Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 9 (6.3.1885)
- Date
- 1885-03-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 - Aber Beethoven wuchs immer weiter und höher über diese-hinj aus; ja, er trat zuletzt in schärfsten geistigt^i Gegensatz zu ihr. Mehr und mehr schien sich der Mensch und Künstler in der Sladi, mit deren leichtlebige:, sorglos dem Genüsse des Äugenblicks .hingegebener Bevölkerung er auck gar nichts innerlich gemein gehabt, ans sich und die in der Jugend empfangenen Eindrücke zu besinnen. Je tanger cr in der zweiten Heimat weilte und schuf, um so weniger sehen wir ihn vom genius loci beeinflusst. Nichts ist vielleicht merkwürdiger in der Geschichte der modernen Musik als die Thatsache, dass die zwei Meister, die den Anfang und den Schluß der klassischen Periode bezeichnen, über die anderen, hinweg sich die Hände reichen. Die letzten Beelhoven'swcn Schöpfungen sind gänzlich durchtränkt vom Geiste Bach'S, an dessen wohltemperirtem Elavi.er die Finger des Knaben sich geschult. Jahrzehnte hindurch sollten die damals in die Seele gesenkten Keime auf deren tiefstem Grunde still und verborgen ruhen, aber sie brachen doch endlich siegreich hervor und entfalteten sich zu einer Fülle der erhabensten, erdenentrücktesten Gebilde. Die von Bach durch dessen zweiten Sohn Philipp Cmanuel zu. den Häuptern der Wiener Schule gerades׳ Wegs hiuübersührende Entwickelung hatte sich hiermit ihrem Ausgangspunkte wieder zugewandt. Verdankt unsere Instrumentalmusik der norddeutschen Orgelknnst ihren Ursprung, den öfterreichlichen Meistern die weichen, biegsamen Formen, den warmen Empsiiidnngsgebalt, den blühenden Wohllaut, so rief ihr der Nachrolger Haydns und Mozarts die weltfremde Herkunft in die Ennnerung zurück. Drei verschiedene Perioden lassen sich im Schaffen Beethoven'6 unterscheiden. Dass dieselben auf's mannigfaltigste inein' ander greifen, einzelne Werke bald ihrer unmittelbaren Umgebung vorangeeilt, bald hinter ihr zurückgeblieben sind, darf uns nicht irre machen; denn wer könnte von irgend welcher künstlerischen Production, so folgerichtig sie auch in ihrer Weise verlaufen mag, die unverbrüchliche Logik eines philosophischen Systems oder einer mathematischen Schlußkette erwarten. In die erste Periode gehören neben zahlreichen Sonaten die Symphonien in C-dur und O-dur, die sechs Quartette op. 18, die Trios op. 1 und op. 11, das Quintett für Clavier- und Blasinstrumente op. 16, das Sextett op. 20, das Streichquintett op. 29. Die Gestaltung ist hier überall mehr melodisch als, thematisch, Harmonie und Rhythmus fließen gleichmäßiger, die Leidenschaft, zwar in mächtigen Schlägen bereits vielfach hervorbrechend, gibt sich doch weit leichter zur Ruhe, taucht bald wieder unter in der spielseligen Eintracht der Töne, dem Urelement aller Musik. Weit verbreitet ist heutzutage die altkluge, blasirte Geringschätzung der duftigen Blüthen, die uns in Hülle und Fülle der Frühling dieses Künstlerlebens gespendet. Gleich dem Inhalt des Ideals sind auch seine Erscheinungsformen unerschöpflich. Weil es Raum hat für das Erhabendste, Gewaltigste, für die über sich hinausweisende charakteristijche Bedeutsamkeit, sollen wir darum das Naive, Liebliche, Anmulhige, die harmonisch in sich befriedigte Schönheit veracht n? Nicht blos der gestirnte Himmel, die hehre Pracht des Hochgebirges, das sturmbewegte Meer, auch der stille, mit Wasserrosen bedeckte, im Mondlicht träumende See, blumendurchwirkte Wiesen, krystallklare Quellen offenbaren uns die Herrlichkeit der Natur, und die Kunst macht es nicht anders. Der Componist der großen Messe und neunten Symphonie pflegte heftig aufzubrausen, wenn man seine