Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 9 (6.3.1885)
- Date
- 1885-03-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Jahren war. Sehr ermattet und angegriffen, suchte ick ein wenig zu ruben. Um 8 Uhr, Samstagabends, wurde ich von zwei Kirchenvorstehern zum Bankett in den großen Königsbausaal abgeholt. Dort angekommen, wurde ick in den lichtstrahlenden Saal geführt, unter den Klängen des Mendelssobn'schen Hochzcitsmarsches. Die Hunderte von Gästen, Männer und Frauen, hatten sick Alle von ibren Sitzen erhoben und nack kurzem -Willkommgruß und Fanfare der Musik, begann das Mahl. Nun kamen die Toaste. Zuerst auf den König, die übrigen alle aus den Jubilar. Prachtvolle Musik, Chorgesänge. Vorlesen einer großen Anzahl Telegramme und Briefe. So wurde es 2 Uhr, bis ick wieder zu Hause ankam und mein Lager aufsuchte. Die Adresse (ein kalligraphisches Kunstwerk) lautet: Hochverehrter Herr! Das Fest, das unsere Gemeinde heute begeht, indem sie den Mann feiert, der ihre Entwickelung aus bescheidenen Ansängen bis zu ihrer heutigen Größe nickt nur mit angesehen, sondern auch an ihrem Aufblühen und Gedeihen so verdienstlich mitgewirkt hat, führt auch uns, die aus der Mitte der Gemeinde gewählte Gratulatiousdeputalion, zu Ihnen. Unser Erscheinen soll zum Ausdruck bringen, dass die Gemeinde sich nicht damit degnügen wollte, wenn, wie dies zweifelsohne geschehen ist. Ihnen durch ihre officicllen Vertreter von Amtswegen zu Ihrem Jubeltage gratulirt wird, sondern dass sie mit Freuden den günstigen Anlaß wahrnahm, um Ihnen, hochgeehrter Herr Jubilar, darzuthun, was Sie der Gemeinde gelten und wie innig das Band ist, das unlösbar Sie mit derselben verknüpft. Die Freude, als Dolmetscher der Gemeinde vor Ihnen erscheinen zu dürfen, wird uns schwer getrübt durch Ihren bereits zur Ausführung gebrachten Entschluß, Ihr Amt niederzulegen, denn die ausgezeichnete Art Ihrer Amtslhätigkeit macht es gewiß, dass dieses Amt ohne Sie, auch neu besetzt, für uns Doch wie verwaist erscheinen wird. Unsere Verehrung für Sie zwingt uns jedoch, unseren Schmerz zu unterdrücken und lässt uns unseren Verlust leichter tragen durch die Erfüllung unserer Pflicht, Ihnen nach des Tages Mühen und Lasten die wohlverdiente Ruhe des Abends mit dem von Dankbarkeit und Anerkennung gewundenen Ehren- .kranz zu verschönern. Als solchen mögen Sie, hochverehrter Herr Eichberg, Alles das, was wir Ihnen heute bieten, anseheu uud überzeugt sein Dass dieser Kranz unsere Liebe und Verehrung nicht voll zum Ausdruck zu bringen vermag, und dass die Gemeinde Stuttgart, der Sie durch ein halbes Jahrhundert zur Zierde gereicht haben, .unbeirrt durch Ihren Nücktrill vom Anne nach wie vor in Ihnen den gottbegnadeten Interpreten weihevollen Synagogengesanges erblicken und verehren wird. Dass ihr das nock viele Jahre beschieden sein möge, ist der Wunsch, der alle Gemeindeangehörigen am heutigen Tage erfüllt und dem vor Ihnen hier Ausdruck zu geben wir beauftragt sind. Die GraiulalionS-Deputation der Kirche n ge mein de Stuttgart. Die Juden Polens und Athauens. Von Gustav I a q n e t. *) (Schluß.) Mit gleicher Stabilität^/wie an seiner Kleider- und Bartiracht, hängt der polnische Jude an den von den Vätern über- Lomntenen religiösen Anschauungen und Gebräuchen. Mit diesen letzteren hält er durchaus nickt hinter dem Berge, sondern zeig sie sogar mit einem gewissen Selbftbewußtsein, unbekümmert darum, ob ibre Seltsamkeit den Spott der Cbristen bervorruft oder nicht. Namentlich gilt dies von der öffentlichen Feier des Laubbüttenrestes. Seltsam