Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 8 (26.2.1885)
- Date
- 1885-02-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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:6in ich oft so bewegt worden, dass ich glaubte, cs lohnte nicht ZU leben, wenn ich so bliebe, wie ich wäre." (Fortsetzung folgt.) Me Inden Polens und Lithauens. Von G u st a v I a q u e t. *) II. Die mit dem Jahre 1260 anhebende und unter der Ne- Gierung des edlen Königs Kasimir III., welcher sich den ehrenden Beinamen des ,Bauern- und Judenkönig' erwarb (er herrschte non 1333 bis 1370) ihren Höhepunkt erreichende, bessere Zeit ׳für sie aber veranlasste zahlreiche Juden ans anderen europäischen Ländern, in denen allen sie mehr oder minder gedrückt wurden, .nach Polen auszuwandern. Ganz besonders geschah dies von Deutschland ans, wo sie am zahlreichsten, während des ganzen vierzehnten Jahrhunderts aber auch am meisten gedruckt waren. Zu Tausenden fluchteten damals die unglücklichen Israeliten, die man in Deutschland wie wilde Thiere betzw und zu Hun- -derien verbrannte, nach dem duldsameren Nachbarland. Doch .auch aus anderen Staaten (aus England, Frankreich, der Schweiz, Ungarn und Rußland) kamen sie und füllten Polen an. Von hier aus verbreiteten sie sich dann gleich zahlreich nach Lithauen, als dieses (1386) mit Polen unter einem Herrscher vereinigt worden war. Daraus erklärt sich denn die ganz ungewöhnliche -Menge der Israeliten in beiden Ländern. Hätte diese Toleranz Bestand gehabt, so wäre die Lage aind der Charakter der polnischen Inden heute eine ganz andere, .als sie es thatsächlich ist. Mit der Zunahme der Macht und des .Trotzes des Adels gegenüber dev in immer größere Schwäche verfallenden Königsmacht verschlechterte sich, gleich der Lage der .christlichen Bauern, auch die der Israeliten im Sarmatenreiche immer mehr. Schon vorher von einzelnen Feudalherren gedrückt .und ausgesogen, vermehrten Druck und Aussaugung sich immer mehr, je weniger die Hand des Königs sie zu beschützen die Kraft besaß. Als dann 1573 die tolerante Dynastie der Jagellonen -ausgestorben war und bald darauf auch die Jesuiten in Polen und Lithauen Eingang fanden, wurden durch sie gleichmäßig die Herrscher und das gemeine Volk (welches letztere ihnen schon vorher an vielen Orten nicht sonderlich geneigt gewesen war) gegen sie eingenommen, respcctive aufgchetzt. So fanden die .Israeliten der Weichselländer denn bei der Negierung nicht mehr die frühere, gegen Druck sie thunlichst schützende Geneigtheit und sahen von der großen Masse sich vielfach angefeindet, ja mehr- .mals sogar (namentlich 1649 und 1654) blutig verfolgt. Vom Staatsleben und jedem Zugänge zu öffentlichen Aemtern ausgeschlossen, unter eigener Gerichtsbarkeit und zum Theil auch in eigenen ,Judenvierteln", als Handeltreibende, .Factoren und Branntweinschänker (doch auch als Handwerker und Landleute) meist in Armuth lebend — von ihnen vielfach feindlich gesinnten Leibeigenen und halben Barbaren umringt — gestalteten der Charakter, wie die Lebensweise und Weltanschauung der polnischen Israeliten sich in jener eigenartigen, uns Deutsche durchaus nicht entsprechenden Weise, und zwar um so mehr, als für ihre Emancipatiou auch die an die Stelle der nationalen -getretene russische Negierung nur äußerst wenig gethan hat. jedenfalls liegt die Schuld daran, daß er im Laufe der Zeit iem anderer geworden, weniger an dem sarmatischen Israeliten *) Entnommen der Zeitschrift ״Aus allen Welttheilen". selbst, als