Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 8 (26.2.1885)
- Date
- 1885-02-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/1304829-3452999-3453007--1269-3455391- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— -L aber kein Sein, sondern ewiges Werden ist, nicht den Raum, sondern die Zeit mit ihren Gebilden erfüllt, fordern wir von ihr zugleich bewegtesten Wechsel, reichste Mannigfaltigkeit; kurz, statt der einfachen Wiederkehr organische Entfaltung. Wie eine Pflanze aus ihrem Keim, so wächst ein Jnstrumentalsatz aus seinem Grundmotiv hervor. Dasselbe ist nichts anderes als der einfachste, unmittelbarste Ausdruck der den Componisten erfüllenden Stimmung. Je energischer, reichhaltiger diese, um so iriebkräftiger, fruchtbarer jene. Als thematische Entwickelung ist das Wesen aller echten und rechten, nicht bloß mit Tönen spielenden Instrumentalmusik zu bezeichnen. Betrachten wir nun die Beethoven'schen Symphonien, Ouvertüren, Quartette, Sonaten, so fällt zunächst die charaktervolle Bestimmtheit der Hauptmotive iu's Auge. Diese sind zumeist viel kürzer, gedrungener als die Haydn'schen und Mozari'scheu, nicht licdartiz ausgebreitet, sondern kernhaft zusammengefasst. Jeder Tongedauke birgt unzäblige Möglichkeiten der weiteren Gestaltung in seinem Schoße. Die Weise, in der von ihnen Gebrauch gemacht wird, entscheidet darüber, ob wir es mit handwerksmäßigem Formalismus oder mir der geist- und lebensvollen Bethäiigung der schöpferischen Phantasie zu Ihun haben. Von sämmtlichen Meistern ist nun Beethoven nicht blos der reichste an bedeutsamen instrumentalen Motiven, er macht auch aus ihnen mehr als irgend einer der Vorgänger und Nachfolger. Sic wachsen, gedeihen, verändern sich unter seiner Hand, liefern ihm den Stoff zu einer wunderbaren Fülle und Mannigfaltigkeit neuer Bildungen, bleiben uns in allem Wechsel stets gegenwärtig. Wie einfach sie auch in der Negel zu sein pflegen, ihre Zergliederung ergibt doch eine Anzahl melodischer, Hannonischcr, rhythmischer Elemente, die der verschiedenartigsten Wandlnngen fähig sind. In demselben Sinne, in dem Hegel behauptet,' das philosophische Denken sehe nur der logischen Entwickelung der Idee zu, kann mau sagen, die Kunst des Instrumentalcomponisten laufe einzig darauf hinaus, das Thema gewähren zu lassen. In der Bcethoven'schen Tonsprache erscheint nichts zufällig, bis hinab in das kleinste gesellt sich zu kräftigster Freiwilligkeit höchste Gesetzlichkeit. Weil die thematische Arbeit unter den Begriff der Variation sällt, mußten wir in dieser die Grundform der gesammten Instrumentalmusik erkennen. Was den Namen in seiner engeren Bedeutung anbelangt, so denkt man bekanntlich dabei an eine Reihenfolge zumeist äußerlich abgeschlossener, aber stets innerlich zusammenhängender Stücke, die, dem nämlichen bald längeren, bald kürzeren Tonsatz entsprechend, entweder nur dessen Oberfiäche gefällig umspielen und verzieren oder als ebenso viele neue Lebenstriebe aus seinem Kern hervorgewachsen sind. Auch die Variation in diesem Sinne ist von Beethoven mit besonderer Vorliebe gepflegt worden, theils als selbstständige Gattung, theils als Glied der großen sonatenförmigen Werke. Die künstlerische Persönlichkeit empfängt ihren Inhalt von der menschlichen, wird durch diese ernährt und erzogen. Vergegenwärtigen wir uns darum jetzt noch einmal rasch den Charakterköpf, wie ihn das Lebensbild Beethovens abspiegelt. Selbst der flüchtigsten Betrachtung kann nicht entgehen, dass er vor Haydn und Mozart die reichere, stärker, bewegte Innerlichkeit vorausgehabt, dass ihm die Natur einen nachdenklicheren Sinn, heißere Leidenschaften, aber auch einen festeren, männlicheren Willen gegeben. Er fand sich viel schwerer ab mit den tausenderlei Fragen, welche die Welt und das eigene Herz an jeden von uns fort und fort richten, war strenger gegen sich und Andere, das Schicksal