Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 10 (14.3.1885)
- Date
- 1885-03-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/1304829-3452999-3453009--1285-3455409- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
einsam verstreuten Blatte gleicht, welches vom leisesten Windstoße weggeweht und der- Vernichtung Preis gegeben werden kann, dass sie vielmehr, so wie jede ähnliche ernste Arbeit, ein Vermächtnis für künftige Geschlechter, vielleicht einen späteren Herausgeber der Gelchichte des Synagogengesangcs ein willkommener Behelf für seine schwierige.Arbeit sein dürfte. Und nun zu jenen Chor-Composilionen, die Naumburg vollberechtigt in die Reihe der hervorragendsten Synagogen-Gcsangscomponisten stellten. Da erblicken wir die Nummer 17, Psalm 137 על נהרות בבל; vergebens forschen wir nach den uns bekannten Gebrechen der anderen Arbeiten, keine Bevorzugung der Oberstimme, kein Rhythmus und Tonartwechsel, keine gewagten Modulationen und darauf folgende schwierige, ja beinahe unmögliche Einsätze — ja, wie mit einem Zauberschlage ist sogar die überschwängliche Melodie verschwunden; denn jede einzelne Stimme erscheint so selbständig, dass dieselbe vollberechtigt als Hauptmelodie gelten kann, und wenn wir nicht irren, beabsichtigte Naumburg durch die Verlegung der Hauptstimme in den.Bass beim Chorsatze im 27. Tact Scboweau divre sehir wesololeau simcbo in drattischer Weise auf eine, innerhalb seiner Individualität sich voll- ^ogene musikalische Sinnesänderung hinzuwcisen. Eine Sinnesänderung hören wir^ fragen? Und wir können mit Ruhe und Gleichmurh antworten: Ja, eine Sinnesänderung! Und weßhalb nicht? Nur demjenigen kann eine volle und unumwundene Bedentung zuerkannt werden, der die Fähigkeit besitzt, die Mängel seiner Individualität zu erkennen gleichzeitig aber auch den Muth hat, das Interesse der Sache, der . persönlichen Eigenliebe vorzuzichen und seine Fehler öffentlich zu bekcneu. Der Geist der besseren Erkenntnis, der jeden Tact der vorliegenden Compofition durchweht, gestattet dem Forscher einen interessanten Einblick in das Seelenleben des Componisten; denn die musikalische Dualität derselben ist so sehr von der früheren Art entfernt, dass man gleichsam Zeuge der Situation wird, wie Naumburg mit aller Kraft von den Rosenbanden der ihn berückenden, bereits zur zweiten Natur gewordenen Arbeitsweise sich zu entwinden sucht, es ist ihm voll und ganz gelungen — und zu diesem Siege verhalf ihm seine künstlerische Biederkeit, die Lauterkeit seiner Gesinnung. In dunklen ernsten Tönen zeichnet das Andante maestoso in A-moll das Jammerbild der weinenden Sklaven an den Stromnfern Babels. Al naboros bowel sehom josebawnu, gam bochiau — und es bedarf nur der Zuhilfenahme unserer Phantasie, um ans dem Pianissimo der Motiv-Wiederholung das Verklingen der an die Weiden gehängten Harfen zu vernehmen al arowim besocbob tolinu kiaorosseau; wie trefflich ist die Aufforderung zum Gefange seitens der Zwingherrn in der Manigfaltigkeit der Einsätze der verschiedenen Stimmen des Solo-Terzettes gezeichnet ki scbom scbeeluno scboweau divre scbir; wesololeau simebo, und wie kategorisch und hart erbraust der Ilnisono-Befehl der Drei Stimmen »scbiro lonu mischir zion*. Betrachten wir nur noch die meisterhafte Verwendung eines Knabenterzettes für die Beantwortung der rohen Aufforderung, allwo aus zarten Knabenkehlen die bittere Frage herausklingt: »Lob noscbir es scbir adenoj al admas necbor r" so wird und muß wohl jeder Unbefangene eingestehen, dass die Erfassung der verschiedenen Situationen eine echt künstlerische und die Anordnung des Stoffes geradezu meisterhaft genannt werden muß. Mit dieser administrativen Meisterschaft steht die musikalische auf gleicher Höhe und verdient die bei strengster Musikgesetzmäßigkeit gewahrte jüdische Tendenz eingehend beachtet zu werden. Nicht der so sehr beliebte Choralgesang (statt Chorgcsang) auch nicht die so