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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-04-14 · Heft 13 (14.4.1885) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 13 (14.4.1885)
Date
1885-04-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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nehmen*. Es ist wahr, dass die Strophen einander sehr ähnlich sind, wodurch das Auffassen im Gedächtnis erleichtert wird: es ist^aber auch wahr, dass dies Auffaffen durch den eigenthümlichen, von neuerer Musik ganz abweichenden Gang der Mittelstimmen erschwert wird. Mozart ließ später mehrere seiner Bekannten Abschrift nehmen. Auch an Doles in Leipzig war durch dritte Hand solch eine Abschrift gekommen; und dieser ließ nun seine Schüler den Psalm gewöhnlich am grünen Donnerstage in der Kirche ausführen. Als hernach B'urney das Werk nach einer Copie des Originals — wie er nun dazu gelangt sein mochte — öffentlich bekannt machte: da fand sich's, dass auch nicht sine Note anders als bei Mozart sei. Die ausgezeichnete, italienische Violinspielerin, die hernach als Madame Schlick in Deutschland sehr bekannt geworden und in herzoglichen Diensten zu Gotha gestorben ist, kam nach Wien, spielte mit vielem Beifall bei Hofe und kündigte nun ein öffentliches Concert an, wozu ihr Kaiser Joseph sein italienisches Hoftheater gab. Sie wollte gern auch mit einem noch unbekannten, vorzüglichen Solostück, und, wo möglich, neben Mozart auftreten. Sie ging den Meister bittend an um Composition und Spiel. Gefällig und schnell zur Hand, wie immer, versprach er. Beides. Er sann sich eine große Sonate für Pianoforte und Violine aus — Es ist die treffliche, aus L-äur, von einem feierlichen Adagio eingeleitet — nun aber das Aufschreiben — das leidige Ausschreiben 1 Der Tag nahet sich, die geängstete Frau drängt mit Bitten: endlich den Abend vor dem Concerttage erhält sie ihre Stimme, um sie den Vormittag noch einstudiren zu können. Die Versammlung ist zahlreich, die musikalische Unterhaltung schreitet vorwärts: jetzt beginnt jene Sonate und entzückt durch Composition und Vortrag jener Beiden. Da lorgnirt der Kaiser aus seiner Loge herunter und sieht, d.-ss Mozart statt der Noten ein leeres Blatt vor sich liegen hat. Hast Du es wieder einmal d'raur ankommen lassen? sagt ihm der Kaiser hernach. ,Ew. Majestät — ja.' Hätte Mozart das Stück -— ich will noch nicht sagen, cingelernt — sondern nur mehrmals gespielt gehabt, so wollte das nichts sagen; aber er hatte es mit der Virtuosin auch nicht einmal probirt, er hatte es mit der Violine gar nicht gehört! In seiner Academie zu Leipzig, drei Jahre vor seinem Tode, spielte er zwei Concerte: das sanftbeitsre, reizende auS L-äur, mit den Variationen aus Gr־molI, das bald darauf gestochen ward, und das glänzende, prachtvolle, aus C-duiy das nach seinem Tode herauskam. Was machten die Anwesenden für Augen, als er, in der Probe wie dann am Concertabende, statt der Solostimme für sich, einen bloßen Baß, hin und wieder mit Bezifferung, Andeutung der Eintritte und Anfang einiger Hauptfiguren, auf's Notenpult legte. Die Solostimmen, sagte er, sind wohlverschlossen in Wien. Auf Reisen muß ich's so machen, sie stehlen mir sonst Abschriften und drucken sie frischweg. Hätte er auf dieser großen Reise, wie sonst Virtuosen pflegen, überall nur dieselben Compositionen vorgetragen, so wäre auch davon kein Aufheben zu machen, selbst wenn er noch jene Baßstimme weggeworfen hätte. Aber er spielte von seinen vielen Compositionen dieser Gattung an jedem Orte die, welche er eben für dies Auditorium am geeignetsten hielt; und dann, welch' ein Unterschied, auch für das Festhalten im