genug sehen dann in den polnischen Städten und Städtchen jene Gassen aus, welche vorwiegend oder ausschließlich von Juden bewohnt sind. In ihnen werden dann vor den Häusern, welche Israeliten gehören, hölzerne Vorbauten, oben offen, errichtet, statt des Daches aber Baumstämme mit lebendigem Laub über ihnen aufgetbürmt. Aeußerlich sehen die Anbauten schmucklos genug aus, im Innern aber sind sie mit seidenen, damastenen oder mindestens doch schlicht leinenen Decken behängt. Schnüre, auf denen zahlreich Roßkastanien aufgezogen sind, schmücken die Wandtanten, und Laubgewinde (seltener Blumenguirlanden) ziehen sich bis .zur Mitte der Decke hin. Hier nnn hängt ein großer, im Innern ausgenommener Kürbis, in dessen Fleisch kurze. Inschriften geschnitten sind. Ein Licht, welches im Innern der Frucht brennt, lässt die Buchstaben transparent erscheinen. Inmitten dieser ,Hütte* steht der mit weißem Linnen gedeckte Festmahlstisch, und auf ihm ein paar silberne (oder mindestens blank gescheuerte messingene) Leuchter. Ist das Mahl — sei cs nun reichlich oder kärglich — gehalten, d nn stimmt der polnische Jude mit halblauter Stimme jene ihm eigenthümlichen Synagogengesänge an. In dem gesummten Liede ruht seine von Druck und Qual ermüdete Seele aus. Hier im Verkehr mit seinem Gotte ist er kein Paria, keines Menschen Knecht, kein Ausgestoßener mehr; hier fühlt er sich als Mensch, fühlt sich so gut wie alle anderen, ja besser noch: ist sein Volk doch das ,auserwählte* Jebovahs! Gleich der Feier des Laubhüttenfestes, tritt auch diejenige des ihm unmittelbar folgenden Festes der Thora׳ oder Gesetzesfreude aus. den Räumen des Tempels in die Oeffentlichkeit hinaus. Ist im Allgemeinen der Charakter der jüdischen Kirchenfeste in. Polen, conform der im ganzen doch noch sehr gedrückten Lage der unter russischem Scepter lebenden Israeliten, ein düsterer und melancholische^, so macht doch das Thorafest davon eine wohlthuende Ausnahme: an ihm waltet die Freude. Frauen umkränzen die Gesetzesrolle im Lehrhause mit Blumengewinden; Matronen werfen den Knaben und Mädchen Näschereien zu. Wo die Gemeinde nicht zu groß, versammeln die Männer sich zum gemeinschaftlichen Festmahle, dessen Kosten die Wohlhabenderen bestreiten und bei welchem der Becher kreist und fröhliche Lieder erschallen. Der Rabbiner nimmt die Thora in die Hand, das ganze Häuflein der Gläubigen ordnet sich zum Zuge. Ueber den ,Meister* wird von zu diesem Ehrendienste eigens erwählten jungen Leuten ein Baldachin getragen, vor und neben welchem die ältesten der Gemeinde schreiten. So geht es über die Gasse. Wohl spotten und höhnen die Buben hinterher, treiben auch wohl Schweine, die dem frommen polnischen Juden ein Gräuel sind, in den Zug oder werfen wohl gar einen Stein hinein; doch vermag dies nicht, die Freude nachhaltig zu stören. Und Freude, wirkliche, ungeheuchelte Freude herrscht an diesem Festestage, glänzt auf allen Gesichtern! Ernste Männer und welke Greise werden zu Kindern und springen vor ihrem Kleinod einher, dass ihnen die Barle wackeln und die langen Röcke im Winde flattern. Weit geöffnet aber sind die Pforten der Synagoge, in deren von Lichtern strahlendem Nanme alsbald die ganze Gemeinde zu frohem Dankgottesdienste sich versammelt. Mit großer Innigkeit hängt der polnische Jude an seinem Glauben, mir nicht geringerer an seiner Familie, zumal die Eltern an den Kindern. Für diese unterzieht er sich willig den größten Entbehrungen und Beschwerden. Bei Gefahren, welche *) Entnommen der Zeitschrift ״Aus allen Welttheilen".