Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 9 (6.3.1885)
- Date
- 1885-03-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Meusck, dieser Elchberg, Dir Flausen vormachen will von seinen schrecklich angegriffenen Nerven, von seiner mächtig erregten Psyche (das ist so sein Genre), von der Masse von Besuchen, die er empfangen und zurückgeben mußte, von dem Gleichniß mit dem Schiffe, das mit Ketten und Tauen im Binnenhafen verankert, jahrelang festgelezen, endlich seinen Platz verlassen soll und es lange braucht, aus dem Hasen herauszukommen rc., so nimm das ja nicht so buchstäblich. Alles, oder doch ein großer Tbeil davon: -׳Flunkerei! Das Lange und Kurze du der Sache ist: Ich kann das Lob nicht ertragen. Ich wurde von dem mir so ungewohnten Schaumwein der Lobeserhebungen, die mau mir allseitig entgezenbrachte, dergestalt berauscht, dass ich lange brauchte, bis ich wieder nüchtern wurde. Das Fest hatte so großartige Dimensionen angenommen, dass es all mein Erwarten und Vorausahnen bei weitem übertraf. Am Freitag den 12. December Mittags 11 Uhr kam das Kirchenvorsteheramt in corpore in zwei Equipagen vor meiner Wohnung angefahren. Schon Tags zuvor davon in Kenntnis gesetzt, empfing ich die 7 Herren und den Herrn Kirchenrath. Rabbiner Dr. von Wassermann. Die Herren waren Alle in Gala; der Kirchenrath mit seinen beiden Orden geschmückt. Ich ging ibneu bis an die Treppe entgegen, Herr Kirchenrath war der Sprecher. Er sprach von der allgemeinen festlichen Stimmung, von meinen großen Verdiensten, die ich in der laugen Reihe "von Jahren mir erworben rc. rc. i\t seien nun gekommen, um mir herzlich zu gr atuliren und bedauerten, dass das Fest nur dadurch getrübt werde: dass ich meine Entlassung genommen habe. Dann sprach er seine Freude darüber aus, dass ihm von allerhöchster Stelle der ehrenvolle Auftrag geworden sei, mir von S. M. dem Könige zu der goldenen Civilverdienstmedaille, die ich schon 1874 erhalten, heute die goldene Medaille für Kunst und Wißenschüft, überreichen zu dürfen. Zugleich übergab er mir noch eine gedruckte .Urkunde, im Namen des Königs, über die Berechtigung zur Letztgenannten/-Ich antwortete in langer, tiefgefühlt er Rede, sprach von Jenem, dessen Namen ich trage, wie er sagt: בן מאה ועשרים שנה אני היום לא־אובל עוד לצאת ולבא. Auch ich habe heute 120 Halbjabre des Dienstes hinter mir und kann nickt mebr so reckt vor dem Volke ber, aus- und eingeben. Wenn auch mein Herz mit Jakob ansrufr:קטונתי מכל ההםדים ובו׳ so fühle ich schmerzlick, dass ich verlassen muß die beilige Stätte, die ich so sehr liebte und die ich stets mit inniger Seeleufreude betreten halte; dass ich entbehren muß den für mich so belehrenden als hochehrenden dienstlichen Verkehr mit dem hochgeehrten Kirchenvorsteheramtc (Du weißt, dass bei uns der Vorsänger Mitglied des Kirchenvorsteberamtes und Schriftführer mit Stimmberechtigung ist), dass mir diese Stunde eine unvergeßliche, ein Lichtstrahl in dem Dunkel meines hohen Alters sein und bleiben wird. Tiefgerübrt verließen mich die Herren, nachdem sie mir noch ankündigten, dass ich morgen Früh von zwei Kirchenvorstehern in's Schullocal abgeholt uud von hier aus feierlich in die Synagoge geleitet werde. Nun begannen die Besuche und die Geschenke. Bald war meine Wohnung ein blühender Garten (ich bin ein großer Pflanzenfreund). Abends 4 Uhr ging ich in die Synagoge, die bereits voll war, sang mit solcher Stimme, dass die Leute davon höchlich ergriffen waren. Einige Freunde geleiteten mich nach Hause. Da überraschte mich an meiner Glasthür? ein prächtiges Transparent: .Hoch dem Jubilar' und Pflanzendecoration. Ich hatte keine Ahnung davon. Meine Zimmer betretend, waren alle beleuchtet, meine Hausfreunde mit ihren Frauen empfingen mich mit Jubel, ein junges Mädchen spielte die Jubelouverture und ich war tief gerührt. Meine Kinder in Amerika hatten prachtvolle Briefe, Bilder und Geschenke geschickt, die alle erst heute, wie einem Kinde am Weihnachtsabend, überreicht werden sollten. Während wir noch Alle im Glück beisammen waren, kamen zwei Kirchenvorsteher und der Eine trug mich: ,Sie hören vielleicht gerne ein bischen Musik, ja?" Ehe ich noch wusste, was er meine, öffnete er ein Fenster, schlug in die Hände, und rauschende Militärmusik erschallte vor meiner Wobuung. 