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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-03-06 · Heft 9 (6.3.1885) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 9 (6.3.1885)
Date
1885-03-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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— 2 — musikalischer Accentzcichen, welche Rabbi Calonymus in einem wohl erhaltenen Buche beschreibt. Dieselben steigen bald in die Höhe, bald fallen sie in die Tiefe, bald bewegen sie sich allenthalben in gleichem Tone fort. Um mich nicht länger bei der Erklärung dieser Accentzeichen aufhalten zu müssen, will ich dieselben nachfolgend in Noten setzen, und zwar nach der Leseart, wie sie in den Synagogen der Aschkenasim üblich ist *). Ueber die Art und Weise der Accentzeichen bei den Juden Spaniens, Frankreichs und des Orientes kann ich nichts Näheres berichten. Die Accente sind jedoch den Cantoren nicht nur musikalische Notenzeichen für den Gesang, sondern sie dienen ihnen auch als Behelfe für die schöne und richtige Vortrags, weise, indem sie angebe», wo man im Lesen anhalten müsse, wo der Vers sich theile, wo ein Komma oder Kolon zu setzen ist, wo der Vers schließt oder anfängt. Sie bezeichnen auch, was langsamer oder schneller, was erregter oder gemäßigter vorzutragen ist. *) Die Accentzcichen נגינות sind säst ganz in derselben Weise wiedergegeben, wie wir sie noch heute gebrauchen. Bemerkenswerth ist jedoch die Thatsache, daß der Autor im Notenschema Tonschlüsiel, Taktzeichen rc. rechts seht und die Noten, gemäß der hebräischen Sprache, von rechts nach links schreibt, wodurch es ernwglicht wird, den Text in hebräischer Schrift zu setzen, ohne die Geläufigkeit beim Ablesen zu hindern. Die Red. Congrns. Alles hat seine Zeit und jede Frage findet früher oder später ihre Lösung, nur müssen die Betheiligten allezeit auf treuer,Wacht stehen, um im gegebenen Augenblicke für ihre Interessen einzustehen und ihre Rechte geltend zu machen. Für die Lösung der Cantorenfrage scheint eine günstige Brise im Anzuge, und wenn ein einiges, zielbewußtes Vorgehen einen Erfolg erreichen muß, so bietet sich in unserer Zeit des Werdens die beste Gelegenheit hiezu. Wie bekannt, steht in den jüngsten Tagen die Regelung der Congrua*) auf der politischen Tagesordnung. Wenn nun diese Frage auch nur entfernt mit unseren Interessen im Zusammcnhange steht, so bietet sie doch Anhaltspunkte genug, die Stellung der jüdischen Cultusbearnten mit ihr in Verbindung zu bringen und, wie daS Resultat auch ausfalle, schlechter kann es nicht mehr werden, wir können nur gewinnen. Die Cantoren allein sind es übrigens nicht die im günstigen Falle Nutzen ziehen können, es sind vielmehr die Rabbinen, wenn sie Hand in Hand mit uns gehen wollen, sie können' die Frucht zur Reife bringen, und hier bietet sich ihnen die schönste Gelegenheit den. Beweis zu erbringen, dass Rabbiner und Cantor mit einander gehen können und dass es nicht wahr ist, was so Viele be- Haupte«, dass sie nicht einmal neben einander gehen können. Großes kann erreicht werden, wenn beide Factoren, einig in dem gleichen Streben, ihre Kraft einsetzen zur Förderung eines gemeinschafllichen Interesses. Oder ist die Sellung eines Rabbiners vielleicht eine glänzendere als die des Cantors? Gibt es iw Rabbinerkreisen weniger Elend als 'unter Cantoren? Der Cantor singt noch seine Sorgen weg, der Rabbiner kann sie nicht einmal weg ״ jagen׳ Der niedere Clerus unter den Rabbinern und Cantoren auf dem Lande führt sein Leben lang einen Kampf um's Da- '*) Das Congruagesetz, welches vor kurzer Zeit im Parlamente zur Ver- Handlung kam/ hat den Zweck, die traurige Lage der niederen katholischen i Geistlichkeit zu verbeffern. Die Redaction. 