vielen jüdischen Cantoren gar so geläufige ,Kirchenweise*, oder gar die von der Opernbühne erborgte Arienmanicr sinden wir hier angewendet, sondern man höre und lerne, wie eine, den jüdisch-lithnrgischen Zwecken gewidmete Gesangsnnmmer von demjelligen bearbeitet wurde, der das Gesetz und die ideale Kunslform in weitestem Sinne erlernte und beherrschte, um dieselben für den heiligen Dienst der Synagoge zu verwenden — ja eine allbekannte NI^Ql-Melodie gelangt in dem 4stimmigen Canon in E-moll zur Anwendung und wie trefflich crsch int dieselbe gearbeitet. Abgesehen von der streng correcten Form, welche hier anzutreffen, erscheint die Nachahmung auf der zweiten Stufe durch den Tenor als ein Meisterstückchen des Contrapunktes, dessen sich keiner unserer Musikheroen zu schämen brauchte; in der Vereinigung der Stimmen bei piu leato! bei den Worten sebegomal loau ist sogar die polnische Pointe durch Belastung der übermäßigen Secunde in der Schlusskadenz a, gis, f, e hervorgehoben, welche charakteristisch wirkt; auch die unvermeidliche Fuge (die uns, beiläufig erwähnt, sonst unsympathisch ist) muß hier nicht allein ihrer künstlerischen Trefflichkeit wegen, gut geheißen werden, sondern hauptsächlich deshalb, weil die Texießworte: ascbrd scbejocbes weaippez es ololajich ei basola nicht zerstückelt, sondern in der einleitenden Bass-, wie in jeder neu eintretenden Stimme als einbeitliche Phrase verarbeitet erscheinen und dann, weil für die musikalische Wiedergäbe des in dem Texte enthaltenen Vergeltungsrufes das selbstständige Eingreifen jeder Stimme, also die Fngenform, ' als die allein berechtigte geradezu verlangt. So erscheint diese Compofition als ebenbürtig in die Reihe der besten Synagogengesangscompositionen hingestellt zu werden und ebenso ausgezeichnet sind die nachfolgenden, von denen wir hauptsächlich den Brucbim jib’jab in G-dar V1 Tact für gemischten Chor und Orgel Nr. 26 — den Le’el 010m in Des-dur Nr. 31 für Bariton, Bass-Solo, gemischten Chor, Harfen- und Orgelbegleitung erwähnen, obgleich wir beim Anhören der gebrochenen Harfenaceorde wie der Bariton- und Basssoli uns einer Neminiscenz an ein bekanntes venetianischcs Gondellied nicht entwehren können. Der stimmungsvolle Mismor lesodo in G-dur Nr.34 wirkt etwas eigenthümlich durch die frappante Aehnlichksit der Solostimme mit dem bekannten Tannhäusermarsch — allein es ist an ein Plagiat umsoweniger zu denken, als es einerseits die Weise Naumburgs nicht war, von Anderen abzuschreiben, umsomehr als die Oper Tannhäuser am 19. October 1845 zum ersten Male in Dresden aufgeführt wurde und das vorliegende Werk schon 1847 erschien, also höchst wahrscheinlich zur Zeit der Tannhäuser-Aufführnng im Manuscript fertig gestellt sein mußte —-ist aber im Uebrigen eine verdienstvolle und empseblenswertbe Arbeit. Gleich empfehleußwerth sind die Compositionen adoaoj secborono Nr. 39 in G dur, namentlich wird das Bass-Solo mit brillanter obligater Orgelbegleitung sich sehr wirkungsvoll erweisen— wenn nur der Text richtiger behandelt *), namentlich die erste Silbe in dem Worte Haschomajim nicht durch volle 3/4 Werttheile ausgehalten erscheinen — wie der gediegene Hallelüjob in G-dur Nr. 35. Die meisten der in diesem Hefte aufgenommenen, wirklich schönen Chor-Compositionen Naumburg's beginnen mit einem Baritonsolo, scheinen demnach Gelegenheitsarbeiten zu sein, die Naumburg in seiner zweifachen Eigenschaft als Schöpfer und Interpret höchst ׳ wahrscheinlich für sich geschrieben, was hiemit meinungslos ausgesprochen werden soll **). (Fortsetzung folgt.) *) Was sonst Lei Naumburg stets der Fall ist. **) Als interessante Mittheilung sei noch der Thatsache Erwähnung gethan, dass der berühmte Opernsänger Faure, der bei Trauungen in der Familie Rothschild und anderen herrorragenden Trauungen in der Synagoge! Hotrs dame mitzuwirken pflegte, das in Le’el 010m Nr. 34 vorkommende Baritonsolo mit hebräischem Texte vortrug.