nahm ihn in eine härtere Schule, mit einem Worte: ungleich gewaltiger hat es in seiner Seele gestürmt und gewogt. Nach Freiheit lechzte die Zeit, in die seine Jugend gefallen. Wahrend die deutsche Philosophie voraussetznngslose Erkenntnis, unsere großen nationalen Dichter echtestes, edelstes Menschenthum auf ihr Banner geschrieben, brach in Frankreich unter den Donnerschlügen der Revolution die alte Ordnung der Dinge zusammen. Haydn und Mozart sind gute Oesterreicher und gläubige Katholikcn gewesen. Ihre Heimat war durch eine ängstlich bewachte geistige Scheidewand von der ganzen übrigen Welt gelrennt. Dass jene um ein beträchtliches Stück hinter dem Entwickeluugsgang unseres Volkes zurückgeblieben, dafür hatten Staat und Kirche wetteifernd gesorgt. Der patriarchalische Friede, der über Oesterreich lag, seine begnügsame Abkehr, seine traumhafte Versunkenheit kamen dem Gedeihen der Kunst, die in Tönen denkt und dichtet, zunächst trefflich zu statten. Keinen günstigeren Boden konnte unsere jugendliche Instrumentalmusik sinden. Das Werkzeug war solchergestalt bereit für die volleren, mächtigeren Weisen des jüngeren Meisters. Dieser, weit draußen im Reiche geboren, in einer von protestanischer Bildung erfüllten Luft aufgewachsen — Haydn schalt ihn einen Atheisten — in nächster Nähe Zeuge des größten welthistorischen Ereignißes seit der Reformation, halte bei der Wende des Jahrhunderts kaum die Schwelle des Mannesalters überschritten. Redet aus den Jnstrumentalwerken der beiden Vorläufer die Vergangenheit, so vernimmt in seiner Tonsprache die Gegenwart ihren eigensten Herzschlag. Sie weiß sich mit Beethoven geeint in ihren theuersten und heiligsten Gefühlen, in ihren Freuden und Scbmerzen. Hoffnungen und Kämpfen. Naturanlag? und Erlebniße hatten ihn, den Sohn der neuen Zeit, berufen und befähigt, deren innerstes Empsinden künstlerisch zu verklären. Er ist der Unserige mit der ganzen Hoheit und Innigkeit, Kraft und Weichheit seines Wesens. Der Vereinigung dieser gemeinhin ׳ einander ausjchließenden Eigen-; schäften verdankt er die unbeschränkte Herrschaft über die Gemülher. Wir stehen bei ihm unter dem Eindruck einer ebenso großen wie rückhaltlos gewährenden Natur. Nachjeder Richtung hin mußte die Instrumentalmusik ihr Ausdrucksvermögen erweitern und vertiefen, um den ihr jetzt zugewiesenen Aufgaben zu entsprechen. Es war von der markigen Gedrungenheit der Beethovcn'schen Hauptmotive die Rede. Neben ihnen sinden sich in den Seitensätzen der Allegros und namentlich in den Adagios Melodien von so quellendem Fluß, so breitem Wurf wie sonst nirgends. Die Rhythmen sind bald wie aus Eisen geschmiedet, unbeugsam, eigenwillig bis zum Trotz, bald auf's wunderlichste durcheinander geschoben oder fast ganz verwischt und verflüchtigt. Bereits von hier stammen alle den späteren Romantikern so geläufigen Reize der Synkope, des Wechsels zwischen geradem und ungeradem Metrum, der Auflösung des Tactes in lauter gleichwerthige Atome ohne Hebung,-׳Senkung, Eäsur. Aehnlich wie mit dem Rhythmus verhält es sich mit der Modulation. Auch diese zeigt die denkbar mannigfaltigsten Gegensätze zwischen festestem Jnsichbeharren und kühn in's Freie und Weite schwel« fendem Drange. Kurz, Beethoven ist von allen Herrschern im Reich der Instrumente der größte Melodist, Harmonist, Metriker. Auch für ihn möchte man die schönen Worte in Anspruch nehmen, mit denen Alcibiades in Platos Symposion den Socrates preist: l ,Weit heftiger als den vom Korybantentanz Ergriffenen pocht mir das Herz, wenn ich ihn höre, und Thränen werden mir ausgepreßt von seinen Reden. Wenn ich dagegen den Perikles reden hörte oder andere gute Redner, dachte ich wohl, dass sie gut sprächen; dergleichen begegnete mir aber nicht, noch gerieth meine Seele in Unruhe darüber und in Unwillen, dass ich mich ' in einem knechtischen Zustand befände. Von diesem Marsyas aber