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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-04-03 · Heft 12 (3.4.1885) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 12 (3.4.1885)
Date
1885-04-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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81 und 82, welche je eine L'dnsolloll enthalten, heraus. Beide sind des Beifalls sicher. Die letztere wird von den Säugern lieber gesungen werden. Nach den melodiösen Piecen Nr. 83—85 schließt das Werk seinen II. Thcil mit dem Priestersegen ab. Zm dritten Theil vcrmisie ich zum Bedauern das Maariw und Schacharith. Er beginnt gleich mit dem außerordentlich klangvoll für Cantor und Chor gesetzten Kaddisch (Nr. 87) und dem Anfang der Schmorie essre (Nr. 88) für Nnssapll. Diese wie die Nummern 102—104, Unsanne tokef, sind mit vielem Verständnis der Harmouiekunst in melodischem Flusse gearbeitet. Nr. 106, Olenu, gibt er uns nach alter Weise. Nr. 107—118 enthalten, kunstvoll ausgeführt, die übrigen Gesänge zu Mussapb. Atto niglesso (Nr. 111), wie Hall eins all (Nr. 113) und Uw’jom simaschem (in zwei Bearbeitungen) sind melodiös und harmonisch wohlgelungcn und werden ihren Eindruck nicht verfehle!,. Mit jjkapm llarass 010m“, das namentlich nach der zum 4-stimmigen Knabenchor überleitenden enharmonijchen Verwechselung recht wirkungsvoll ist, schließt das Llnssapll und es beginnen mit Nr. 119—142 die Gesänge zu Jom Kipur. Die Gebete und riamentlich Gesänge für den Hol nidve-Abeud weichen in den beiden Riten, dem aschkenasischen und dem polnischen, bekanntlich von einander lehr ab, und da Bachmann regional dem lctztern angebört, so wird dieser Lheil seiner Compositionen in den dem polnischen Ritus angehörigen Gemeinden auch eber Znteresse erwecken, als in den aschkenasischen Gemeinden. — Mit Nr. 132 lern n wir die Abodab mit den sehr wirkungsvollen Piecen Ainiz Koacli und W’cbach llojoll omer (Nr. 133) kennen- Das ״W’hakobanim“ wird vom rein musikalischen Standpunkte aus zu den am schönsten erfundenen ui.d empfundenen Nummern gezählt werden können. Allein gerade zu diesem Text sind wir die uralte, in allen Synagogen übliche Melodie gewohnt, und dass wir diese festhallen, ist ein durchaus berechtigter Confervatismus. Za, ganz konnte sich der Autor dessen auch nicht entschlagen, denn vom Tact 3 ab sind in den Männerstimmen Anklänge an die überlieferte Melodie vorhanden. Die recht ansprechende Nr. 135 ״W'chacb llojoll moneb“ beendigt das Mussapb zu Jom-Lipm׳, und es erübrigt nur noch, der Nr. 136 und 138, Neilob (Kadiscb und Schmone-essre), nach alter Sangweise und einiger Pismonim, Nr. 138—142, nach polnischer Weise zu gedenken, um so zum Abschluss sämmtlicher Sabbath- und Festtagsgesänge zu kommen. Der Anhang zu dem Werke enthält zunächst (Nr. 144 bis 147) Trauergesänge. Nr. 144 für Männerchor in F-moll hat schwierige hartkliugende Modulationen und erfordert trefflichere Stimmen. Dem Text — schade, dass der Dichter nicht genannt ist — kann man Clafsicität gerade nicht zum Vorwurf machen. Er beginnt im Klapphorn-Genre: O Mensch, bedenk', du bist aus Staub, Dein Leib wird einst der Würmer Raub, Das Kind, der Jüngling und der Greis Muß ohne Rücksicht auf die. Reis'. Aus Nr. 145 in A-molI hebe ich die schöne Wendung nach dem ,erlösenden^ Podeh Adonuj nach A־dur hervor. Die folgenden Nummern 148—150 enthalten die recht stimmungsvollen Psalmen 130, 137 und 21. Der letztere namentlich ist eine sehr beachtenswerthe Composilion. Der Schlusssatz Allegro maestoso nämlich ist von einem Doppelchor zu executiren, von dem der Chor II. die russische Narionalbymne mit russischem Text — so vermnthe ich aus der mir bekannten Melodie, weil ich die russische Sprache nicht kenne — singt, während der Chor I. im hebräischen Text zu gleicher