Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 8 (26.2.1885)
- Date
- 1885-02-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/1304829-3452999-3453007--1267-3455389- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 2 — vor jedem Fremden zu schützen, wir sind vielmehr von der Ueber׳ zeugnng durchdrungen, dass reger Verkehr und steter Gedankenanstausch aller Cantoren, mögen sie in welchem Lande immer sein, für die Entwicklung des Cautorates nothweudig sind. Wenn in Zukunft in Oesterreich-Ungarn dieselben Bestimmungen bei Anstellung eines Kantors gelten sollten, wie in Deutschland, so würden sie sich nicht so sehr gegen die Cantoren richten, da ein solcher, falls er in einer ausländischen Gemeinde acceptirt würde, sich immer mit Hilfe derselben die Staatsangehörigkeit wird verschaffen können. Nur gegen jene existenz- und bernflosen Individuen wollen und müssen wir, namentlich im Interesse unserer Cellegen in kleineren Gemeinden, ankämpfen und wenn unser Vorhaben gelingt, was wir auch mir Gewissheit erhoffen, so wird es nicht nur den Cantoren Oesterreich-Ungarns, sondern dem gesammtcn Cantoren- Lhnme zum Nutzen und zur Ehre gereichen. Uelier ״Entwickelung des Syn« zogen- Gesanges". Von Obercantor A. Singer in Wien. XXX. Wie die Blälter eines Baumes, was Ziaumverbältnis und Form vetriffl, einander ähneln und dlos in der Größe die und da ein Unterschied zu bemerkenist, so sonderbar gleich erscheinen uns sämmtliche Compositionen Naumburg'». Disposition und Ausarbeitung betreffend und hat man über eine Compositiou ein eingehendes und erschöpfendes Unheil gefällt, so dürfte dasselbe füglich auch für alle übrigen eine entsprechende Nutz, anwendung sinden: strenge, ostmals sogar ängstliche Behandlung der Prosodie, woblthuendc Anordnung der Textphrasen und saubere, gewissenhafte Durchführung der musikalischen Bearbeitung bilden die Lichtseiten; das Vorbcrrschen der durch Synkopen und Triolen verbrämten Melodie der Oberüimme und der mit einer gewissen Zähigkeit festgehaltene, stete Wechsel des Tactes und der Tonart innerhalb einer und derselben Arbeit müssen als künstlcrische Schattenseiten hingestellt werden. Wohin wir unser Auge wenden, ob wir eine der Sabbath- oder Feiertagsnummern oder gar die Gesänge für die hohen Feiertage und Casualicn studiren, allüberall treten uns die angedenteten Erscheinungen auffallend entgegen. Es erfüllt uns mit freudiger Genngthnnng, das bis nun nach jeder Richtung zumeist stiefmütterlich behandelte, hebräische Wort bei Naumburg endlich wieder recht- und gesetzmäßig bcarbeitet zu sehen. Nicht blos beim Canlor-Nccitaüv — das ist bei einem kuust- und sprachkundigen Fachmanne von der Bedentung Naumburg's selbstverständlich — sondern auch beim Cbor, satz und jeder anderen polyphonen Form fühlen wir gleichsam die Bevorzugung, die Naumburg dem hebräischen Texte angedeihen ließ. — Dürfte nun dieser Umstand auch Manchem kleinlich erscheinen, so fühlen wir uns demnngeachtct oder trotzdem verpflichtet, auf diese künstlerische Bestrebung Naumburg's, als auf den bemerkenswerthesten Punkt jeglicher Wortillnstration nachdrücklichst hinzuweisen, namentlich, wenn mnsikgesetzmäßige Bcarbeitung mit der Gesetzmäßigkeit der Wort- und Satzdeclamation so Hand in Hand geht, wie es bei den vorliegenden Arbeireu der Fall ist. Wie wir bereits betont, halten leider mit diesen Vorzügen der Naumburg'schen Compositionen auch die Schwächen derselben gleichen Schritt. Jede Composition erscheint uns in mehrere Perioden getheilt, die sich gleichsam als Einleitung-, Haupt- und Schlußmotive repräsentiren; jede Nummer weist mindestens e inen Tack- oder Tonartwechsel auf; ob wir den *■plÄD איך in G-dur Nr. 80 oder den הבו?