiten allein maßgebendsten sind,' wenngleich dieselben in der Nntzan- Wendung für unsere Tage auch eine gewisse Umwandlung erfabren müssen. Dieser für unsere Zeit ersprießliche und heilsame Einfluss macht sich auch bereits allüberall geltend; in den Straßen der Hauptstädte, wie auf dem Landsitze des Edelmannes, in der Studirstube des Gelehrten, wie im Speisefalon des Begüterten, selbst in Schnitt und Form der Kleidung, namentlich der Damen, allüberall ist die Rückkehr zur alten Form zu bemerken. Selbst in der Religionsausübung dem Zudenthume Nichtangehöriger ist dieses Festhalten an den alten Formen und Gebräuchen zu bemerken. Wie kommt es nun, fragen wir, dass bei dieser conservativen Anschauung, jene Institutionen, deren großer bedeutender Inhalt heute zumeist durch äußere Formen zum Ausdruck gebracht wird, wir meinen die jüdische Religion und ihre Uebung, seit Decennien umgemodell und unter der Flagge ,Zeitgemäße Gestaltung* immerfort Veränderungen zu erleiden haben. Wir wollen an dieser Stelle diese geradezu weltbewegende Frage nicht beantworten, dieselbe vielmehr den Herren Gelehrten unserer Neligionsgenossiuichasl überlassen; es ist lediglich unsere Absicht, diese Frage zu stellen' und bei dieser Gelegenheit so beiläufig unsere diesbezügliche, unmaßgebliche Meinung kund zu geben — vielleicht kann durch dieselbe ein ersprießlicher und erfolgreicher Gedankenaustausch angebahnt werden. Erwünscht wäre es im Interesse der heiligen und ernsten Angelegenheit. Das Judenthum vergangen er Decennien kannte einen Religionslehrer nach unseren modernen Begriffen nicht, und wenn der Seelsorger der Gemeinde auch den Namen רב trug, so war er dennoch weniger Religionsl e h r e r als Religionsw e i f e r für viele dem Laien dunkle und verhüllte Stellen und hatte nur dann seine Ansicht zu äußern, wenn von irgend einer Seite eine religiöse Frage שאלה an ihn Hebräer, dachte ich, hat für den Wein einen hochpoetischen Namen. Er nennt ihn die ,Traubenthräne*: מלאתך ודמעך. Die Freude hat ihre Thränen, und die Schöpferin der Freude ist — die Traubent h r ä n e. Wenn der Leidende eine Thräne weint, wird sein Herz ihm leichter; dasselbe aber bewirkt auch die Traubenthräne. ,Gebet Wein den Verzweifelten\ sagt der weise König, ,damit er trinke und seine Leiden vergesse!4 Als ich nun an den Seder ging, wollte ich diese ernsten Gedanken noch festhalten, aber der Mensch denkt und die — Frau lenkt. Sie meint es recht gut mit mir und credenzt mir den größten Becher, den feurigsten Wein. In meiner Frömmigkeit hatte ich den größten Theil seines Inhaltes רוב הכום geleert — und aus war es mit den ernsten Gedanken, alle wurden sie im Becher ertränkt; Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Nur den einen ernsten Gedanken konnte ich noch fassen, ich fand nämlich, wie wahr das deutsche Sprichwort sei: ,Es ertranken mehr im Becher als im Meeres In dieser Stimmung an den Vortrag des בהא לחמא עניא schreitend, drängten sich mir immer Fragen auf, die leider die Andacht nicht sehr förderten. So frug ich mich beispielsweise: ,Warum bieten die meisten Gemeinden ihren Cantoren לד1מא עניא auf Pessach, warum geben sie ihnen nicht lieber Kuchen und sonstige Bäckereien auf Schewuoth, oder Zucker auf Rosch Haschanah, da doch der Genuss des Süßen an diesem Feste beliebt ist, weil man ein süßes Jahr dadurch zu'verbringen glaubt. ' gerichtet wurde; selbst die Doctrinen der einstigen Predigt דרשה waren weniger didactischer als philosophischer und