Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 11 (25.3.1885)
- Date
- 1885-03-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 - Muth! Warum mein Knabe schlechter? Warum beschäftigt man sich nicht einzeln, eingehend mit ihm? Talentlos? das tbnt nichts. Mangel an Willen? Potz der Tausend, bei willensfreudigcn Kindern ist der Unterricht keine Kunst! Lernt zu'Hanse nicht? Pah, ein Kind, häusliche Fleiß soll auch noch anfkommen? So das Naisonnement des lieben Papa. Komisch und wahrbaft erheiternd wirkt oft die Fragestellung des Laien, der mit Erlaubnis der Prüfungscommission aus feiner Reserve berauülrilt und einen Zögling selber prüfen will; nothwendigerweise ist dann die betreffende Antwort dergestalt, dass Examinator und Schüler in die Enge getrieben werden. Ein Katechet wollte seinen Schülern einmal den Begriff ,Bescheidcnbeil4 beibringen, dabei verfuhr er folgendermaßen: ,2n einem fremden Hause wird mir ein Glas Thee offerirt, ich lehne das Anerbieten höflichst ab, trinke aber auf weiteres Zureden; man credcnzl ein zweites, ich weise es artig zurück, trinke jedoch auf ferneres Drängen. So ergebts mir mir einem dritten und vierten Glase. . Wie war ich nun, liebe Kinder?״ ,be—be—&e4 die Kinder riesen einstimmig: b e t r u n k e n. Aehnlich ergeht's dem Laien, wenn rr die Frage ungeschickt, zweideutig, falsch oder unverständig, kurz wenn er sie unrichtig formuliri. Drollig ist bei diesen Schauprüsnngen das Brummen hinter den Coulissen, dies kam mir so vor, als ob sich das Geschwornengerichl zur Berathung zurückzöge, nur mit dem Unterschiede, dass an dem zu fällenden Verbiete eventuell nichts gelegen sei. Auf der Gasse angelangt, hält nach der Prüfung eine ec er die andere Gesellschaft öffentliche Censur, in einem selch5, :!׳JuiD!4 ereignete sich nachstehender Spass: Ein Schüler konnte sich nicht entsinnen, wie der Vater Abrahams hieß, dieses wurde arg bekritelt. ,Wie, donnert de, das wußte er nicht? Ereifere dich nicht, Brüderl, fiel P rasch ein, der Name klingt äußerst fremdländisch; schade! nicht, entgegnete erster, der Name אבימלך muß jedem Kinde geläufig sein. Warum begnügt sich.die Aufsichtsbehörde beim allgemeinen Unterrichte mit einer Inspeclion des Fachmannes und sieht meines Dafürhaltens Schauprüfungen gar nicht gerne? Weil sie von der Hohlheit dieser Einrichtung überzeugt, von der Einsichtslosigkeit des Laien durchdrungen ist. Uns liegt, wie gesagt, nichts daran, ordnet Prüfungen an mit oder ohne Vorbereitung, im Gegentheile, es gewährt mitunter einen hübschen Spass und ist recht geeignet, die Lachmuskeln in Thätigkeil zu versetzen. Wozu aber diese Schrullen? Ihr werdet der Quelle, die nicht selbst sprudelt, kein Wasser eingießen und thut sie cs, welchem Zwecke frommt Eure Bemühung. Schauet nicht auf Drill und Mechanismus, auf Leiern und Aufsagen, das sind Aeußerlichkeiten, die keinen Halt besitzen, eine Schale ohne Kern, wenn selbe auch momentan bestechen, bei reiferer Ueberlegung erweisen sie sich gewiß als leere Seifenblasen. Wie sagt der Dichter? ,Blendendes Zeug vor die Augen gestellt Hat ein magisches Recht, Weil es den Sinn gefangen hält, Macht es den Geist zum Knecht.4 Schirath Jakob*) besprochen von S. Graf in Essen. Man kann der heutigen Cantorenfchaft den Vorwurf der Unproduktivität gerade nicht machen. Das beweisen die jährlich auf den musikalischen Büchermarkt kommenden Werke und Werk- *) Gesänge für den israelitischen Gottesdienst, für Solo und Chor mit und ohne Orgelbegleitung, componirt von Jacob Lachmann, Obercantor der israel. CultuSgemeinde in Odessacben. Was Wunder, wenn neben dem Weizen auch Spreu ist ז Einer meiner Freunde hatte ganz