Gedächtnis, Concerte, wo, wie gewöhnlich, die Solostimme, beginnet sie einmal, durch einen Abschnitt hindurch die Haupt^Melodien und Figuren allein fortführt, und Concerte, wo, wie bei Mozart, die Solostimme, auf's engste verschlungen mit allen andern, nur die Erste unter Gleichen bildet! X. Mate mosche, der Molesflab*). Die Gelehrten der verschiedensten Kunstzweige graben und forschen nach den Kunstproducten vergangener Jahrhunderte, studireu die unangetastet erhaltenen mittelalterlichen Bauten, mühen sich ab, Zeichnung und Farbenmischung alter Meister zu *) Betrachtungen über die fünf Bücher Moses nach Ordnung der Wochenabschnitte für die Schuljugend beiderlei Geschlechtes von L. W o l l n er, Prediger und städt. Religionstehrer in der Josefstadt in Wien. . Betrachtungen beim Seder-Abend. Von «L. Stern- Cantor und Neligionslehrer in Fünfhaus. Kein Fest begrüße ich mit so freudigem Herzen und so erhabenem Gefühle als das Pessachfest. שמור את חלש האביב ,Beachte den Frühlingsmonat!* Am Pessach feiern wir ja nicht nur unsere Befreiung aus der Hand unseres Bedrückers, wir begrüßen an demselben auch den Fürsten der Jahreszeiten — den holden Frühling. Und gewiß, dieses zweite Moment, es ist nicht minder wirksam und zu erhaben-heiterer, zu froher Festesstimmung vorbereitend, wie das große historische Ereignis. Solches empfand ich wenigstens, als ich das Gotteshaus betrat. Rückblickend auf die überstandcne Jahreszeit, kam mir vor, als erweitere sich jetzt der Altar Gottes, als dehne er sich immer aus, bis er sich über das ganze Erdenrund erstreckt. Denn während des langen und bangen Winters, da kamen die Menschen in dem kleinen, beschränkten Raume ihres Gotteshauses zusammen, wenn sie ihren Gott loben wollten. Die tobte, in Winterstarrheit versunkene Natur, sie lobt Gott nicht לא המתים יהללויה und im schaurigen Wüthen der Stürme gibt sich nur die zerstörende Kraft, nicht aber das gütige Walten der Gottheit kund. לא ברעש לי♦ Im Frühlings aber, wenn die Natur in ihrer Pracht erwacht, sich in ihre Herrlichkeit kleidet, und die kahle Erde in ein gottvolles Paradies sich verwandelt, da wird die große und weite Welt zu einem unendlichen und weihevollen Gotteshause; Alles, was lebt und sich regt, erhebt sich andachtsvoll und preist das gütige Schaffen und Walten der Vorsehung, die, wie der gekrönte Säuger sagt, ,ihre milde Hand öffnet und Alles, was da lebt, sättigt, in Liebe und mit Wohlgefallen.* Von diesen heiligen Gedanken beseelt, betrat ich auch das Allerheiligste — die Wohnun g. Denn im Gotteshause verweilen wir nur verhältnismäßig kurze Zeit, der Tempel der Natur bleibt uns während der rauhen Jahreszeit verschlossen, in unserer Wohnung aber, im traulichen Heim, finden wir jederzeit Ruhe, Trost, Erholung. Ich betrachtete die Kinder, die mich herzlichst begrüßten, als die Cherubim dieses Allerheiligsten, die heitersten Lichtgestalten, die mich anregten, den Blick in die Ferne, auf die kommenden Tage zu richten, sind ja doch die Kinder die Träger der Zukunft. Der Tisch schien mir der Altar meines Ällerheiligsten זה השלדון אשר לפני ד שלחן רנמה למובח ,Der Tisch des Hauses gleicht dem Gottesaltar* sagt der Talmud, und die Frau ist die hohe Priesterin, die alle Opfer, die der Mann dem Hause weiht, auf diese» Altar niederlegt. Und ist dies, immer der Fall, so trat sie heute in dieser Eigenschaft um so deutlicher hervor, traf ich sie doch, als sie in der Verrichtung einer heiligen Action begriffen war. Sie richtete die Sederschüssel her. Aber diese war es nicht, ׳ die meine Gedanken so fesselte, sondern eine große, mit feurigem Weine gefüllte Flasche. Der

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