Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 12 (3.4.1885)
- Date
- 1885-04-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 nicht kannte, wenn auch manche der älteren cantoralen Solo- ן gesänge deutsches Gepräge an sich trugen. Das wesentlichste; Merkmal der von Sulzer angebahnten neuen Richtung ist unter Anderem die zwangslose Behandlung des Rhythmus, während die älteren Gesänge, auch die von Rosii und Lovy, allesammt rhythmisirt erscheinen. Es kann, uns daher keineswegs verwundern, wenn wir im ersten L’cbo dodi Naumburg's Cantorrecitative streng rhythmisirt, ja sogar die Motive der Chorsätze verwendet sinden; der mächtige Einfluss Lovy's, wie die zu jener Zeit herrschende Geschmacksrichtung mögen wohl das Ihrige zur Fest- Haltung dieses nun veralteten Systems beigetragen haben. Allein nicht Absichtslosigkeit und Willkür führten hier das Regiment, sondern das tiefste Erfasien der ernsten Aufgabe. Naumburg's idealer Anschauung schwebte es entschieden vor, dass er am Marksteine eines für das Synagogenrecitativ neuen Zeitalters siebe, seinem streng prüfenden Blicke konnte es nicht entgangen sein, dass die von ihm jedenfalls gekannte Sulzer'sche Neugestaltung des deutschen Necitativs ein glücklicher, einer echten Künstlergesinuung entkeimter Gedanke war, dem auch er seine Anerkennung, selbst bei einer etwaigen gegnerischen Anschauung, nicht vorenthalten konnte; deshalb die von ihm gewählte Anordnung und Benennung seiner im Semiroth Jisroel niedergelegten cantoralen Einzclzesänze. Zuvörderst der Tribut an die Vergangenheit, d. h. an die bis nun übliche Form, indem er bei den Cantorgesängcn Schomor wesocbor, Likras schabbos die Benennung Solo und die streng-rhythmische Norlragsbezeichunng, wie Andante, Allegretto, Piu lento etc., hingefügt; nachdem dies geschehen, begegnen wir sofort der vollen Berücksichtigung auch der neuen Richtung und zwar bei der Nummer Na godlu ma’asecho. Hier sinden wir das allererste Mal die Bezeichnung ,Nccitativ". Dass die Piece im V« Tacle geschrieben, kann unsere Annahme umsoweniger Ln Frage stellen, als durch das Fehlen jeglichen Vortragszeichens wie durch die vielen Halter an eine gesetzmäßige Zeiteintheilnng unmöglich gedacht werden kann, bestätigt vielmehr unsere Anschauung, dass der Vortrag dem Ermessen des Vortragenden anheimgestellr bleibt. Ein ähnliches deutsches Recitativ ist im ganzen Werke nicht mehr anzulreffen, wenn wir die dürftige Cantorsolo-Stelle Lnmob adonoj Seite 209 in diese Gattung einznreihen nicht gewillt sind. Weder das von Sulzer geschaffene sogenannte Chor-Necilativ beim Maariw für Sabbath und Feiertage, noch die von den Cantoren so ungerechtfertigt, aber mit < voller Hingabe cullivirte, opernartige Cantilene bei den Strophen I der Keduseha cte. finden wir im vorliegenden Werke verzeichnet, und diese unscheinbare Thatsache liefert uns den offenbaren Beweis für die Abneigung Naumburg's dem ,deutschen Recitativ' gegenüber. Nicht etwa, als ob der den deutschen Landen entstammte und auf französischem Boden wirkende Naumburg, der mit den alten Klassikern Gluck, Händel und Bach, den gewaltigen Schöpfern des geistlichen Sprechgesanges, gewiss gut vertraut war, die Recitativ-Form im Allgemeinen nicht billigte, nur den Umstand müssen wir betonen, dass ihm diese in christlich-religiösem Boden wurzelnden Anklänge für die Verwerthung in der Synagoge nicht behagten *). *) Dass der bei den jüdischen, halbgebildeten Cantoren mit so großer Vorliebe verwendete Kirchenslyl, und zwar selbst der der reinsten Form, weil aus dem Bedürfniße und der Stimmung der Kirche entstanden, außerhalb derselben keine geeigneten Pfiegestätte-״. finden kann, beweist uns der Ausspruch C. H. Bitter's, eines der hervorragendsten Biographen, Johann Seb. Bach's I. Theil, S. 195, indem er bezüglich der in Academien und Gesangvereinen zur Aufführung gelangten Bach'schen Cantate Folgendes schreibt.. •*§ür die Kirche hat Bach aus vollster Seele und mit dem reichen In der That trägt dieses