Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1885)
- Date
- 1885-02-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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war, seinen Schüler, den Babylonier Rabbi Chija nach En-Tob sandte, lim dort den Neumond zw verkünden, und dais derselbe die schwere Mission unter den damals so schauerlichen Verhältnißen übernahm und anch glücklich vollfübrie, so erklärt sich zunächst der Spiuch: ^Eaviä Melech Jisroel chaj w’kajom“, es war dies das verabredete verblümte Zeichen für die glückliche und unbehinderte Ausübung dieser Function. Zn einer schönen Redewendung schildert 9t. Cbija seinem Lehrer R. Jehuda seine Unerschrockenheit und seinen Löwenmulb. wie er ungeachtet dessen, dass die Römer jeder religiösen Handlung Hiuderuiße bereiteten, dennoch die ihm übertragene Function glücklich, obne Störung von außen, zu Ende brachte, mit den Worten: ״lipo! a!6b6m ßmosso“ : Mich überkömmt nicht Furcht und Schrecken bei einer gottesdienstlichen Verrichtung, denn ich halte seit an dem Satze -שלוחי מצרה אינן ניוקין, dass die Boten zur Bollsührung eines göttlichen Gebotes nicht beschädigt werden, möge der Herr Furcht und Schrecken über die uns verfolgenden Römer verbreiten. Der Spruch ״simon. tauw“ u. s. s. scheint eine Znterpretation zu den ersten zwei Sprüchen zu sein, d. h. diese zuvörderst erwähnten Sätze sind nur als ein gutes Omen zu betrachten; wie die religiöse Verrichtung öffentlich, ohne Störung umlagernder äußerer Feinde vollzogen wurde, so begeistere uns die Hoffnung, dass auch fürder Israels Religion alle Steine des Anstoßes, die man ihr hinderlich in den Weg legen wird, glücklich beseitigen wird, und dass sie trotz ihres hohen Alters sich, wie ein Phönix aus ihrer Asche erheben wird. Der Segen שלום #ליבם scheint der Bewillkommnungsgruß von Seite N. Zehnda Hanassi zu sein, den er dem von N. Chija zn ihm gesandten Boten zugerusen hatte, und von Letzterem mit עליכם שלום beantwortet wurde- Doch abstrahiren wir vom historischen Unterbau, der diesem Gebete zu Grunde zu liegen scheint, denken wir ein wenig über den innigen Zusammenhang dieser zusammengewürfelt scheinenden Devisen nach und suchen wir den Kitt, der sie eng miteinander verbindet. Gehen wir näher auf den durch sein hohes Alter sowohl, als durch seinen schönen und herzlichen Inhalt sanclionirten üblichen Bewillkommnungsgruß שלום עלייתם ein, und wir haben den Schlüssel zur Erläuterung der so lose scheinenden Sätze im בלכת ל2נה. Doch zunächst wollen wir uns über den Begriff .שלום" klar werden. שלום bedeutet nicht nur Friede allein, sondern vollkommenes Heil und Glück vom rackix שלם, vollkommen, also das Wohlsein im vollen Umfange des Wortes, nach dem sinnreichen Worte unserer Weisen: לא מצא הקב״ה כלי מהדק ברכה, אלא השלום; das schaiom ist das Gefäß, welches den Segen umfasst. Wie schön und inhaltsreich ist daher der in Israel übliche Gruß ״sehaloin alechem“ und durch die Umstellnng der beiden Grußworte ליבם שלום# * wird die Gegen׳ jeitigkeit am reinsten und ansdrucksvollsten dargestellt. Warum Ward aber diese schöne Grußesformel beim Gebete über den Neumond stehende Sitte? Wenn Israelin׳!! im Stillen Abends zusammentraten und im Anblick des erneuten Mondlichtss Hoffinnig schöpften, dass auch ihr abgenommenes Licht wieder zur Erneuernng gelangen werde, indem ihr Lebensgeschick seine bildliehe Darstellung im Monde findet, ישראל לומין ללבנה, "so knüpfte der Gedanke an die sie umgebenden Feinde daran das Gebet כשם שאני רוקד ונוי schnell schloss sich wieder beim Aufblick zum Monde an jenes wchmürhige Gefübl der Angst die Hoffnung, dass wie das מאור הקטן im Monde das Bild König Davids vergegenwärtigt, von dem es in der Schrift heißt ולוד הוא הקטן, demungeachtet aber ans dem kleinen David ein großer König in Israel geworden,. der Schrecken und Angst verbreitete über alle Nachbarvölker Palästiua's, so auch in der Persönlichkeit Davids in Israel die Erwartung fortlebt לוי וקים, dass im israelitii'chen Volke sich einst bestätigen werde .?