Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 9 (6.3.1885)
- Date
- 1885-03-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/1304829-3452999-3453008--1280-3455403- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— e — diese bedrohen, besitzt er jenen Muth, der ihm, wo es die eigene Vertheidigung gälte, mangeln würde. Andererseits aber zeigen anch die Kinder eine große Verehrung und Liebe für ihre Eltern, die sie, wenn sie in Noth gerathen, willigst nach allen ihren Kräften, ja selbst über diese hinaus, unterstützen. Auch die Gefchwister hegen gemeinhin viel Liebe für einander. Wie aber diese werkthätige Familienliebe, ist auch ihre große Mildthätigkeit ein schöner Zug im Charakter der polnischen Israeliten; und sie ist es um so mehr, als sie bei der Spendung ihrer Wohlthaten, trotz des oft recht inhumanen Benehmens der Christen gegen sie, keinen Unterschied in der Confestion machen. Die Mehrzahl der jüdischen Gemeinden in Russisch-Polen und Lithauen bestndet sich, bei der vorwiegenden Armuth der Gemeindeglieder, in pecuniär gedrückten Verhältnißen. Dennoch ist keine einzige Gemeinde ohne ein Krankenhaus, keine ohne ein ,Lehrhaus', dessen Besucher auf Kosten der Gemeinde mncrrichtet und erhalten werden. Die Beispiele, dais Leute Jahr ein, Jahr aus den vierten, ja selbst Len dritten Theil ihres Einkommens zu wohlthätigen Zwecken ausgeben, sind unter den wohlhabenderen Israeliten der Weichfelländer durchaus nicht selten. Somit fehlt es denn dem Charakter derselben durchaus nicht au Zügen, welche geeignet sind, uns mit anderen Eigenschaften der polnischen Juden wieder auszusöhnen. Werden dieselben einst in den vollen Genuß der staatsbürgerlichen Rechte eingesetzt sein, deren freilich auch ihre christlichen Mitbürger zur Zeit im Czarenreiche noch' zum Theil entbehren müssen, so wird sicher so manches schwinden, was uns heute noch von dem polnischen Juden abstößt. Hoffent׳ lich ist diese Zeit eine nicht mehr ferne. j[^ A . Kleine Chronik. Wien. Der Verein zur Beförderung der Handwerker unter den inländischen Israeliten sendet seinen zweiundvierzigsten Jahresbericht aus. Jetzt, da unsere Gegner mit harten und schweren Beschuidigungen an uns herantreten, uns vorwersen, wir hätten keinen Arbeiterstand, jetzt erscheint dieser Handwerkerverein miUJahresbericht vor der Welt und läßt Thatsachen sprechen. 785 Zöglinge zählt jetzt der Verein, der die Vaterstelle mit unendlicher Sorgfalt hier vertritt und jedem einzelnen der 785 Zöglinge seine ganze Aufmerksamkeit zuwendet. Bestemdend ist es, daß Ungarn, obgleich der Verein für 215 Zöglinge aus den verschiedenen Comitaten sorgt, in keinerlei Welse mit Beiträgen sich betheiligt. Die Repräsentanz der Cultusgemeinde Prag, den mährisch-jüdischen LauLesmaffasouds, Brody ünv Lemberg finden wir unter den Betheiligten, nur nicht die Cultusgemeinde von Budapest. Der Vorstand dieses Vereines, der aus den Männern: Jacques Brandeis, Dr. Jos. Breuer, I. R. v. Jakobi, Eduard Mannheimer, Dr. Meyer, K. Sachsel, Gustav Simon, Wilhelm Wertheim, Donat Zisserer besteht, denen die Revisoren Sigmund Landauer und Joses Ritter v. Wertheimer zur Seite sind, können mit einem wahrhaft schönen und erhebenden Bewußtsein auf ihr edles Wirken Hinweisen. 3719 Knaben standen unter ihrer Obhut und 1680 davon find Meister ihres Handwerks geworden. Marmaros-Sziget. All der Grenze des Marmaroser Comitats, nahe zur Bukowina, liegt ein Dorf, namens Borsa, das von Rumänen und Inden bewohnt wird. Am 23. October 1881 war das Dorf der Schauplatz eines gräßlichen Verbrechens. Gegen 7 Uhr Abends, als noch das ganze Dorf wach war, wurde der Friedensrichter Johann Hosda in der lebhaftesten Gaffe ermordet ausgesunden. Nach dem alle Effecten, die Uhr, die Geldtasche und der Ring, bei der Leiche vor- Händen waren, mußte die Untersuchung, die sofort eingeleitet wurde, annehmen, dass Hosda einem Racheact zum Opfer fiel. Hosda hielt nämlich an Sonntagen den Rumänen Vorlesungen aus Jstoczy's Flugschriften und