psychologischer Natur, so dass der einstige רב keineswegs als Ausgangspunkt des heute n öthig gewordenen Religionslehrers betrachtet werden kann. Das alte Judentbum kannte auch keine Neligionslebre, sondern nur eine Religionswissenschaft; die religiösen Zeremonien und Observanzen wurden in den altjüdischen Familien von Vater und Muter vorgelebt und von den Kindern einfach uachgelebt, der kleine Knabe sah den Vater täglich תפילין legen und wußte als ,בר מצוד nichts anderes, als dass er dasselbe thun müsse, ohne vielleicht gar Bedeutung und Inhalt dieses Gebetes zu kennen. Und wie ist es heute? — Unsere Religionslehrer arbeiten und bemühen sich und wir anerkennen die schwere anstrengende Arbeit -— um dem Kinde die Heiligkeit des Sabba!btages an's Herz zu legen, und das arme Kind sindet im Elternhause nichts weniger als Sabbathruhe und wird durch den Hausgebrauch veranlaßt, den Sonntag als Tag des Herrn zu feiern. Unsere Neligionslehrer sprechen mit Begeisterung und Wärme von dem national-historischen Inhalte des Chanukkalichtleins, dessen Strahlenglanz in dem empfänglichen Herzen des Kindes gewiß einen tausendfachen Reflex sindet, indeß in der rraulichen Kinderstube nicht die Lichtlein der מברה, sondern der blendende Schein des Christbaumes erstrahlet; unsere Religionslehrer erklären alljährlich die Geschichte und Bedeutung der מצות — und das Kind empfängt am elterlichen Tische einen mit Rosinen und Mandeln gebackenen christlichen Osterstollen rc. Welch' unglückseliger Zwiespalt zwischen Religioasschule und Elternhaus! Wie viele bittere Fragen beben nicht auf den Lippen des Kindes, welches zwischen der ihm gewiß thenren Lehre des Religionslehrers und der geradezu entgegengesetzten Neligionsübung des Elternhauses wie zwischen Himmel und Hölle schwebt und nicht weiß, wohin es sich neigen darf, wie dieses Räthsel zu lösen sei. Wäre es nun angesichts dieser aus dem modernen, jüdischen Leben gegriffenen Thatsachen nicht ersprießlicher, unsere Blicke auch hiebei auf die ,altdeutsche Form* unserer Altvordern Der Kostenpunkt konnte da nicht maßgebend sein, da die Mazzos gewöhnlich so hoch im Preise stehen, dass man statt deren die besten Backwerke für andere Feste anschaffen könnte. Nach kurzem Sinnen siel es mir aber ein, dass vielleicht darin die Beschaffenheit der Existenz der Cantoren den besten Ausdruck sindet. Die meisten Gemeinden nämlich bieten zwar den Cantoren ein Brod — aber׳ ein lachmo anjoh —- ein Brod der Armuth, wobei man zwar nicht Hungers sterben, aber auch nicht fett werden kann. — Es ist aber eine unstreitbare Thatsache, wenn man einmal die Bahn der Andacht verlassen hat, so ist es schwer, wieder einzulenken. Und so hatte ich, während mein Jüngster das מה נשתנה meisterhaft vortrug, ein ganz anderes מה נשתנה im Sinne. Warum zeichnen sich nämlich die Artikel NO2 של durch unverhältnismäßig hohe Preise von denen של הנק in so unvortheilhafter Weise aus? So sah ich beispielsweise ein Packet Zwetschken NOS של vor mir liegen, dessen Preis den gewöhnlichen um die Hälfte überstieg. Sollte etwa die Ursache dieser Preiserhöhung der Umstand sein, dass ein religiöses Bedürfnis die Nachfrage nach denselben steigerte? Ich verkostete eine derselben, und ich fand, dass ich mit meiner Vermuthung das Richtige getroffen habe. Die Zwetschken dienten gleichsam zur Ergänzung des מרור. Denn durch dieses wird uns angedeutet, wie bitter uns die Egypter das Leben gemacht, die Zwetschken hingegen zeigten mir wieder, wie sauer