Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-03-14 · Heft 10 (14.3.1885) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 10 (14.3.1885)
Date
1885-03-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/1304829-3452999-3453009--1286-3455410
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 3 Beethlwe»'׳׳ Syinphnilien. Non Otto G u m p r e cb t *)• IV. (Schluss.) Bewunderungswürdige ©emalität waltet in der thematischen Arbeit dieser Periode. Wie sebr nun dieselbe auch in die Breite und Tiefe geht, stets wabrt sie doch auf's feinfühligste die Gesetze des Maßes und des Wohllautes. Immer fester wird das geistige Band zwischen den einzelnen Sätzen. Dasselbe lässt sich allerdings' wie so vieles in unserer Kunst kaum beweisen. Wer es nicht heransfühlt, ' dem ist mit Gründen schwer bei;ukommen: Handgreistichere Belege für diesen psychologischen Zusammenhang fehlen indessen nicht ganz. Wie bedeutungsvoll klingt z. B. in die ersten Allegros des L8-äur-Concertes und des L-dur-Trios op. 97 dorr das H-dur des Adagio, hier das D-dur des Andante hinein. Durch das f und das b im fünften und sechsten Tact des O-dur-Trio op. 70, Nr. 1 werden wir bereits an das D-moll des Largo gemalmt. Das Andante der O-inoll-Symphonie prophezeit mit seinem Hellen Trompetengeschmetler in O-dur den Siegesjnbel des Finale. Auch aus den späteren Arbeiten wäre manches ähnliche Beispiel anzuführen, man denke an das so stark hervorgehobene 178-dur im ersten Satz ter großen L-dur-Sonate op. 106, an das überraschende D-dur beim Eintritt des dreiviertel Tactes im Adagio der nennren Symphonie. ״Ich kann mir*, sagt Moriz Hauptmann, ״in der (Mozart's) 6-iuolI-Symphonie den letzten Satz als ersten denken — die Verkehrung wäre nur äußerlich; nicht innerlich, als wenn ich z. B. die Wirkung zur Ursache machen wollte. Dies geht bei Beethoven, wo er ganz Beethoven ist, z. B. in der O-moll-Symphonie, nicht, hier ist der Uebergang, das Werden 'der Inhalt, wie dort das ©ein' u. s. w. Fast ganz verstummt ist heutigestags das unbesonnene Gerede, dass die Schöpsungen der letzten Periode abenteuerliche Ausgeburten eines verstörten, mit sich und der Welt zerfallenen Künstlergemüthes seien, dass mit dem äußeren Sinn auch das innere Ohr des Meisters taub geworden, er in seiner Vereinsamung, in seinem Mißmuth den von ihm und den Vorgängern ausgeführten Prachtbau der Töne zu zertrümmern versucht. Wie nie in seiner Seele der Urquell des Wohllautes versiegt, so rauscht er auch weiter in diesen wunderbaren Spätwerken, freilich hier nicht immer und überall, was gleich näher in Betracht kommen soll. Weil die Musik nichts anderes ist als geregelte Bewegung, sind stets die größten Musiker auch die formenfestesten gewesen. In der ganzen Reihe der Beethoven'schen Compositionen sinden sich nur zwei Phantasien: die für Clavier in G-moll, op. 77 und die für Clavier, Chor und Orchester in C-moll, op. 80. Beide machen von der durch ihren Titel angekündigten Ungebundenheit blos sehr mäßigen Gebrauch, ein Thema mit Variationen bildet den Kern der einen wie der anderen. Es wäre sicherlich weit gefehlt, den Stylcharakter der dritten Periode als Auflösung der Form zu bezeichnen. Mit ungleich größerem Recht könnte man das Gegentheil behaupten, von rücksichtslosester Fülle und Folgerichtigkeit der thematischen Arbeit, von einem unersättlichen, jedes Motiv bis in die äußersten Cousequenzeu zur Anschauung bringenden Gestaltungstrieb sprechen. Welchen Abschnitt dieses Künstlerlebens wir auch in's Auge fassen, in den Gebilden, die ihm ihre Entstehung verdanken, ist *) Aus den ״Westermann'schen Monatsheften". Siehe Nummer 7 der österr.