'Am Sabbathmorgen um 8 Ubr brachte mir der Synagogenchor, verüärkt durch ein Doppelquarlett vom Hostheater, ein prächtiges Ständchen. Als ich mich nach Beendigung des Chorals, ״Nun danket Alle Gott' am Fenster zeigte brachten die Sänger mir ein dreifaches Hoch. Vom Schnlzimmer aus wurde ick, von den beiden Geistlichen in die Mitte gWLUNnen. hinter uns das Kirchenvorsteheramt, durch die Hanplthüre in die Synagoge geführt. Die Synagoge war dccorirt und überfüllt. Alles hatte sich erhoben, die Orgel präludirte leise, mau führte mich auf die Estrade, alle Gaslampen brannten. Alles blieb nach Vorschrift stehen. Nun erscholl der Festgruß ברון׳ הבא und eine vor 50 Jahren für die Synagoge componirte Hymne. Erst nach dieser gingen die Geistlichen und Kircheuvorsteher an ihre Plätze und ich begann, der Gemeinde zugewandt, den Halevischen üallel. (Schacharith war schon vorher gebetet worden.) Nachdem ich zur Thora gerufen worden war, sprach der Rabbiner den gewöhnlichen מי שברן׳, aber nachher noch einen besonderen für mich und der Chor sang das Amen. Die Predigt hatte auch mich zum Gegenstand. Ick hatte das Neumondgebet so innig vorgetragen, dass viele Personen weinten. Beim Gottesdienst waren auch anwesend: Der Director des kön. Caltnsministeriums, der Präsident der Oberkirckenbehörde, die Mitglieder der O. K. Be- Hörde, der berühmte Vorstand des Eonservaloriums, Professor Dr. Zaißt und Andere. ־;: Nach dem Gottesdienste Fortsetzung von Besuchen und Geschenken. Für 3 Uhr Nachmittags waren mir Deputationen angesagt: Zuerst eine Gemeindedepulation von 20 Personen, deren Sprecher mir eine prachtvolle Adresse (Sammtdecke mit Verzieruug, oben eine silberne Lyra, weiter unten mein Monogramm mit goldenem Lorbeerkranze umgeben) überreichten. Den Inhalt am Schlüsse des Briefes. Ich beantwortete und dankreinlängerer Rede. Dann ersckienen Delegirte des Lehrer- und Vorsängerstandes im Lande. Ich antwortete in längerer Rede. Dann kam eine Deputation (auch aus der Gemeinde), die mir im Namen meiner Freunde und Gönner ein bedeutendes Geschenk an Staatspapieren nebst einer jährlich zu beziehenden Rente von ca. 1300 M. überbrachten (natürlich außer meiner Pension.) Ich antwortete ihnen ungefähr Folgendes: ,Ich habe heute die Worte in der Thora vorgelesen. Und es geschah an dem Tage, wo Moses fertig war, die Wohnung Gottes aufznrichtcn, da kamen die Fürsten Israels, Diejenigen, die den Gemusterten vorstanden, und brachten Opfer. Als ich beute die ersten Worte las, da fiel es mir schwer auf dem Herzen. Bin doch auch ick (Mose) heute zu Ende gekommen mit meiner Thätigkeit im Goiteshanse. Da kamen die Nasiim, die Fürsten. Fürst bat im Hebräischen noch einen anderen Ausdruck: Nadiv. Es ist wohl keiner ein rechter hlasi, den sein Herz nicht antreibt, zugleich ein נדיב, ein נדיב־לב, ein Hochherziger zu sein. Da kamen sie nun, die Fürsten unserer Gemeinde und legten reiche Spenden vor mich nieder und ich kann nur ihnen danken יהי רצוץ שתהא שכינה שרויה במעשה ידיבם. Möchte das Wohlgefallen und der Segen Gottes auf Euch ruhen'. Dann kam eine Deputation des Synagogenchors und eine des Orchestervereines, dessen actives Mitglied ich eine Reihe von m₪mm in*™"*****™«**