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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-02-18 · Heft 7 (18.2.1885) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 7 (18.2.1885)
Date
1885-02-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Das Voriesen aus k»er Thora von L. Miesenfeld, Oberlehrer in Ungarisch-Brod. . (Lchluh.) Meine Frage: ,Was trägt das Volk aus dem Gotteshause durch das gegenwärtige Tboralesen mit nach Hause?" ist vollständig ignorirt worden. Man wird doch zugestehen. dass der die Andacht wabrhast Suchende durch jeden Theil des Gottesdienstes in religiöser /Beziehung Befriedigung erbalten fotll Oder ist es wirklich denkbar, durch 1—172 Stunden (?) jemanden einen unverstandenen Thorabschnitt anhören zu lassen, ohne über den Inhalt auch nur ein Wort mitzutheilen? Mit der Thatsache, dass ein großer Theil der Synagogenbesucher den Urtext nicht. versteht muss gerechnet werden. Anzunehmcn oder gar auszusprechen, die große Masse des Volkes soll früher den Urtext studiren, damit sie denselben am Sabbatb verständnisvoll anzuhöre» vermag, riecht nach der Gelehrtenstnbe und verdient nicht weiter besprochen zu werden. Der unwissendste Mensch muss im Gotteshause andächtig sein können, und die Andacht kann unmöglich wissenschaftlichen Zwecken dienstbar gemacht werden. Der Gottesdienst gehört für Herz und Gemüth und nicht sür den Geist und den Verstand. Ich wiederbole meine Frage: Was trägt d s Volk von dem gegenwärtigen Tboralesen mit nach Hause? und hieraus bitte ich Antwort zu geben. Der Mischeberach. soll aufrecht erhalten werden, weil er der jüdischen Gemeinde Geld einbringt! Judengemeinden müssen die nöihigen Bedürfniße außerhalb des Gottesdienstes aufbringen, sonst sind sie nicht lebensfähig. Man darf den Judenfeinden keine Gelegenheit geben, zu sagen, nichts ohne Geschäft, ohne Newach. Der Goitesdienst kann unmöglich für Tcmpelbedürfniße oder wohlthälige Institute Gelder erwerben. Eine Anecdote erzählt: Ein Einspänner begegnete aus ebenem Felde mehreren Fußgängern, die schwer bepackt waren, und lud Dieselben ein, ibr Gepäck auf den Wagen zu werfen. Zn der Ebene ging's gut. Als aber das Pferd die Last bergauf ziehen sollte, versagte es den Dienst. Was!hat unser gute Mann? Er warf sämmtliche Last zu Boden und der Wagen wurde flott. Ursprünglich batte Israel seine Zehn Gebote. Später erschienen 248 Ge- und 365 Verbote, die Mi8clma, der Talmud, der Scbulcban aruch 11. s. w. So lauge das Ghetto, d. i. die Ebene, währte, konnte Alles getragen werden, heute sollen wir bergauf ziehen. Glaubt man nicht, dass der Fuhrmann Recht hatte, die Lasten zu erleichtern, um mit der Hauptsache über den Berg zu kommen? So lange der jüdische ״Athen! nur Gottesfurcht war', konnte alles Mögliche mit in den Kauf genommen werden. N!8eb6b6raeb, Alijoth- Verkaufen, Erhaltung der hebräischen Sprache als einigendes Band, Pijutim, Observanccn 11! s. w. heute wankt bereits Alles, und wenn wir nicht auf Rettung der Fundamente Lenken, so . . ich prophezeihe nicht, aber wenn ich Stück um Stück einer Mauer langsam zwar, aber stetig abbröckeln sehe, so muß ich nothgedruugen an den endlichen Einsturz der Mauer denken. Meinem ehrwürdigen Freunde und Landsmanne, Dr. Löwy in Butschowitz, ergeht cs bei mir wie Gretchen mit Faust, als sie ihn in Mephisto's Gesellschaft erblickte. Hätte er doch im Leben nicht gedacht, so etwas ׳ mit mir erleben zu müsien. Er lässt es nicht an Mühe fehlen, mich, hartgesottenen Sünder, auf den rechten Weg zurück zu führen, und siebt er sich endlich gezwungen, mich aufzugeben, so denkt er wenigstens daran, ״einen Damm gegen Neuerungssucht' zu errichten. Also einen Damm! Nicht schlecht. Vor 40 Jahren, als das übliche Abschneiden der Kopfhaare bei den jungen Frauen Opposition zu erregen anflng, wollten