Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 10 (14.3.1885)
- Date
- 1885-03-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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— e — aruch, bal« man von damals auf beute nicht schließen darf. Zn טור א״ה סי' קמ״ה bei!;: es: ואין לומר נלמד מהם׳ לפרש לעם בלשון שיבינו׳ דשאני תרגום שנתקן רתח הקודש. ,Es wäre ־!!״ rrchng, behaupleu zu wollen, dass .. ir von der damaligen Zeit lernen!ollen, auch heute die Thora dem Volke (beim Vorlesen nämlich) in der ihm verständlichen Sprache zu erläutern, weil der Targum etwas anderes ist; dieser wurde in heiliger Begeisterung für Gott und Religion eingeführt4. Welche Vorsicht wurde da nicht gclraucht, um die Thora vor Entstellungen und das Volk vor Zrrthümern zu bewahren. Der Targum mußte überall und in allen Gemeinden gleichlautend sein, damit keine absichtliche oder auch nur unabsichtliche Fälschung vorkomme; die Uebersetzuug mußte jedem Verse für sich folgen, damit der Verständige sich!osort von ihrer Richtigkeit überzeugen könne; ja es wurde die Vorsicht so weit getrieben, dass nicht einmal das קריאת התורה und תרגום von einer und derselben Person vorgetragen, werden durfte. שלא יאמרו תרגום בתוב בתורה, damit das Volk nicht meine, der Targum wäre in der Thora niedergeschrieben. Wir sehen daher wie behutsam jene gottbegeisterten Männer bei einer neuen Einrichtung vorgegangen, und ich wüßte nicht, welche Garantien wir uns heute dafür verschaffen׳ könnten, dass unsere Kinder noch dieselbe Thora haben werden, wollten wir dieselbe in einer anderen als in der Ursprache verlesen-. Wir hätten im Gegentheile zu erwarten — und ׳wahrlich, unsere Zeit ist darnach angelhan — nicht nur שתי תורות, sondern sogar in jeder Gemeinde eine andere Thora zu haben. Wer daher die Thora dem Zudenthume, und das Judenthum der Thora erhallen will, muß unbedingt für das traditionelle קריאת התורה sein, wie es seit jeher in Israel geübt wird. Und wenn mau ihm die Frage vorlegt: ״Was bringt das Volk von dem Thoravorlejeu mit nach Hause?" so kann er ruhig darauf! antworten: Das erhebende Bewusstsein, dass er soeben dieselbe Thora verlesen hörte, die Gott am Sinai gegeben, und die feste und frohe Hoffnung, dass auch seine Kinder wieder dieselbe Thora als heiliges Erbstück übernehmen werden. שואת התורה לא תהא מחלפת ולא תהי תורה אחרת מאת הבורא יתברך שמו. Wem aber dieses nicht genügt, der"mag uns noch so sehr seiner Wärme für das Zudenthum versichern, so glaube ich doch immer, dass in seinem Herzen ein Kämmerchen zu finden wäre, wo es bereits kühl zu werden anfängt. Ich kann daher nur meinen Rath wiederholen: Wem das Thoravorlesen mit seinem Singsang nicht zusagi, der mache indessen seine Promenade vor der Synagoge, das Zudenthum und die Thora wird sich schon ohne ihn begehen müssen. Leuten die den Sabbath entweihen, die Speisegesetze verachten, denen bleibt cs sich ja gleich, ob ihnen das in hebräischer oder anderer Sprache als Sünde angerechnet wird, die anderen aber, die noch die Gebote Gottes beobachten, wollen immer noch lieber die wahrhafte Thora verlesen hören. Es hat Zeiten gegeben, wo der jüdische Glaube noch mehr danieder lag, als heute, und dennoch ist uns ein Kolomea erstanden, und so geben wir auch die Hoffnung nicht auf, dass aus Proßnitz noch einst ein Kolomea werden wird. Freilich sollte von berufener Seite etwas mehr für die heilige Sache geschehen. Äber auch vom nationalen, einem gewiss sehr zeitgemäßen Standpunkte aus, glaube ich für die Vorlesung der Thora in der hebräischen Sprache eintreten zu muffen. Welches ist denn das Band, dass seit zweitausend Zähren die in allen Weltgegenden zerstrent lebenden Zsraeliten so fest zusammenhält? Welches die Kraft, die dem jüdiswcn Volke innewohnt, dass es trotz aller Verfolgungen und Bedrückungen, trotz