Zeit forlsährt. Mit Nr. 154 schließt das ganze Werk ab. Ans dem Gesagten geht hervor, dass wir es mit einer hochbedeutsamen Erscheinung ans dem Gebiete der Synagogenstimmen aus Rumänien. Ein junger rumLnischer Advocat, Namens Constantin C. Mille, hielt kürzlich in Bukarest einen öffentlichen Vortrag, welcher die Judenfrage zmu Gegenstände hatte und reproducireu wir daraus einige Stellen als erfreulichen Beweis, dass sich auch hier — allerdings selten genug — mitunter eine Stimme zu Gunsten der Israeliten erhebt und gleichzeitig die Thatsache, dass dieselben unterdrückt seien, anerkennt. Zur näheren Kennzeichmulg des Standpunktes, welchen der Vortragende einuimmt, bemerken wir, dass derselbe einer sockalistischen Fraction angehört. Herr Mille sagte unter Anderem Folgendes: ,Obgleich es für einen Rumänen kein Leichtes ist, die Judenfrage vorurtheilssrei zu behandeln, weil wir den Judenhaß gewiffermaßen mit der Muttermilch eingesogeu haben, so will ich es nichtsdestoweniger doch versuchen, diese Frage so darzulegen, wie sie, sich thatsächlich verhält. Wir unterscheiden bei den Juden, sowie bei allen Nationen zwei Claffen: die der Bourgeoisie und die der Arbeitenden, will sagen: eine dominireude und eine dominirte; die erstere bekämpfe ich, die letztere nehme ich in Schutz. Die rumänische Bourgeoisie gewahrte eines Tages, dass sie von der jüdischen, welche aufgeweckter, weniger scrupulös und unternehmender ist, überflügelt werde, und um sich nicht den Rang ablaufen zu laffen, schlug sie Lärm, veranlaßte die Ergreifung von allerlei gesetzlichen und ungesetzlichen Maßregeln gegen ihre angeblichen Feinde und dahinter verbarg sich im Grunde geuommen nichts Anderes als die Furcht, materiell geschädigt zu werden. Bezeichnend ist es, dass an diesem Windmühlenkampfe die rumänische Arbeiterclasse sich nicht betheiligte. Es ist dies ein Beweis, dass zwischen dieser und den jüdischen Arbeitern gewisse gemeinsame Interessen bestehen, und es wäre auch zuin Vortheile Beider, Hand in Hand zu gehen, weil es dem Lande an Arbeitskraft gebricht und somit von einer gegenseitigen Concurrenz nicht die Rede sein kann. Weshalb sollen wir also die unglücklichen Juden anfeinden, die doch auch nichts Anderes wollen, als ein'Stück Brod verdienen, denn der Magen des Juden verspürt ebensosehr den Hunger wie der des Rumänen. Die rumänische Bourgeoisie sucht dem Volke den Glauben beizubriugen, dass an allen vorhandenen liebeln nur der Jude die Schuld trage, um sich dadurch zur allein dominirenden Elaste aufzuschwingen; sie fährt unausgesetzt fort, die rumänischen und jüdischen Arbeiter gegenseitig zu verhetzen, um in Folge der dadurch entstehenden Concurrenz Beide bester ausbeuten zu können. Was soll nun mit den pn Lande vorhandenen Juden geschehen? .Sollen wir sie answeisen, hängen, oder sie vielleicht gar entmannen, um ihre Vermehrung hintanzuhalteu? Da keine dieser Maßregeln angewendet werden kann und darf, so müssen wir doch auf einen modns vivendi bedacht sein. Die Socialisten haben einen solchen gefunden. Bevor ich näher darauf eingehe, ist es wichtig, die Logik der rumänischen Bourgeoisie in ihrem antisemitischen Kampfe kennen zu lernen. Sie behauptet, der Jude bleibe Jude und könne sich nicht affimiliren. Aber an wem liegt die Schuld? Als Kind schon steht der Jude außerhalb des Gesetzes, in der Schule ist er der. Sundeubock aller seiner christlichen Kameraden und als Mann geht es ihm nicht besser. Romanist! t er seinen Namen, so lächelt man verächtlich; spricht er ausschließlich die rumänische Sprache, so moquirt man sich über ihn; wechselt er gar die Religion, so nennt man ihn einen getauften Juden, kurz er möge thun, was ec! wolle, man nennt ihn immer nur den Juden. Unter diesen Umständen

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