die Nabbinen ebensfalls einen Damm errichten, sie öffneten die heilige Lade und sprachen einen förmlichen Fluch ans über jene Frauen, die sich ihres natürlichen Kopfschmuckes nicht berauben lassen wollten. Und beule? Wo sind die Dämme? Ich kenne wirklich sehr liebenswürdige Nabbinersfrauen,'die ihr Kopfhaar ganz nett zu tragen verstehen, und die diversen ehrwürdigen Gemale lassen die Dämme hübsch sieben und machen die Moden in Frisuren verständnisinnig, aber heimlich mit. Um diesen Aufsatz nicht zu sehr in die Länge zu ziehen, unterlasse ich es, diverse Dämme, die von wohlwollender Seite in bester Absicht errichtet, die aber, weil gegen die natürliche Strömung gerichtet, durchbrochen oder umgangen wurden — näher zu bezeichnen. Die Herren Theologen sind im Rechte. sie können Reformen nicht das Wort reden, sie lassen solche über sich ergehen und accomodiren sich den. Thatsachcn. Was haben die Herren Rahbinen in Folge des modernen Cantorates nicht schon alles über sich ergehen lassen? Die kirchenmäßige Einrichtung der Tempelsitze, das.Podium vor der heiligen Lade, die Kutte, die Kappe mit dem mehrtheiligcu Stern (bisweilen sogar ein Kreuz), den schwarzen Vorhang am 1'i86bob-b'av, die verkürzte Gebetordnung, die Stiefel am Versöbnungslage u. s. w. n. s. w. Was konnten sie auch dagegen thun? Es kommt also füglich nicht darauf an, ob ein mehr oder weniger geboten werden muß. Traurig ist es wohl, dass die unerlässlichen Reformen über die Köpfe der Theologen vorgenommen werden müssen, diese fiuD aber zumeist nicht in der Lage, die Hand zu Reformen zu bieten *). Also an's Werk, Cantoren! In der Cantoren-Zeitnng möge diese Frage besprochen, auf dem Cantorentage in Verhandlung genommen werden, praktische Vorschläge seien zu erwägen und Sache der Gemeinden ist es dann, diese Anträge in's Leben zu rufen**). So wie bisher kaun's mit dem Thoralesen nicht sortgehen, dem Weibe und Andacht untergrabenden Vorgeben in den Tempeln der Landgemeinden muß um jeden Preis entgegen gearbeitet werden. Also mit Math vorwärts! *) Wir glauben kaum, dass die Herren Rabbinen durch das »moderne Cantorat' irgend etwas zu leiden gehabt haben. Der geehrte Autor scheint weiters die Synagogenordnung mit dem Canto rate zu indeniifiziren, sonst wussten wir nicht was Letzteres mit ,,der kirchenmäßigen Einrichtung, dem Podium rc." zu thun hätte. Und was die Reformen betrifft, so sind doch wohl die meisten von den Rabbjnen ausgegangen und nicht über ihre Köpfe hinweg eingefnhrt worden. Die Red. **) Die Cantoren haben gewiss ein großes Interesse an der Discussion dieser Frage, sie werden cs aber nichtsdestoweniger wohlweislich unterlassen, am Cantorentage hierüber Beschlüsse zu fassen und Anträge zu stellen, da dies nicht ihre Sache ist. Sie könnten dadurch höchstens Anderen einen Anlass geben, sich auch in interne Angelegenheiten des Cantorates unberechtigterweise zu mengen. Die Red. Der Segenssprnch über den Neumond von Ar. A. «Löwy, Rabbiner und Prediger in -Butschowitz, Mähren. Der lose Connex der in diesem. Gebete voikommenden Sprüche veranlasst den forschenden Geist, etwas Licht in diesem Chaos von kurzen Sprüchen verschiedenen Inhaltes zu verbreiten. Um dies nur einigermaßen thun zu können, muß man zunächst die Zeit erniren. in welcher diese Enlogie über den׳ Neumond׳, concipirt wurde, dann auch der Uriache, oder der Veranlassung auf die Spur kommen, warum män gerade Sprüche, wie »k’sehem sebeani rauked* ober ״tipol alebem* n. ). 11): dem Neumondgebete eingereiht hat. ' ' Denken wir an das'im babyl. Talm. Tr. Nosch Häschana Fol. 25 a erzählte historische Factum, dass Rabbi Jehnda Hanassi dereinst in einer trüben Zeitperiode,' wo mit der öffentlichen Ausübung der Religioussatzungen große Gefahr verbunden

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