an den ihn umgebenden Verhältnißen, die ihn vielfach daran hinderten- Nur in wenigen Städten Polens und Lithauens wohnen die Juden noch in abgesonderten Vierteln, in den meisten inmitten ihrer christlichen Mitbürger, ohne jedoch mit diesen, seltene Ausnahmen abgerechnet, in einen näheren Verkehr zu treten. Die Judenhäuser haben fast ausnahmslos ein sehr bescheidenes, nicht selten ein verfallenes Aussehen, sind aber im Innern oft besser eingerichtet, als man vermuthet. An den Fenstern bangen stets Gardinen, freilich oft von sehr zweifelhafter Weiße. Wer es irgend kann, richtet sich eine, nur zum Empfange von Besuchen dienende ,Putzstube' ein, welche mir einigen Luxusmöbeln geschmückt ist. Sollte idr Besitzer auch das ganze Jahr über auf harter Pritsche schlafen, so darf doch dieser Stube ein Sopha nicht fehlen; ebensowenig ein größerer Spiegel und ein Krönleuchter von Glas oder Bronze, aus welchem am Freitag Abend die Festtagslichter brennen. Im Winter ist dies Gemach fast stets überheizt, was freilich auch von den anderen Wohnräumen gilt. Die Ausstattung dieser ist übrigens gewöhnlich eine ziemlich ärmliche; selbst da, wo die Wohlhabenheit des Besitzers eine comsortablere Ausstattung sehr wohl ermöglichte. Das verfallene Aussehen so vieler Judenhäuser rührt übrigens zum Theil noch aus einer Zeit her, wo der geringe Rechtsschutz, dessen damals ihre Eigenthümer genossen, cs rathsam machte, ihre Wohlhabenheit thunlichst vor den Augen der sie Knechtenden zu verbergen. Sehr vortheilhaft unterscheidet sich der polnische Jude von der großen Mehrzahl seiner christlichen Landsleute durch seine Mäßigkeit im Genuß spirituöser Getränke. Obschon im Königreiche Polen und in Nussisch-Lithaueu wohl acht, wo nicht gar neun Zehntheile aller Branntweinschänken sich in jüdischen Händen befinden, trifft man unter diesen zahlreichen israelitischen Branntweinschänkern doch nur sehr vereinzelt, hier und da einmal, einen Süffling an; wie es denn auch in dem von mehr als 50.000 Israeliten bewohnten Warschau nur ein seltenes Vorkommnis ist, dass man aus der Gasse einem ׳berauschten Juden begegnet. Dagegen sind diese starke Theetrinker, welche durch den Massen-- haften Genuß dieses ebenfalls erwärmenden Getränkes sich gegen die Rauheit des Klimas während der größeren Jahreshälfte zu schützen beflissen sind. Ziemlich reichhaltig ist bei den Israeliten der Weichselländer die Speisekarte; doch munden die meisten ihrer Gerichte dem deutschen Gaumen wegen zu starker Würzung nicht; ganz vorzüglich aber verstehen sie Fische zuzubereiten. Bekannt auch in Deutschland ist die eigenthümliche Kleidung und Haar- und Barttour der polnischen Juden, an welcher sie mit großer Zähigkeit fefthalten. Ihre aus einem langen schwarzen Nocke (,Cylat" geheißen), dito Hosen, einer mit Pelz verbrämten Mütze und seidenem Leibgürtel bestehende Tracht ist übrigens die ursprüngliche aller Bewohner des Sarmatenlandes und nur im Laufe der Zeit bei den Nichtjuden meist in Wegfall gekommen. (Schluß folgt.) Gemeinde-Berichte. Wie». Samstag den 21. d. M. 6 Uhr Abends fand im Tempel der inneren Stadt eine Gedächtnisfeier für die verstorbenen Mitglieder des Wiener Kansmännischen Vereines statt. Obereantor Singer recitirte das bekannte Sulzer'sche Reguiem in einfacher aber desto ergreifenderer und weihevollerer Weise und der ihn begleitende Chor sang vortrefflich. Das Qrgelspiel des neuangestellten Organisten Storch, Zögling des israelitischen Blindeninstitutes, erregte allgemeine