Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-03-25 · Heft 11 (25.3.1885) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 11 (25.3.1885)
Date
1885-03-25
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3452999-3453010--1298-3455423
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— © — werde, dem Hause zur Kenntnis bringen. Es kann ja fein, dass seit jenem Augenblicke von Seite des Vaters kein weiterer Schritt bei den Gerichten cingeleitet wurde. Zch mußte mich sonst darüber sehi wundern, dass das Ober-Landesgericht Krakau mir unvollständige Arten geschickt hat. Zch werde übrigens, wie ich bereits bemerkte, den Fall weiter erh-ben und feftstellen lassen. Wie«. Vorige Woche wurde ein gefährlicher Schwindler namens Aron Briemann, der sich den Namen Dr. Brimanus beilegte und als ,Dr. Justus* durch Brochuren antisemitischen Charakters von sich sprechen machte, verhaftet. Tie Nachrickt von dieser Verhaftung dürfte in Deutschland in zahlreichen Kreisen keine besondere Ueberraschung, wohl aber daS Gefühl der Genugthuung darüber Hervorrufen, dais Briemann'S gemeingefährlicher Thätigkeit endlich ein Ende gemacht wurde. In der Maske eines gelehrten und frommen Mannes trat er auf, um diejenigen, die ihm in die Falle gingen, leichter betrü en zu können. Wir entnehmen einem uns zur Verfügung gestellten Briefe, welchen ein Gelehrter in Wien am 6. Jänner d. Z. von d in Nab׳ biner Dr. Hildesheim in Berlin erhalten hat, Folgendes: .Vor fünf Zähren kam der galizische Zude Aron Briemann nach dem Haag. Dort wußte er sich durch verstellte Frömmigkeit insbesondere bei zwei frommen Familien so beliebt zu machen, dass diese ihn wie einen Heiligen verehrten. Diese Verehrung ging so weit, dass die Mitglieder dieser Familien, welche bei ihm Unterricht im Talmud nahmen, bei der jedesmaligen Nennung seines Namens sich erhoben. Vor vier Jahren gab Briemann ein hebräisches Real Lexikon heraus, dessen Kosten seine Schüler bestritten, welche übrigens ihn und seine in Galizien lebende Familie unterstützten. Vor drei Zähren kam Briemann zu mir und wurde, da ich so viel Schönes von ihm gehört, mit den höchsten Ehren empfangen. Er erzählte, dass er von Wien komme, wo er einen Posten als Rabbiner erhalten sollte, und wieder nach dem Haag zurückreise. Dabei lieh er sich 25 Mark, welche ihm angeblich zum Reisegelde fehlten, aus. Diese Erzählung war jedoch erlogen- Er war vielmehr in Berlin gewesen und zum Protestantismus, übergetreten. Neun Monate später erhielt ich von seinem Schwiegervater einen erschütternden Brief, in welchem dieser Herr ersuchte, ihm Auskunft über seinen ״Schwiegersohn, Len Rabbiner", zu geben, von welchem Weib und Kinder schon so lange Zeit ohne jede Nachricht seien. Ais der Schwiegervater erfuhr, dass Briemann sich habe taufen lasten, draug er aus die Scheidung desselben von seiner Tochter. Briemann war aber verschwunden. Es wurden Recherchen nach ihm bei Paulus Cassel, beim protestantischen Oberprediger Bauer und beim protestantischen Prediger de la Noi, der d^n Uebertrilt Briemann's vermittelt und zum Abschlüsse gebracht hatte, angeftellt. ' Der Letztere erzählte, dass Briemann ,zur Fortsetzung seiner Studien * zu einem Pfarrer im Sächsischen dirigiri worden sei. Das war jedoch nicht der Fall. Inzwischen wurde bekannt, dass Dr. Briemanu mit Dr. Justus identisch sei. Wir haben ihn bis heute nicht gefunden.' Das ist nicht zu verwundern; denn Briemann verschwand bald von dem Schauplatzseiner protestantischen Thätigkeit und trat zum Katholizismus über. Er verfaßte unter dem Pseudonym Dr. ZustuS den berüchtigten ,Judenspiegel", eine Zusammenstellung angeblich christenfeindlicher Stellen im Talmud. Zuterestant für die ״Brauchbarkeit" Briemann's ist folgende Thatsache: Eine preußische Zeitung war wegen des Abdruckes von Stellen aus dem ״Judenspiegel" von der Staatsanwaltschaft wegen Beleidigung einer staatlich anerkannten Religions-Genossenschaft in Anklagezustand versetzt worden. Bei dem Prozesse, welcher dem Blatte gemacht wurde, fungirte der Professor der orientalischen Sprachen an der Universität Münster als Sachverständiger. Nachträglich verfaßte er eine ״objective Beleuchtung des Zudeuspiegels". An dieser ״objectiven Beleuchtung^ eines von ihm selbst verfaßten Werkes hat nun Briemann