Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 10 (14.3.1885)
- Date
- 1885-03-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— -L Drr hebräische Unterricht und die moderne Volksschule von S. Miesenfekd, Volksschullehrer in Schaff«. II. Auf dem flachen Lande und in kleineren Provinzstädten wird der hebräische Unterricht in der Ziegel von den mit der Zugendbildung betrauten Lehrkräften, von den Lehrern ertheilt; an größeren Orten, namentlich in den Hauptstädten sind die sozialen Verhältniße danach angerhan, dass auch' Nabbin.eu und Cantoren für eine derartige Thätigkeit gewonnen werden müffen. Mit dieser Thatsache rechnend, dürften die zur Anregung gebrachten Erörterungen auch die Herren Cantoren interessiren und ist unter Einem die Frage erledigt, inwiefern das Capitel ״Unterricht* in die Spalten der geschätzten ״Cantoren-Zeitung* mit ausführlicherer Breite eindringt. Uebligens kenne ich viele geprüfte Lehrer, die nebst ihrem eigentlichen Berufe das Cantor. amt bekleiden. Nun zur Sache, zur weiteren Betrachtung des hebräischen Unterrichtes im Verhältniße zur modernen Schule. Nach dieser Richtung bin wurde in alter Zeit stark gesündig:, es kliugt wie eine Mär, mit Schulbuben Studien im Talmud zu treiben, diesbetreffende Auseinandersetzungen zu pflegen, denselben die gründliche Erfaffung eines הלכה ת1םפת mit dem ganzen Conducte zuzumuthen, ohne zu bedenken, dass der Gegenstand, weil zu abstract, für den kindlichen Geist ein spanisches Dorf bildet. Diese Sturm- und Drangperiode liegt wohl weit hinter uns, dagegen wird noch immer auf der Mittelstufe zu wenig rationell vorgcgangen, und auf der Unterstufe arbeitet die Schablone, macht sich der Mechanismus breit. Der Leseunterricht auf Grundlage des Ta b e l l e n systems steht mit den Forderungen der Zeit nicht im Einklänge, ist für den Lehrer ein saures, fades Stück Arbeit, für den kleinen Necruten eine Tortur. Die erwähnten Tabellen fangen zumeist mit den Vocalen und Buchstaben an, schreiten zur Silbe vor und endigen mit dem Worte in verschiedener Gruppirnng und mir Nücksichtnahine^auf den Grad der Schwierigkeit. Eine derartige Gliederung nennen wir den synthetischen Gang. Auch findet sich der umgekehrte Weg: Wort, Silbe, Buchstabe, das Ganze wird in seine Tbeile zerlegt und die Consistenz desselben deutlich vor die Seele geführt, das ist der a n a l ytische Gedanke. Aus den Wandtafeln berrscbt meines Erachtens die Synthese zu stark vor das ist ein Mißgriff. Analysiren, Zerlegen in Bestandtheile ist der Natur-angemessen. — Zm Wcrdeprocesse der Keim — und ein Zug des neueren Unterrichtswesens. Also Setzkasten her wie beim ersten Lesen in der Muttersprache, Setzkasten mit einzelnen Buchstaben auf Täfelchen. Das Kind muß das Wort für sich selb st schauen, muß es abnehmen, schwinden und wieder entstehen sehen, muß selbst hantiren, sonst wird das Wortbild nur mechanisch aufgenommen, die Stelle an der Tafel blos gedächtnismäßig eingeprägt, der Schüler nimmt nichts Rechtes wahr, traut seinen Augen nicht. Jedes jüdische Kind hat ברוך׳ ישראל und dergleichen gehört, bringt also das Normalwort mit, an welches der Lehrer seine Belehrung knüpft. Den Begriff desselben sicherznstellen wird füglich nicht schwer halten. Einzelne Ausdrücke wie: לחם׳ לכם׳ כלך׳ כלה sind zu Normal- Wörtern besonders geeignet und lassen der Combination einen bedeutenden-Spielraum. Man wird mir entgegenhalten: Alle Wege sühren