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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-04-03 · Heft 12 (3.4.1885) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 12 (3.4.1885)
Date
1885-04-03
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Zuden gegen Christen zn erweisen und sein Werk ,entdecktes Zudenthum' hat nicht nur seinen zeitgenössischen Israeliten unberechenbaren Schaden an Ehre, Vermögen und Leib zugefügt, sondern die Giftsaat, die er damals ausgesäet, wuchert noch heute in dem höchsten Grade, denn die Antisemiten unserer Zeit holen aus der Rüstkammer seines Werkes immer neue Beschuldigungen gegen das Zudenthum, und vornebmlich verstand es Professor Rohling durch das Studium Eisinmenger'jcher Schriften das Zudenthum in der düstersten Weise zu schildern und es in höchstem Grade zu verunglimpfen und anzuschwärzen. So wurde auch die Eulogie ש״ע גוי auf Christen bezogen, und als Gegenstand , zur Anklage erhoben, während die zwei anderen ש״ע אשה׳ וש״ע עמי bespöttelt wurden. Der?Anklage der Gegner gegen den ersten Segensspruch aus dem Wege zu gehen, corrigirten die Drucker diese Segensformel, indem sie anstatt erster Formel, welche die negative Seite hervorkehrt, eine andere in positiver Form verfahlen, und abdruckten, nämlich, שעשני ישראל, wie dies ausdrücklich Abraham Gumbinner in seinem Werke הלכות ברכות השחר׳ מגן אברהם Cap. 46 bezeuget. Die ursprüngliche Segensforme! lautete aber, wie dies aus der Tossefta (Tractat Berachath Cap. 7) zu ersehen ist ש״ע נוי und der Inhalt derselben bedeutet, dass der Israelit dem Allvater dankt, dass cr ihm die Augen durch die Thora erleuchtete, und sich der Pflichten Bürde, die ihm durch dieselbe auferlegt wurde, freue, weil er durch die monotheistische Lebre nicht der Gefahr laufe im Pfuhle der tiefsten Entsittlichung, wie die Heiden durch ihren Polytheismus zu versinken. Der gedachte Passus der T088efta wird aber im babylonischen Talmud (Tractat Menacbotl1 Fol. 43) nicht in der antochthonischeu Form dem Lesepublikum vorgeführt, sondern in der entweder aus Furcht vor der Censur, oder aus Besorgnis vor nichtswürdiger Verdächtigung corrigirten Form שעשני ישראל während im A1ka8i und Rabbi Ascber die unverfälschte Leseart beibehaltcn wurde. Der Segensspruch ש״ע אשה involvirt keineswegs einen Despect gegen die jüdische Frau, weil der Talmud sehr oft und mit besonderer Emphase an vielen Stellen bestehlt, dass der Manu seiner Frau mehr Liebe und Wertschätzung schulde, als sich selbst. Siche (Tractat B. Mezia, S. 59). Der Segen des Hauses ist die Frau und dc.s im Munde des jüdischen Volkes allgemeine Sprichwort lautete:אוקירו לנשיכי׳ כי היכי תתעשרו. Ehre! Eure Frauen, damit ihr reich werdet; der galante Nabba ermahnte die Einwohner Mechusas, ,Ehret die Frauen, denn des Hauses Segen ist an ihnen gelegen*; ferner (Tractat Obulio 84) ״seine Frau soll man über sein Vermögen ehren" und viele andere Stellen, die ich um den Rahmen dieses Aufsatzes zu kürzen, verschweige. Die hebräische Sprache ertheilt der Frau denselben Namen iscbah, wie dem Manne iseb, nur mit Hrnzufügung der weiblichen Endung, was in anderen Sprachen meines Wissens nichr der Fall ist; ein sprechender Beweis dafür, dass der Hebräer weit entfernt ist, der Frau eine untergeordnete servile Stellung dem Manne gegenüber einzuräumen. Wenn wir aber dennoch zu unserem nicht geringen Erstaunen der Segensformel ,ש״ע אשד begegnen, welche eine Herabsetzung der Frau im Allgemeinen dem befangenen Leser und Laien zu sein scheint, so sinden wirin der Tossefta zur Stelle die primitive Ursache dieser Eulogie שאין אשה חיבה בנ£צות; der Sfraelite bringt hier nur seine Freude über die vielen Pflichten und Gebote, die er in weiterer Ausdehnung und,größerer Anzahl, als die