Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 12 (3.4.1885)
- Date
- 1885-04-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 wird über unser ganzes Thnn und Lassen, über unseren Handel und Wandel ein absprechendes Urtheil gefällt und die bisherige Tendenz und Frequenz dieses geschätzten Blattes mit Tadel überschüttet und die oft mit dem Schweiße des Angesichts ausgearbeiteten Berichte und dergleichen einer vernichtenden Kritik unterzogen. Und lies Alles ans purer Freundschaft! ,Alles dies bezieht sich auch auf die ,Ocsterr.-nngar. Cantoren-Zeitnng' in Wien, nur dass dort manche Mängel noch schärfer hervortreten", so behauptet unser Freund weiter und ans diesem Grunde erlauben wir uns die bescheidene Frage an ihn zu richten: הלנו אתה׳ אס לצרינו? Ja, ich gesteh' es offen — wir fühlen uns von seinen Pfeilen getroffen! — Also das ist der Lohn für unseren guten Willen, für unser redliches Streben! Nach der Analyse des Herrn O. B. fehlt unseren Blättern das frische Grün, die heitere Lichtfaibe, das sympathische Profil, welches andere Fachzeitnngen ziert und illuftrirt! Keine Rosen ohne Dornen und kein Licht ohne Schatten. Nicht alle Mitarbeiier können geübte Knnstgärtner sein und sollten wirklich oft unreife und unverdauliche Geistesfrüchte uns dargeboten worden sein — so schmeckten dieselben doch nicht gar so schlecht und sind wenigstens als Medikamente zu verwenden — als solche bringen sie uns manchen wesentlichen Nutzen. Was die Genesis und Organisation dieses geschätzten Blattes anbelangt, ist dasselbe einem Luftballon nicht unähnlich. Man verzeihe mir den Vergleicr. Auch der Luftballon befindet sich noch in seinem Anfangsstadinm, auch er wurde bei seinem Entstehen mit freudigem Enthusiasmus begrüßt; in seiner Entwickelung schreitet er nur langiam vorwärts und doch darf er einer erfolgreichen, glänzenden Zukunft mit Sicherheit entgegensehen, trotzdem der Morgenthaa seiner Jugend von düsteren Wolken umschattet und von orkanartigen Stürmen heimgesncht wurde. Der vollkommenste Luftballon, der die Designation hat, den Menschen in die höchsten Regionen emporzuhebeu, der mit ihm gleich einem Vogel das Ruch des Himmels durchsegeln soll, selbst dieses ״himmlische' Fahrzeug muß oft mit Ballast beladen sein und nur, wenn der Aeronaut seinem Lufljchtff einen kühneren Flug, einen höheren Schwung verleihen will, dann wirft er oft einen Theil des mitgenommenen Ballastes in die Tiefe. Wohl ihm, wenn er sein Ziel glücklich und ohne Unfall erreicht, wo er dann das Ventil öffnet, um sich zu uns herabzulassen und von der staunenden Schaar in Triumph ausgenommen zu werden. Auch unser Fachblatt, das sich ein hohes Ziel gesetzt, wird von geistreichen Ideen getragen; es will uns Alle'über das Alltägliche und Klägliche erheben und das Gefühl der Collegialität neu beleben: schüchtern und bescheiden, ohne prahlerische Redensarten stellte es sich uns vor, es hat eine größere Ausdehnung, eine weitere Verbreitung erlangt und wenn es bisher auch noch nicht in seiner höchsten Vollendung über uns schwebt, weit (wie Herr O. B. glauben mag) in ferner Gondel mancher Ballast mit aufgenommen ist, so können wir doch mit fester Zuversicht und vollem Vertrauen diesem Blatte das Prognosticon möchten wir darauf aufnlerksaul machen, dass solche Vorgänge geeignet sind, das Ansehen, die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit einer Redaction zu untergraben. Auch wir nehmen Jedermanns Rath gerne an und wollen ihn beherzigen, wenn er gut ist, aber die öffentliche Discuffion von Fragen, die rein redactioneller Natur sind, würden wir niemals zugeftehen, da jeder Leser so viel Zielbewußtsein und Verständnis bei der Redaction