1 sein, von dem sich die Herren in den großen Städten sehr wenig träumen lassen. Noth und Elend sind dort die ständigen Gäste, und wenn unter den Cantoren wenigstens in neuester Zeit Männer auferstanden sind, um mit warmfühlendem Herzen das traurige Los ihrer Standesgenossen zu verbess.-rii, so hat sich bis heute "unter den Rabbinern noch keiner gesunden, der für seinen Stand helfend eingetreten wäre. Nun bietet sich Gelegenheit, Gutes zu schaffen, für den Rabbiner wie für den Cantor. Wohlan, Ihr Vertreter beider Stände, benützet diese augenblickliche Strömung, sie führt uns alle in einen sichern Hafen. Tbeilt Euch in der Arbeit, trete! hin vor die Legislative, schildert wabrheitgemäß die Lage, jetzt oder nie, und es wird gelingen. .Nicht Worte, Thaten werden Euch preisen, denn Ihr werdet vollbringen, was nur Wenigen im Leben vergönnt ist, Ihr werdet Menschen glücklich machen. Laßt Euch nicht abhalten durch billige Schlagworte, das Gute ist immer an der Zeit, man muß nur den Mnth Haben dafür einzustehen. Heute will der Staat etwas thun und der Forderung der Humanität kann es unmöglich entsprechen, wenn der Staat einseitig f 1tr die materiellen Bedürsniße eines! einzigen Cultns vorsorgt, er müßte es, entweder allen Culten überlassen, die Bestreitung ihrer Bedürsniße ans eigenen Mitteln aufzubringen, oder er müßte die Bedürsniße aller Cnlte aus seinen eigenen Mitteln decken und sicherstellen. Darum an's Werk wenn Ihr es ehrlich meint, wenn nicht, nicht! Wien, 4. März 1885. Adolf Notter. Beethovens Symphonien. Non Otto Gumprecht *). III. Das Wesen der Instrumentalmusik war als ein ewiges Werden zu bezeichnen, und wie sie selbst, so gewährt auch das Tagewerk ihres obersten Meisters tan• Eindruck rastlosen Fortschrittes. Kein echter Künstler bleibt unwandelbar derselbe. Nicht nur, dass sich in der Seele des Jünglings Welt und Leben anders spiegeln als in der des Mannes, das wirklich schöpferische Vermögen lässt auch nie ab, von sich selbst zu lernen, aus den vollbrachten Thaten Kraft und Anregung zu noch höherem Fluge zu gewinnen. Das erreichte Ziel wird ihm ein-neuer-•Ausgangs- Punkt, aus jeder gebrochenen Frucht schießen frische Triebe empor. In unserer Kunst begegnet man aber einer Entwickelung, wie der Beethovens, nicht zum. zweitenmal. Wären wir nicht in der Lage, ihren Verlauf au der Hand seiner Werke Schritt für Schritt zu verfolgen, der innere Zusammenhang zwischen Anfang und Ende würde sich uns gänzlich, entziehen. Welche himmelweite Kluft trennt die F-mo!I-Sonate op. 2 von der in C-moll, op. 111, das F־dur־öuartett op. 18 von dem anderen, op. 135, die erste Symphonie von der nennten! Zunächst völliges Aufgehen in Haydn und Mozart. Nachdem der junge Bonner Musikus sich an ihren Arbeiten gebildet, sie gründlich studirt, bei deren Aufführungen mitgewirkt, zog es ihn unwiderstehlich nach der Stätte, die durch jene beiden Mittelpunkt des gesummten Tonlebens geworden. Obwohl schon in manche seiner Frühwerke eigenes Empfinden sinnfällig hineinklingt, weshalb auch Vater Haydn zu den drei Trios op. 1 gar bedenklich den Kopf - geschüttelt, standen sie doch durchaus aus dem Boden der Wiener Schule. *) Aus den ״Westermaun'schen Monatsheften". Siehe Nummer 7 der österr.-ungar. Cantoren-Zeitung, Jahrgang 1885.

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