ליקטן יל,יה לאלן והצעיר לגוי עצום. Vornehmlich in der Jetztzeit, wo wir in socialer Beziehung so schmerzlich die Nichtachtung von den den Nationalcultus als Apotheose hochhaltenden modernen Barbaren empfinden, wo man unseren aufstrebenden Geist durch Kunstmittel, ausgegebene Schlag- Wörter ,Semiten oder orientalische Germanen" 11. s. w. niederzuhalten sucht, dass wir es nicht wagen unseres Geistes Schwingen ausznbreiten und mit Freude zu entfalten, mögen wir den Trost und die Erhebung finden in den Sprüchen, die in der Eulogie der ברבה לבנה enthalten find. Unser Horizont ist ein wenig umwölkt worden durch Menschen, in denen wir nur treue Brüder zu erblicken wähnten, die aber, wie die bittere Erfahrung es gelehrt, die schönen und erhebenden Lehren des Humanismus mit schnödem Hohne und giftsprühenden Geifer in den Koth zerrten, und an des Letzteren Statt die alten verrotteten Doctrinen, dass Abstammung und Nationalität die Maßstabe und Gradmesser seien, nach denen das Thun und Lasten der Staatsbürger abgemessen werden sollen, als Banner emporschwangen. Mögen diese uns umlagernden Feinde uns nicht abhalten, unseren Pflichten dem Staate gegenüber auf das Pünktlichste und Gewissenhafteste nachzukommen, und uns anch nicht verhindern, nur Gutes anstatt der erlittenen Unbilden ihnen entgelten zu lassen, denn ein letzter Aufblick zum Monde laste die beseeligende Hoffnung in uns emporwachen, dass dereinst dauerndes Wohlsein in Israel sich gestalten und der Lichtwechsel in seinem Geschicke aufbören werde, nach den Worten der Schrift והיל. אור הלבנה כאור ל,המל,. Rufen wir Allen, auch denen, die uns obtrectiren und herabsetzen wollen, Frieden zu שלום שלום לרהוק ולקרוב. Dann werden die düsteren Schatten des Antisemitismus schwinden, und die Völker wird die Einsicht erleuchten, dass sie umnebelt waren vom Hirngespinste der Voreingenommenheit, und Nüchternheit im Denken und Handeln gegen uns wird die nationale Trunkenheit ablösen. Ueder die Thoravorlesung. Es wurde in Ihrem geschätzten Blatte mehrfach die Secirung der Thora behufs Vorlesung am Sabbat in Anregung gebracht. Und dies wegen einiger, die Andacht störender Schwätzer. Es erinnert diese Forderung so lebhaft an die eines Sophisten im Talmud ^bväa 8ara, dass Gott die Sonne nicht möge scheinen lassen, weil die Götzendiener sie anbeten. Wer jedoch das Unlogische aller vorgeschlagenen Theilungen, von denen man jetzt auch in manchen Gemeinden Deutschlands abgekommen ist, in Betracht zieht, wer ferner erwägt, wie die Einrichtung der םלרה so innig mit der jüdischen Zeitrechnung, mit den Familien- und Volkserlebnißen verknüpft ist, wer endlich den erhebenden Eindruck wahrnimmt, den das Vorlesen der ,שילל, welche dem heutigen Sabbat den Namen gab, auf die versammelte Gemeinde noch immer ausübt, der wird es gewiss für sündhaft halten, die Religion, den Gottesdienst eines der feierlichsten, weihevollsten Momente zu berauben. Welche angenehme Zugenderinnerungen sind mir den Wochenabschnitten fast unzertrennnlich vereint, welche historische Bedeutung! birgt der sogenannre ,gute Sabbat' in sich! Als jener lange — lange Winter in der Geschichte der Verfolgung mit seinem eisigen Hauche jede heitere Stimmung im Herzen des Israeliten, jeden frohen Laut auf seinen Lippen erstarren machte, da zog mit dem שבה שירה ein eigener Frühlingshauch in sein Jnüeres ein,, die Klänge der beiden ältesten im Tempel vernommenen Lieder ׳ wiederhallteu freudig in seiner Brust.