Frau zu erfüllen verpflichtet ist, zum Ausdrucke. Der Schwerpunkt des Inhaltes gedachter Eologie liegt hauptsächlich in dem Danke gegen Gott für das Plus solcher Gebote, welches sich in Anbetracht derjenigen, welche auch die Frau zu erfüllen hat, ergibt. Kalonimus ben Kalonimus, ein im vierzehnten Säculum in Italien lebender berühmter Gelehrter, welcher sich durch seine, vortrefflichen Werke Megilas Sessörim, Maseches Purim (eine Parodie in talmudifcher Dialectik), auszeichnete, spricht in feinem von ihm concipirten Werke אבן בוהן, in Anwandlung einer heiteren Laune, den Wunsch ans, dass er lieber als Mädchen geboren worden wäre, denn als Mädchen brauchte er sich nicht so viel zu Plagen, Bibel, Talmud, Midrasch, Logik, Physik, Mathematik, Philosophie u. s. w. zu studiren. Aus dieser ironischen Bemerkung des Kalonimus geht hervor, dass der Vorzug, den wir vor den Frauen genießen,- nicht nur in der Verpflichtung. der practischen Ausübung solcher Satzungen, die von der Zeit, abhängen, מ״ע שהזנ£ן נרבה bestehe, sondern auch in der Uebcrnähme der Verbindlichkeit והגית בו יומם ולילה, uns mit dem . Studium der Thora, dem Talmud, den Midraschim u. s. w. zu beschäftigen, gipfelt. Der mit Aufopferung und Selbstverleugnung feine Zeit dem theoretischen eifrigen Forschen in der Thora und den theologischen Disciplinen einsetzt, wer den Zweck des irdischen Daseins in der Ausübung und Bethätigung recht vieler Gebote erblickt, dem Spruche unserer alten Lehrer gemäß, העושה בצוה אחת׳ קונה לו פרקליפז אהד, dass j des befolgte Gebot als fürsprechender Genius beim Allvater unsere Glückseligkeit zu erwirken auflritt, dem werden die 613 Neligionsgesetze mit den vielen talmudischen Satzungen und Umzäumungen nicht als eine unerträgliche Bürde erscheinen unter deren Last man tief seufzt, sondern bei dem wird die Fülle der Pflichten freudige Gefühle Hervorrufen, indem er der uralten Ansicht des weisen Rabbi Chananja sich anschließt, dass die große Pflichtenketie, die der- XSfrnelite zu tragen verpflichtet ist, ihm nur zur Feststellung und Begründung seiner zeitlichen und ewigen Wohlfahrt gegeben wurde. .,רצה הקב״ה לוכות את ישראל לפיבך הרבה להם תורה ומצות In diesem Lichte besehen, verdient die Eulogie ש״ע אשה den ihr gebührenden Platz in unserem Morgengebete, da dieselbe kein.despectives Gefühl gegen die Frauen Hervorrust, und nur der allzu große Eifer für die Ausübung sämmtlicher in der mündlichen und schriftlichen Lehre enthaltenen Satzungen die allernächste Veranlassung zur Concipirnng besprochener Segensforme! war. (Schluss folgt.) Eingesendet- Aufruf au die ifraek. Lehrerschaft und au die ehrrviirdigeir Kerreu Hlaööiuer Böhmens! Am 1. Mai a. c. begeht Herr Lazar B ene s ch, Lehrer und Rabbiner in der Cultnsgemeinde Kardasch ׳ Netschitz in Böh men das Jubiläum seiner 50jährigen Dienstzeit, die er am 1. Mai 1835 daselbst begonnen und auch vollenden wird. In ein und derselben Gemeinde ein halbes Jahrhundert im Dienste der Erziehung, des Unterrichts und der Seelsorge zu wirken, der Erzieher und der Weiser einer ganzen Generation zu sein, gehört unstreitig zu den bisher einzig dastehenden Fällen unter den Rabbinern und Lehrern Böhmens. Muß uns nicht die Ausdauer, die Beharrlichkeit, diese herrische Widerstandsfähigkeit, die hohen Charaktereigenschaften dieses Jubelgreises, die höchste Achtung, und Ehrerbietung abgewinnen? Muß uns das nicht in Staunen und Bewunderung versetzen, in einer Cultusgemeinde, -in denen bekanntlich die Dienstverhältniße der Cultusbeamten nur auf labiler Grundlage ruhen, 50 Jahre ausgeharrt zu haben? Wahrlich ein solcher Mann hat sich im wahrsten Sinne des Wortes die Siegespalme errungen, er hat den schönsten Sieg der Selbst-

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