aller Schmähungen und Verlcumdungen in der alten und neuen Zeit, noch immer aufrecht besteht? Gewiss, außer seiner heiligen Religion, auch die Sprache, in der seine Thora geschrieben und seine Gebete verfasst sind. Wenn der Jude in ein entferntes Land, unter ganz fremde Menschen gerälb, dort in ein Gotteshaus tritt, und die hebräischen Laute: שמע ישראל ה׳ אלהנו ת אהד hört, oder auch nur den wohlbekannten Singsang beim Verlesen der Thora vernimmt, so wird er sich alsbald heimisch, als Bruder unter Brüdern fühlen, niemals aber, wenn ihm die Gebete in einer unbekannten Sprache entgegen tönten. Der Znde soll und darf wohl keine National- Politik nach Außen treiben, sondern sich vielmehr im bürgerlichen Leben Gebräuche, Sitten und Sprache desjenigen Volkes aneignen, in dessen Mitte er wohnt, wie er überhaupt zu allen Zeiten ein treuer und hingebungsvoller Bürger desjenigen Staates war, dessen Schutz er genoß, aber in seinem eigenen Hause, das ist in seinem Gotteshause, da sollte er denn doch ein wenig national sein und seine Sprache umsomehr zu erhalten trachten, gerade weil sie in der Schule so sehr vernachlässigt wird. Wurden ja, nach dem Talmud, unsere Vorfahren in Egypten nur deshalb von Gott als der Erlösung würdig befunden, weil sie selbst unter dem schwersten Drucke ihre Nationalität nicht verlengneten שלא שנו את לשונם׳ שלא שנו את שמם׳ שלא שנו את מלבושם, dass sie ihre Sprache, ihren Namen und ihre Kleidung nicht veränderr haben. Deshalb wollen auch wir in dem Vorlesen der Thora unsere nationale Sprache, in dem Nisolrsderaost unsere nationalen Namen und in dem Talith mit den vier Schaufäden endlich unsere nationale Kleidung beibehalten. Es würde mich höchst freuen, wenn es mir durch diese Ausführungen gelungen wäre, dem Herrn Oberlehrer Niesenfeld eine andere Meinung beizubringen. Sollte aber das nicht der Fall!ein, und sollte mir meine Erregtheit oder gar .der Bachur im Selbe41 zum Vorwurfe gemacht werden, so sage ich im Vorhinein : Ja wohl, ich habe den Bachur im Leibe, aber auch den wahren Juden, und als solcher habe ich mich verpflichtet gefühlt, meine Meinung in der angeregten Frage ehrlich ' und offen darznthun. Kleine Ehroink. Wien. Der bekannte clericale Abgeordnete Pater Grenter zog in seiner jüngsten Rede während der Budgetdebatte gegen die Wiener Universität los und eiferre auch gegen die — nach seiner Ansicht — allzugroße Anzahl jüdischer Professoren. ,Wenn die Dinge,4 sagte er, ,an der Wiener Universität eine zeitlang noch so sortgehen, so hört dieselbe auf, eine Universitär zu sein (Obo! links); sie wird eine Orientalische Academie. (Lauter Widerspruch und Zischen links). Ich rede hier nicht von meinem confeffionellen Standpnnkre aus, sondern nur von dem Standpunkte der ausgleichenden Gerechtigkeit und Billigkeit auch gegen Mitglieder einer abendlädischen Abstammung. Wie ist das Verhältnis? Nach der Statistik wäre das Verhältnis der Israeliten zur übrigen. Bevölkerung 4V2. An den zwei praktischen Facultäten, der medicinischen und juridischen, befinden sich miteinander 159 Professoren und Docenten. 4'/2: 159, was gibt das für einen gerechten Ouozieuren in Bezug auf die Bevölkerung? An. der ganzen Universität, wenn wir gerecht sein sollen, ohne ein Uebergewicht zu verlangen — sollten höchstens 7, ich gebe zu 8 (Rufe links: 8V2! — Heiterkeit) israelitische Professoren sein; wir finden aber im Catalog 64 semitischer Abstammung. (Hört j rechts). Wenn das so fortgeht —> an einer Facultät erreichen sie schon die Hälfte und an den andern wird es geschehen — daun werden die Männner abendländischer Cultur — ich sage nicht mehr Christen — rein überflügelt, und darum Habs ich Recht, wenn ich sage: Wenn das so fortgeht, hört die Wiener Universität auf, Universitär zu sein, und wird eine zweite Orientalische Academie.^