hetzte das Volk fortwährend gegen die Juden. Die' Inden hassten ihn deshalb und es tauchte der Verdacht aus, dass ihm ein Jude oder mehrere ermordeten. Es war am Sonntag, und das Volk versammelte sich rasch aus der Stätte des Verbrechens und' forderte von der Vorstehung, dass sie bei einigen Juden, die im Rufe gewaltthätiger Leute standen, Hausdurchsuchungen vornehme. An der Spitze eines größeren Volkshaufens willfahrte auch die Vorstehung diesem Wunsche, fand aber nirgends ein corpus delicti. Ein Jude, Smil Lax, dessen Hemdärmel ein wenig blutig war, und ein anderer,- weil er sehr erschrocken aussah, wurden als muthmaßliche Thäter in Verdacht gezogen und auch nach einigen Tagen verhaftet. Die Unter« suchung hatte zur Folge, dass drei Rumänen unter Eid äussagten,- sie wären zufällig des Weges gegangen, als Smil Lax und Nafialy׳ Mcndelovics die blutige That vollbrachten: sie erkannten die ״Thäter, getrauten sich aber nicht, die That zu verhindern, weit sie für Ihr eigenes Leben besorgt sein mußten.-Eine ganze Reihe jüdischer Zeugen wies hingegen das Alibi der Angeklagten nach und der M. Szigeter Gerichtshof sprach die Angeklagten frei und ließ sie sofort auf freien Fuß setzen. -Die kön. Tafel bestätigte dieses Urtheil. Die köu. Curie hingegen sprach Smil Lax und Naftaly Mendelovics schuldig des vorsätzlichen Todtschlages und verurtheiltesie zu je zwölf Jahren Zuchthaus. Mendelovics flüchtete'vor der Strafe, Lax trat hingegen im Januar 1883 seine Strafe an. Doch reichte er eine Novisirungsklage bei Gericht ein, in der er hervorhob, dass die Velastungszeugen falsch aussagten, was er nicht nur durch Zeugen, sondern auch im Wege einer Ortsaufvahme nachznweisen fähig sei, denn es werde zweifellos festgestellt werden, dass die Zeugen von jener Stelle, vonder sie angeblich die Ermordung Hosda'S mit angesehen, -nichts sehen und absolut nichts erkennen konnten. Im Läuse des novisirten Proceffes׳ zog der eine Zeuge seine belastende Aussage zurück und gab an, er habe wohl die Mordthat gesehen, aber von den Thätern Niemand erkannt, und blos deshalb die Angeklagten als solche benannt, wei l ihn der Gemcinderichter und der Polizeieommiffär dazu zwangen. Die übrigen zwei Zeugen blieben zwar auch beim neueren Verhör bei ihrer ersten Behauptung, aber es meldeten sich andere Zeugen, welche behaupteten, dass die beiden Zeugen das Unwahre ihrer Aussage vor' ihnen anerkannten. Am 28 Januar v. I. wurde in Bossa die örtliche Aufnahme abgehalten. Der Untersuchungsrichter stellte die Belastungszeugen an jenem Orte ans, wo dem aus sie den Mord mit angesehen zu haben angaben. Der Richter begab sich dann mit mehreren bekannten Personen ans die Stelle, wo der Mord geschah und forderte dann die Zeugen aus. die neben ihm stehenden Personen zu benennen und' die Stelle zu bezeichnen, die dieselben eiunahinen. Das Ergebnis war ein überraschendes, denn die Belastungszeugen waren nicht im Stande, irgend Jemanden zu erkennen und der Untersuchungsrichter constatirte, dass er selbst den uniformirten Gendarmen in der anderen Gruppe von den Bauern nicht zu unterscheiden vermochte. In Folge dieser wesentlichen Veränderung des Thatbeftandes gab der Gerichtshof der Novisirnngeklage Folge und ordnete eine neue Schlußverhandluug an. Dr. Friedmann, der Vertheidiger von Tißa-Eßlar, hat auch in diesem Proceffe die Vertheidigung übernommen und ist bereits nach Marinaros׳ Sziget abgereist. (Neuzeit.) London. (Die Mortara-Augelegenheit.) Ein Correspondent des׳ Blattes Christian Union“ berichte!, dass ihm die Mutter Monaras über das ihr von den Geistlichen seiner Zeit entrissene Kind Folgendes mittheille: Edgar Mortara, jetzt Don Pio genannt, wurde in Bologna am 27. August 1851 geboren. Siebzehn Monate alt erkrankte er gefährlich und der Arzt verorduete dem Kinde Blutegel zu setzen. Die Magd begab sich zu einem Droguiften, der ihr den Rath crtheilte, das Kind taufen zu lassen, um seine Seele zw retten, was sie auch befolgte. Die Entziehung einigen Blutes hatte