Naumburg'sche Recitativ N» godlu maasecbo mit seinen bekannten Anklängen an das berühmte Reritativ der Adalgise in Bellinis Norma .Einsam sind diese Haine' offenbar weit eher das Gepräge der Oper, als das des Kirchenstyles. Wir beabsichtigen nun keineswegs gegen diese Thatsache zu polemisiren, sondern unsere Ausgabe ist es lediglich, diese und ähnliche Vorkommnißc zu studiren und zu verzeichnen, umsoweniger als der künstlerische Werih dieses einzigen Raumburg'schen deutschen Necitativs bei weitem nicht an den des Sulzec'schen heraureicht. Allein entspräche auch der Charakter dieses Naumburg'schen Na godelti nicht so ganz unseren Intentionen, so obliegt es uns keineswegs, dasselbe von unserem Standpunkte zu bekritteln, sondern vielmehr die Richtung zu beleuchten, die der maßgebende Meister damit andeutete, und diese allein bietet dem Forscher großes Interesse. Wir resumiren, indem wir genügend erklärt zu haben vermeinen, dass Naumburg ein entschiedener Gegner des Kirchenstyles in seiner Anwendung für den synazozaleu Vortrag war, und diese Thalsache, d. h. die Lauterkeit seiner echt jüdischen Gesinnung, ohne jedoch seiner Kunst irgendwie Eintrag zu thnn, läßt ihn des Lorbeers der Anerkennung weit eher theilhaftig werden, als Manchen, der entweder in der Phrase eines falschen oder auch in der Wirkung eines wahrhafte n Kirchenstyles das ausschließliche Heil für die Gestaltung des modernen Synagvgenrecitativs erblickt. Schatz seines großen Genius gearbeitet. Nur im Sinne seiner Religion und der evangelischen Kirche sind seine derartigen Werk e verstand^ich-sie inAcademien undGesangvereine verweisen, heißt: ihnen ihren Boden entziehen, ihnen die Lebenslust nehmen. (Fortjetzung folgt.) Unsere Freunde. ,Gott schütze mich vor meinen Freunden; vor meinen Feinden will ich selbst mich schon zu schützen suchen', so lautet ein altes, wahres Sprüchwort, woran ich beim Lesen eines sonder-- baren Artikels in Nummer 10 des ,Jüdischen Cantors', betitelt: ,Zur Lage" von O. Bachmann, Gohn des Obercantors I. Bachmann in Odessa *), unwillkürlich denken mußte. In demselben *) Dieser Artikel 3״m: Lage' hat seine Geschichte, die diejenigen Co liegen die ihn gelesen haben, lebhaft interessiren wird und auch der geehrten Redaction des ,Jüd. Cantors׳' in Bromberg ein Fingerzeig sein möge, wie vorsichtig man bei der Aufnahme von Artikeln sein muß. Im Monate Jänner wurde uns von Herrn O. Bachmann ein Artikel, betitelt: ,Zur Lage', eingesendet. Wir mußten von der Veröffentlichung desselben absehen, da wir es einerseits mit einem an Widersprüchen reichen Elaborate, das von Mangel an Erfahrung auf redactionellem Gebiete zeigte, zu thun hatten, andererseits aber der geehrte Autor bei der Krltifirung des Inhaltes und der Zusammenstellung der Cantorenzeiwngen offenbar unser kollegiales Fachblatt in Bromberg vor Augen zu Haben schien, wie es auch ausdrücklich an einer Stelle hieß: ״All' das Gesagte bezieht sich auch auf den ״Jüd. Cantor" in Bromberg" und wir es unter unserer Würde hielten, aus diese Weise die Bestrebungen unserer Collegen in Deutschland zu geißeln. Der Autor wollte aber sein Geisteskind nicht verkommen laffen, ״ift's die Eine nicht, so ist's die Andere", dachte er und sandte den Artikel unverändert — die einzige Aenderung bestand darin, dass statt ״osterr.-ungar. Cantorenzeitung" ״Jüd. Cantor" und via« vvrsa gesetzt wurde — an die Redaction des ״Jüd. Cantors", welche denselben aufnahm und in zahlreichen-Bemerkrmgen den Gegenbeweis zu führen suchte. Wir wollen uns mit dem Artikel nicht weiter beschäftigen, seine Geschichte bezeugt seine Oberflächlichkeit, wir wollen uns auch darüber nicht aussprechen., dass jene Stelle, ״All' das bezieht sich auch auf die osterr.-ungar. Cantorenzeitung" (in unserem Manuskripte heißt es: ״All' das bezieht sich auch auf den ״Jüd. Cantor") in recht fetten Lettern dem Leser vor Augen geführt war, über solche Kleinlichkeitskrämerei sind wir erhaben; aber die löbliche Redaction des ״Zrid. Cantors"