selbst mitgearbeitet. Wir haben schon erzählt, dass er in Oesterreich zu einigen hohen, kirchlichen Functionären in intimere Beziehungen trat. Er hatte sich hoher Pro^ tection zu erfreuen; so sollte in Innsbruck eine von ihm zu verfassende Ucbersetzung des Talmud unter hoher Aegide erscheinen. Dazn kommt es nun nicht. Wohl hat er aber seine Anwesenheit in Innsbruck dazu benützt, sich dort zu ve!loben. Von Wien aus richtete er jedoch an seine Innsbrucker Braut ein Schreiben des Jnhalls, dass er ihr die Freiheit gebe, da er sich die Sache inzwischen überlegt und eine Andere heiraten wolle. Er hat auch einige andere sehr schmutzige Schwindeleien verübt, über die sich vorläufig noch nicht berichten läßt. Es ist jedoch in Anbetracht seiner interessanten Vergangenheit nicht zu zweifeln, dass man bald mehr von seinen Thaten hören wird. Von anderer Seite wird geschriebrn: Briemann entfaltete gleich! nach feinem Uebertritt zur katholischen Kirche eine eifrige propagandistische Thätigkeit am Paderborner Bonifacins - Znstitnte, einer jesuitischen Mission, die eine ihrer Hauptaufgaben in der Verfassung' und Verbreitnng anti-protestantisch.r und anti-jemitischer Schriften sieht. Bei seiner Verwendbarkeit fehlte es ihm nicht au hohen kirchlichen Gönnern, welchen er es auch wohl verdankt haben mag, dass ihm aus einem halbofficiellen Fonds für wissenschaftliche Zwecke zu-- nächst der Betrag von 200 fl. znfloß, wofür er sich erbot, sämintliche ן Bücher des Talmud in der Zeit von drei Jahren zu übersetzen, ein Unternehmen, für welches, wie Fachgelehrte behaupten, kaum ein Menschenalter hinreichen würde. Briemanu wollte aber die Schwierigkeiten dadurch spielend bewältigen, dass er eine große Anzahl von Stenographen zu seiner Hilfe herbeizog. Er fand wirklich Gläubige, welche dieses Mittel als genügend für die Bewältigung der von ihm übernommenen Riesenaufgabe hielten. Briemann war übrigens herzlos genug, die armen Studenten, welche sich ihm als Stenographen gegen äußerst geringes Entgelt zur Verfügung stellten, um einen Theil ihres | kleinen Honorars zu beschwindeln. Auch ein hervorragender Professor der Theologie an der hiesigen Universität wurde durch Briemann arg getäuscht. Der Doppel-Renegat wußte sich die Gunst des arglosen Gelehrten in so hohem Maße zu erwerben, dass ihn derselbe in sein . Haus zog. ihn ausgiebig unterstützte und ihm sogar eine Wohnung unentgeltlich zur Verfügung stellte. Alle diese Wohlthaten lohnte. Briemann dadurch, dass er werthvolle theologische Werke, die ihm der Gelehrte zu den umfassenden Studien für orientalische Arbeiten zur Verfügung stellte, um Schleuderpreise verkaufte. — Dr. Rohling in Prag soll mit Briemann in näherer Verbindung gestanden sein und aus dieser unlauteren Ouelle seine Talmudkenntniße geschöpft haben. Wien. (Ein cassirres Urtheil.) Der Cassationshof hat das Urtheil des Schwurgerichtes in Krakau, durch welches Moses Ritter des Mordes schuldig erkannt und zum Tode verurtheilt wurde, in nicht öffentlicher Sitzung cassirt und dem Landesgerichte in Krakau die Vornahme einer neuerlichen Untersuchung aufgetragen. Die Entscheidung des Cassationshofes erfolgte im Sinne des § 362 der Strafprozeßordnung, welcher lautet: Der Cassationshof ist berechtigt, nach Anhörung des General-Proeurators in außerordentlicher Weise und ohne an die im § 353 vorgezeichneten Bedingungen gebunden zu se.n, die Wiederaufnahme des Strafverfahrens zu Gunsten eines Verurtheilten zu verfügen, wenn sich bei einer auf besonderen Antrag des General-Procurators vorgenommene» Prüfung der Acten erhebliche Bedenken gegen die Richtigkeit der dem Urtheile zu Grunde gelegten Thatsachen ergeben, welche auch nicht durch einzelne, vom Cassations- Hofe eiwa angeordnete Erhebungen beseitigt werden. Demnach dürfte dieser Prozeß, wenn die Staatsanwaltschaft in Krakau von der Verfolgung nicht znrücktritt, zum dritten Male vor die Jury kommen. Wien- (Jüdisch-katholische Ehe.) Wir erhalten folgende Mitiheilung: Vor einiger Zeit hat Papst Leo XIII. die Erlaubnis ertheilt, dass der Sohn des bekannten Großindustriellen Leopold Frei- Herrn von Popper-Podhragy, der königlich ungarische Honved-Officier Baron Alexander Popper-Podhragy, welcher jüdischen Glaubens ist,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.