*יי in E-dur Nr. 90; die kleinen Nummern קול יי Nr. 94 in E-dur oder den, dem Gebotenen gegenüber, wirklich allzugroß ausgebanten הבו Nr. 165 in G-dur ans der stattlichen Anzahl der Naumburg'schen Compositionen heraußgreifen, überall irikt dasselbe Arbeitssystcm entgegen, ein System, welches dem objectiven Beobachter schließlich langweilig, weil unmolivirt, erscheint. Neben diesen Eigenthümlichkeiten, für welche wir wirklich keine Erklärung aufzusinden im Stande sind, machen sich zugleich Sonderbarkeiten bemerkbar, die uns als von dem feingebildeten und in Kunstsachen feinfühligen Naumburg herstammend, geradezu unbegreiflich erscheinen. Hiezu rechnen wir zuvörderst das Benützen der Kol uidrs-Melodie bei Bearbeitung des בראש השנה Nr. 233 in A-moll. Sollte vielleicht der Umstand allein, dass eine allbckannte und geachtete Persönlichkeit ans Laune oder Nothwendigkeit auf den Gedanken versiel einen בראש השנה nach den Kol nidre- Motiven singen zu lassen, für alle weiteren Bearbeitungen dieser Nummer maßgebend sein? Welche Gatlnngsverwandtschaft besteht zwischen der Kol uidro-Mclodie und jbcni ׳בראש השנה? Und hätten auch gedankenlose Nachtreter diesen Machisprnch bedinzungslos acceptirt, so verblüfft uns dieses Nacharbeiten bei dem nach Originalität strebenden und Originalität wahrenden Naumburg um so mehr. Oder bei der קרושה Nr. 97 in G-dur, all wo der נעריצך ziemlich einfach und das Nespensorinm קרוש ziemlich gesucht erscheint, macht sich beim Cborsatze בבורו eine von italienischer Gtnlh angehauchte Beweglichkeit in allen Stimmen bemerkbar, die an. die glänzendsten Tage der italienischen Oper erinnert, wonach das Chorresponsorium ברוך בבור die sonst leicht zu bewerkstelligende, hier jedoch gewaltsam erscheinende Ueberleitung von G-dur nach G-dur vermittelt. Diese lieberlcilnug ist k ineswegs dringend geboten, indem die geänderte Tonart (G-uroll), die vom Autor beim ממקומו beabsichtigt ist, von den Sängern auch ohne Zwangsmaßregcln leicht getroffen wird; viel nölhiger dünkte uns jedoch die Nnckleitnng nach G oder mindestens nach G statt des Schlusses in E8-dur beim Nesponsorinm ישמע ישראל, weil nach dem Anstönen des E8-du1׳- Dreiklanges der freie Einsatz des G-dur-Accordes als Nothbrücke für die Rückkehr zur AnfangStonart G nur von äußerst kunstgeübten Sängern getroffen werden dürfte. Es wimmelt von ähnlich auffallenden Erscheinungen im vorliegenden Buche und im Interesse der heiligen Sache hätten wir es sehnlichst gewünscht, dass der Mund des nun ichon viele Jahre verblichenen trefflichen Collegen nicht so frühzeitig verstummt wäre; wir sind überzeugt, er hätte uns eine erschöpfende und zweckdienliche Antwort ans alle unsere Fragen gegeben, während wir j.tzt zu Neflexionen und Schlußfolgerungen gezwungen sind, die als Ergebnis einer individuellen Anschauung vielleicht hie und da etwas scharf, vielleicht gar ungerecht klingen. Ans der vorstehenden Erörterung ist zu ersehen, dass eine weitere Besprechung der Naumburg'schen Chorcompositionen nicht zweckdienlich erscheint, weil dieselbe eine allzuhäufige Wiederholung des einmal Gejagten involvirte, wir erachten es jedoch nur noch für nöthig, auf eine charakteristische Eigenthümlichkeit der Naumburg'schen Chorcompositionen unser Augenmerk zu richten, durch deren Klarlegung wir gleichzeitig in didactischer Beziehung etwas Ersprießliches zu leisten vermögen, wir meinen die »übers ch w ä n g l i ch e M e l o d i e-. Es ist nicht zu leugnen, dass den Chorgesängen Naumburg's etwas Allzusüßliches, Weichliches anhaftet, welches unserem Geschmacke theils einfach nicht entspricht,