nach Rom, כתוך שלא לשכה בא לשכה, der Schüler lerne an der Hand der Lautirmethode auch lesen. Ganz richtig, aber fraget nur nicht wie! Wissen wir doch aus eigener Erfahrung, soweit unser Gedächtnis in jene naive, halbdnnkle Kinderzeit zurückrcicht, was es heißt, lesen lernen, welchen Schweiß die ersten Silben erpressten. Am schrecklichsten war's dort, wo das Kind mit dem Eintritte in die Schule sofort für's Hebräische inscribirt ward, ohne jedwede Vorbereitung, ohne sehen und hören gelernt zu habeu. Eine starke Zumuthnng an die kindliche Willenskraft, das Tändeln und Spielen lassen, die bis- Ein jüdischer Cantor des 15 Jahrhunderts Begründer des Tanyntterrichtes. Von Rabbiner Dr. W. Griinwald, Redacteur des jüdischen Cen:ral-׳Blattes in Pisek (Böhmen). In Italien besteht noch gegenwärtig die schöne Sitte, bei Gelegenheit von Hochzeits-Feierlichkeiten zu Ehren .der Neuvermählten eine w i s s e n s ch a f t l i ch e Arbeit zu veröffentlichen. Eine derartige wissenschaftliche Arbeit war es auch, die der verewigte S. D. Luzzatto*) seinem Schüler Graziadio Ascoli, gegenwärtig Profeffor an der Universität und Präsident der Academie zu Mailand, widmete. Der Titel von Luzzatto's Arbeit ist ויכוה על חככת הקבלה ועל קדכות ספר הזהר auch unter dem Titel: ״Dialogues 8ur la Kabbale et 16 Zohar“ erschienen. Doch nun zu unserem Cantor, der nicht nur als Sänger, sondern auch als Literat eine hervorragende Rolle gespielt. Die Schrift ist in italienischer Sprache abgesasst und hat nach der Sitte damaliger Zeit einen langathmigen Titel, und zwar: Deila virtute et arte del Dansare et di alcune opportune et neeessarie particelle a quella pertinenti. (lieber die Vorzüglichkeit und die Kunst des Tanzes und einige gelegene und nothwendige Dinge, die dazu gehören.) Der Verfaffer heißt ital. *) Ueber S. D. Luzzatto siehe: Autobiographie Luzzatto's, aus dem Italienischen in's Deutsche überttagen von Dr. M Grünwald. Belovar 1883. Verlag von Dr. I. Luzzatto, Notar in Padova (Padua). Guglielmo (Wilh.lm),hebräisch wahrscheinlich בניכין זאב♦ Er lebte in Pesaro (Italien), war-aber, wie aus seinen Schriften zu ersehen, sebr oft, und zwar in seiner Eigenschaft als Balldirector au den Höfen von Mailand, Feriara, Pesaro, Urbino und Bologna, und zwar innerhalb der Zahrc (1441—1471)*)- Voglio ch’ognuno sappia et maxime quelli che nella dicta scientia se delectano come dio ho continuato 088a scientia et arte anni trenta per la quäle bo cercato le solenne e degne cörte d’ltalia. (Zch will, dass jeder und besonders die, die sich an dieser Kunst erfreuen, sie genau kennen; denn ich habe diese Wissenschaft und Kunst an den prachtliebenden.und würdigen Höfen Italiens geübt). Dass unser Autor aber das Tanzen nicht im ,frivolen Sinne aufgefalst, bezeugt jede Zeile dieser Schrift; in der Einleitung beruft er sich auf den innigen Zusammenhang.des Gesanges mit der Musik und dem Tanze, dieser Dreieinigkeit, an der auch dem Juden zu glauben gestattet sei; erinnert an Mosis erhabenes Lied bei dem. Durchzug durch's rothe -Meer, der musikalischen Begleitung Mirjam's, dem auch der Tanz sich bei- - gesellte, er führt ferner König David als Meister des Gesanges, der Dichtkunst und auch des Tanzes an; denn er tanzte ja bekanntlich vor der Bundeslade. Ueberhaupt ist im Alterthume der Tanz mit ein Theil des religiösen Cultus nicht nur bei den Juden, sondern auch bei den Griechen und Römern gewesen. *) Seite 27.