Recht, als er neulich scherzhaft sa..tr, der sei heutzutage gar kein rechter Cantor der nichts componirt. Ware das vorliegende Werk gewöhnlichen Schlages, ich hätte keinen Federstrich seinetwegen gelban; aber es ist ein Werk, das sich eminente Achtung zu verschaffen weiß. Die Anlage,! der Ban sind hoch bedeutend, und ich stehe keinen Augenblick an, dasselbe neben die hervorragendsten Schöpfungen auf dem Gebiete des Synagogengesanges zu stellen. Denn in demselben paaren sich Gewaltigkeit und urwüchsiger Melvdiensiuß Wie kühn sind manche Modulationen! Trotzdem ist die Stimmfübrung eine prachtvolle. Auch ist zum Inhalt des Textes die Melodie in der entsprechenden charakteristischen Tonart im Allgemeinen gut getroffen. Denn wenn ich z. B. ein rauschendes, jubelndes Hallelujah compouiren würde, so dächte ich zuerst an O-dur und nicht au das die Empfinoungen der Bangigkeit, der Schwermulh ausdrückeude E8-raoll oder an das die stille Weiblichkeit, Lieblichkeit und Zärtlichkeit charaklerisirende B-dur. Aber von vornherein muv ich bemerken, dass es nur für große, leistungsfähige Chöre geschrieben ist. Kleinere gemilchte Cböre. wie wir sie leider des lieben wervu3 verum halber haben, diese freiwilligen Milizen, die dem Dirigenten das Leben sauer machen, sollen die Hand davon lassen.*) Wenn nun das Schopenbauer'sche Wort: ״der Styl ist die Physiognomie des Geistes. Sie ist untrüglicher als die des Leibes. Fremden Styl nachahmen, heißt eine MaSke tragen" wahr ist, so verdienen des Autors Compositionsfäbigkeiten in's hellste Licht gestellt zu werden. Obige Einleitung bedingt demnach ein näheres Eingehen auf das Werk selbst. Es zerfällt in 3 Theile: 1. Gesänge für Sabbath, 2. Scholoseh regolim, 3. Jornim noroim und Anhang. Es beginnt mit einem imposanten L’cho dodi in G־dur, der von großer Wirkung im unisono des Mvderato-Satzes im V4 Tack ist. Zm boi w’scholom, vom 3. Tact im Baß ab, sieht man förmlich das Entgegengehen der Sabbathbraut durch das Auf- und Nicderfteigen in der Tonfolge. Vom 9. Tact ab wird das Baß'Solo vom Alt im Chorjatz wiederholt, 6 סן Tacte lang. Der Schluss drückt mit der doppelten Aufforderung wohl die Freude über das Herannahen der Braut aus. Er schließt mit dem Dominantseptimenaccord, um attacca zum Refrain zu gelangen. — Nr. 2 und 3 bringen wieder je einen L’cho dodi in F-dur. Hieraus ist namentlich im ersteren das ^udautiuo in F-moll und das Hissorari in den Triolenfigurationen packend, und sehr schön die Steigerung im ,Aufblicken4 der anije amvai.— Nr. 4 bis 7 enthalten die Sabbathpsalmen in O-dur, aus denen ich das Ki hinneh aujwecho für Sopran, Alt, Baß und Cantor (im Tenorstimmenumfang) hervorhebe. Die letzten 8 Tacte erfordern einen Doppelchor. — Das Maarhv, Nr. 8 biß 30, deginnt mit einem wirkungsvollen sisbenstimmigen Borehu. Das W’schomru (Nr. 18) gehört zu den schönsten Nummern. Im Beginn desselben hat der Alt auf ״vv’scboluru" gleichsam das Leitmotiv — wie sich die neueste Musik ausdrückt — das der Baß zum Schluss auf ״schowas wajinofasch“ wieder aufnimmt. — Das W’schomru, Nr. 19, ist ebenfalls recht ansprechend. In der darauffolgenden Nummer hat der Cantor Gelegenheit, seine Coloraturfertigkeil zu zeigen. — Gar wunder- *) Weit leichter hat es ein Dirigent, der bezahlte Choristen commandirt und nicht auf die Gnade und Barmherzigkeit der ofr sich selbst überschätzenden Sänger angewiesen ist. Da wird die Einstudirung und Aufführung der Gesänge ihm zur Freude und der versammelten Gemeinde zum Genuß. Diese Erfahrungen waren mit ein wesentlicher Factor, der mich aus dem Saulus des absoluten künstlichen Chorgesanges zum Paulus des Gemeindegesanges gemacht hat.