Jugendwerke lobte. Blos Worte des Spottes harte er für das köstliche Septett. Was jedoch ihm, dem Schaffenden, der nur vorwärts blickte, wohl anstand, wäre in unserem Munde ungerecht und boruirt. So gewaltige Stürme, so schwere Wetterwolken, wie in den späteren Schöpfungen, gibt cs gewiß noch nicht in denen der ersten Periode. Statt des Jupiter tonans finden wir einen Apollo; aber erst beide zusammeugenommen machen den ganzen, großen, unermeßlich reichen Beethoven ans. dessen Herz auch einmal jung gewesen und in einer Flmh des Wohllauts sein Glauben, Lieben, Hoffen gekündet. Gegenwärtig ist die Reflexion die zehnte oder vielleicht gar die erste Muse, unser gesammtes musikalisches Dichten und Trachten steht unter ihrem Einfluß, denn kein Arbeiter im Reiche des Schönen kann eigenmächtig den Platz verändern, auf den ihn die geschichtliche Entwickelung seiner Kunst gewiesen. Etwas unendlich Erfrischendes hat aber darum die stets erneuerte Berührung mit jenen heiteren, vom unangetasteten Zauber lächelnder Unschuld umflossenen Gebilden aus dem sonnigen Lenz der Instrumentalmusik, wo gleichsam an jedem Ton eine Thauperle hängt. Die zweite Periode reicht etwa bis zum Jahre 1815. Ihren Stempel!ragen u. a. die meisten Claviersonaten von op. 26 bis op. 90 — dass in ihnen Beethoven'» eigenste Natur sich uns am-frühesten offenbart, sindet seine Erklärung in dem der Subj-.cttvttal freiesten Spielraum gestattenden Wesen des Jnstrumeutes — die Violinsvnaten op. 47 und op. 96, die Cellosonate op. 69, dis drei Trios op. 70 und 97, die fünf Streichquartette op. 59, op. 74 und op. 95, das letzte bereits in dw dritte Periode hinüberweisend, die Symphonien drei bis acht, die Clavierconcerte in O-äur und in Ls-dur, das Violinconcert, die CoriolaN'Ouverture, die Egmontmusik. An die Stelle jugendlicher Anmuth ist nun strotzende Kraft und Fülle getreten. Alles er׳ scheint gesteigert: die Bedeutsamkeit der Motive, die Kühnheit der Modulation, die Macht des Rhythmus. Zu reichster Entfaltung sind die beiden vornehmsten, einander ablösenden und ergänzenden Charakterzüge des Meisters gelangt: das Pathos und der Humor. Mit jener Gemeingültigkeit, die Goethe als das Symbolische bezeichnet und von jedem echten Kunstwerk ge׳ fordert, verbindet der Stimmungsgehalr höchste Wärme des Ausdrucks. Man hat überall die Empsindung, dass gleich einer Beichte die Töne vom Herzen sich gelöst. Jedes einzelne Gebilde wirkt auf uns mit der siegreiche» Gewalt und Wahrhaftigkeit eines inneren Erlebnißes. (Schluß folgt.) Ein öOMriges Cantorjnliitüum. Schon vor längerer Zeit hat Herr Cantor M. Eichberg in Stuttgart sein sechzigjähriges Jubiläum gefeiert, wobei ihm zahlreiche Ovationen und Auszeichnungen zu Theil wurden. Dieser Thatsache haben wir seinerzeit in unserem Blatte Erwähnung gethan, ohne Ausführliches darüber veröffentlichen zu können, da ein Original-Bericht weder uns noch einem anderen Blatte zukam. Um so willkommener wird es gewiss unseren Lesern sein, einen ausführlichen Bericht über dieses seltene Fest zu erhalten, einen Bericht, der noch dazu den Vorzug der vollsten Autentizität hat. Wir sind nämlich in der angenehmen Lage, ein Schreiben, welches der Jubilar au seinen Freund, Herrn Obercantor Josef Singer in Wien, richtete und in welchem er den Verlauf seines Jubiläums schilderte, in Nachfolgendem zu veröffentlichen: Mein guter, lieber Freund l Wenn Du diesen Brief uneröffnet zurückschicken würdest, hätte ich nicht das mindeste Recht, Dir böse zu sein. Am 10. December erhielt ich dein Güte und Liebe athmendes Schreiben, und heute den 23. Februar erst bringe ich mich dazu, Dir zu antworten.? מה אומת מה אדבר ומד. אצטדק Wenn dieser