voraussetzen muß, dass sie über derartige Fragen entscheiden kann. Ebensowenig können wir es billigen, und kein gutgesinnter und intelligenter Cantor wird es gut heißen, wenn die Redaction eines Fachblattes sich dazu hergibt, sich gegen die .des andern ausspielen zu lassen. Die Redaction. stellen: והיה ראשיתך מצער ואחריתך ישגה סאה. Auch unser Herr Redacteur ist oft genöthigt, manch' zweck- und nutzlosen Ballast in die gähnende Tiefe seines alles verschlingenden. Vernichtung bringenden Papierkorbes zu schleudern, um feinem Blatte einen mächtigen Schwung und die erstrebte Geistesrichtung zu geben. Welch' ein Glück für uns, wenn unsere Fachorgane ihre erhabene Mission erfüllen und ihre Kraftenrsaltung zu unserem Segen bald uns Allen offenbaren möchten! Wohl uns, wenn ihre Thätigkcit mit gutem Erfolg und Ruhm geklönt sein wird^ wenn wir durch ihren Einsiuss namentlich die lang ersehnte Gleichstellung mit den christlichen Cultusbeamten anregen und erwirken könnten! Hoffen und wünschen wir daher, dass der holde Frühling, der die ganze Natur in Wald und Flur neuverjüngt und erfrischt und mit Pracht und Anmuth schmückt — auch unsere Brüder zu neuem Leben, zu frischer Arbeit erwecken möge, auf dass auch unser Fachblatt, von der heiteren Frühlingssonne inspirirt und erwärmt, grüne, wachse und gedeihe zu unserem Heil; möge es, wie bisher, auch fernerhin unser Wohl fördern und unsere Interessen wahrnehmen. Schirath Jakob *) besprochen von S. G r a f in Essen. (Schluss.) Der Morge ngottesdienst beginnt mit zwei recht ansprechenden Theilstücken aus der K’duschoh, mit Mimkom’clio (Nr. 66 und 67). — Ich komme jetzt zu dem bedeutendsten des ganzen Werkes, zum 83.1161 (Nr. 68 bis 73) mit Orgelbegleitnng. Ich kenne so ziemlich die so schönen 8a11el-Compositionen unserer großen.Synagogencomponisten; aber vor dieser großartigen Schöpfung müssen alle übrigen die Segel streichen. Diese Composition verdiente, nicht des äußern Umfangs wegen — ohne den Mälzt bei der Hand, taxire ich die Aufführungszelt auf etwa 1 Stunde — sondern wegen ihres musikalischen Gehaltes eine gesonderte Besprechung. Der Pjalm 113 in E8-dur ist eine imponirende Piece. Wie majestätisch beginnt und schließt sie! Wie tonmalerisch ,emporhebend' ist das 8״’kimi meofor clol“ im Choralsatz ausgedrückt! — Der Psalm 114 in D-dur ist zu Anfang etwas lebhaft colorirt. Vom poco meno mosso ab tritt uns ebenfalls eine schöne Tonmalerei entgegen. Man sieht förmlich ״die Lämmer Hüpfen". Die Frage N3.1l 1'cllo llajoru 6tc. ist in gewissem Sinne dramatisch aufgefaßt und auf ״hehorim“ etc. ist ein Chor 8 erforderlich. Nach Schluss desselben beginnt ein kleiner G-rnoll-Satz, der sich wieder in einer hochinteressanten Fuge in O-dur wendet und abschließt. Psalm 116 in 8-moil leitet ein Baßsolo ein. Diese Nummer zeugt von der contrapunktischen Beherrschung der Formen. Sie wird auch auf den Laien Eindruck machen. Nr. 71, Noll oschiw in Ges-diu*, ist eine kostbare Perle, eine hochnoble Erfindung. — Zu Nr. 72, ״Min hamezar“, gehören bei dem öftern Tempowechsel eine sichere Dirigentenhand und eine tacifeste Sängerschaar, namentlich vom Allegro con fuoco ~/2 ab. Diese ist die umfangreichste des ganzen 8aI1e1 und schließt effectvoll ab. — Mit Nr. 73, dem schönen Onno, endet das ganze 8a11e1. — Nr. 74 bringt zum Ausheben der Thorah ״Adonoj, El raehum“ etc. in G־moil, das überraschende und manchmal hartklingende Modulationen anfweist. — Aus dem übrigen Theil des Nussapll greife ich nur noch die bei Nummer *) Gesänge für den israelitischen Gottesdienst, für Solo und Chor mit und ohne Orgelbegleitung, componirt von Jacob Bachmann, Obercantor der israel. Cultusgemeinde in Odessa.