-ungar. Cantoren-Zeitung, Jahrgang 1885. von phantasirender Willkür nichts zu gewahren. Damit soll keineswegs geleugnet werden, dass es mit dem Empflnduugsgehalt der Spätwerke seine besondere Bewandtnis hat, dass in sie ein rein subjectives Element hineinklingt. Bei weitem mehr als von der O-dnr-Messe und der neunten Symphonie gilt das von den letzten Sonaten und Quartetten, dielen Herzensergüssen des aus dem sinnlichen Dasein der Musik verstoßenen, den Geisterstimmen der Einsamkeit lauschenden Tondichters. ״Die Welt buchstabirt Entsagung, das allerschwcrste Wort, das Wort immer wieder von der armen Menschenlippe vergessen״, heißt es in Jmmermanns Münchbausen. Nun, dies unsäglich schwere und doch allein erlösende Wort ist uns nie lauter, freudiger, siegesgewisser zugerufen als von Bach und von Beethoven. Die Kraft dazu kam dem einen aus den im Evangelium uiedergetegten Heilsbürgschaften, dem anderen aus der idealen Welt, aus der jedem äußeren Mißgeschick trotzenden festen Burg, die er sich in der eigenen Brust auferbaut. Die boldeste Blüthe der Musik ist die schöne Melodie. Mil ihrem süßen Reiz uns gefangen nehmend, stiehlt sie sich durch's Ohr in's Herz. Wie viel dieses aber auch von ihr cm« psangeu mag, sie spendet nur mühelosen und darum vorwiegend sinnlichen Genuß. Nicht wenn alles einer einzelnen Melodie sich gefällig, unterordnet, sondern mehrere sich gegenübertrerm, einander kreuzend und beschränkend, deutend und ergänzend zum wechselreichsten und doch zusammenhangsvollsten Snmmgewebe sich verschlingen, wird unsere Kunst und mit ihr der Hörer der höchsten geistigen Weihe theilhastig. Wie deshalb d m Spiritualismus Bach's die Polyphonie als einzig gemäße Ansdrucksweise sich dargeboten, so gelaugte sie auch in dem Schassen Beethovcn's immer mehr zur Herrschaft. Gewiss gibt es da neben edelstem Wohllaut genug des Befremdlichen, ein gehäuftes Maß von Dissonanzen, gewagteste Sprünge der Harmonie, die seltsamsteu Verschiebungen des TacteS und des Rhythmus, weit gespannte, gleichsam körperlose Accorde, räthselhaste Necitative, die nach dem befreienden Wort zu ringen scheinen, überschwengliche Ansprüche au die Leistungsfähigkeit der Darstellungsmittel, Härten und Reibungen jeder Art. Alles das sindel jedoch seine Erklärung und Rechlserligung in der innersten Natur der nicht im Fleisch, sondern im Geist wandelnden, bereits an die letzten Dinge rührenden Tonsprache. Den mitzutheilenden Stimmungsgehalt konnte sie gar nicht anders kund thun. Die in ibr waltende Gesetzmäßigkeit entzieht sich freilich dem nur au der Oberfläche hastenden Ohr. Wir stehen hier an der äußersten Grenze des musikalisch Darstellbaren, wo das sinnliche Urelement des gesammteu Tonweseos fast blos noch symbolische Bedeutung hat, der Stoff sich mehr und mehr verflüchtigt, die Seele des Kunst- Werks über den irdischen Leib hinauslangt nach der Unendlichkeit. Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, wäre vielleicht das passendste Mvtto für die Schöpfungen der dritten Periode. Sie sind die Ergebniße eines ganz individuellen Lebens- und Ent- Wickelungsverlaufes und deshalb nicht vorbildlich. Unsere jungen Componisten können kaum einem verhängnisvolleren Irrthum verfallen als dem Wahn, es sei ihre Aufgabe, da anzufangen, wo der Meister geendet, dem seine Kunst alles war und der alles in ihr vermochte. Welch' thörichtes Unterfangen, wenn sie, denen kein anderes Leid widerfahren als ein paar unsanfte Kritiken oder die ablehnenden Antworten der gegen ihre ungebärdigen Erstlinge mißtrauischen Verleger, die gierige Hand ausstrecken nach Beethoven'S Märtyrerkrone, um damit die blonden Locken zu schmücken!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.