Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-02-18 · Heft 7 (18.2.1885) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 7 (18.2.1885)
Date
1885-02-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/1304829-3452999-3453006--1258-3455379
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2 — Auch Zsidorus bestätigt, dass alle Psalmen der Hebräer in Form metrischer Gedichte abgefasst sind. Wie bei dem Römer Horatius Flaccus und bei dem griechischen Dichter Pindar, finden wir auch hier Verse, die im jambischen Metrum kunstvoll hinstießen; auch das elegische Versmaß wechselt mit der fapphischeu Strophe, dem Trimeter und Pentameter ab. So viel habe ich über die Beschaffenheit der Psalmen bei Hieronymus, Zosephus, Eusebius und Zsidorus gefunden und glaube, dass diesen Autoren, die in der gesammten Litteratur wohl bewandert sind, die größte Glaubwürdigkeit beizumessen ist. Den Forschungen der neueren Gelehrten ist nach meiner Meinung in dieser Hinsicht weniger Glauben zu schenken. (Schluß folgt.) Beethovens Symphonien. Non Otto Gnmprecht *). Mandarf wohl behaupten, dass unter allen, die je in Tönen zur Welt geredet, Beethoven am innigsten mit unserem musikalischen Empsinden verwachsen, dass dieies ganz und gar von ihm getränkt, durch ihn recht eigentlich erzogen ist. Obschon Bach und Mozart an schöpferischer Genialität gewiß nicht hinter ihm znrückftehen, übt er doch ungleich umfassenderen und tiefer greifenden Einfluss auf das Schaffen und Genießen der Gegenwart. Erscheinen bereits unsere älteren Romantiker aufs mannigfachste von ihm angeregt und befruchtet, so muffen wir ihre Nachfolger geradezu die nachgeborenen Kinder seines Geistes nennen. Noch mit viel größerem Rechte als Mozart von Emanuel Bach mögen sie von ihm sagen: Er ist der Vater, wir sind die Buben. So viel Schubert auch Beethoven verdankt — er hat in Der That von diesem mehr empfangen als irgend einer der Späteren — um ganz in ihm aufzugehen, war doch seine Seele zu voll von ureigenem Sang und Klang, und ähnlich verhält es sich mit Weber. Mendelssohn, der sein Bestes im Gebiet des Oratoriums und der Cantate gegeben, stand schon deshalb in noch engeren Beziehungen zu Bach und Händel als zu den Wiener Meistern. Erst seit Schumann gelangte die Einwirkung Beethovens immer ausschließlicher zur Herrschaft, und zwar sind cs vor allem dessen tiefsinnige Spätwerke, an die sich die gesammle weitere Production geklammert. Nicht bloß die eigentlichen Tonangeber unter unseren Componisteu, auch die meisten ihrer geringeret! Berufsgenoffen trachten bald mit klarem Bewußtsein, bald nur einem dunklen, aber unwiderstehlichen Drange folgend, den ihnen in der neunten Symphonie, der großen Messe, in den letzten Quartetten und Claviersouatcu gewiesenen Zielen nach. Keiner nimmt in der musikalischen Tagesordnung des heutigen Geschlechtes so breiten Raum ein wie Beethoven. Vom gesammten Concertrepcrtoire fällt der Löwenantheil auf ihn. Er ist der eigentliche Held unserer Symphonie- und Quarteltabende, ihre Programme pflegen in dem Vortrage seiner Schöpfungen zu gipfeln, sind nicht selten nur aus ihnen zusammengesetzt. Und wie im Concertsaal, so sehen wir ihn auch im häuslichen Musiktreiben vor allen anderen geehrt und bevorzugt. Seine dem Lieblingsinstrumeut des Dilettantismus theils unmittelbar zugeeigneten, theils nachträglich zugänglich gemachten Werke sind *) Dieser hervorragende Nkusikschrifisteller veröffentlicht in den ״Wester mann'schen Monatsheften" eine Artikelserie über das obige Thema, und wir glauben unseren Lesern eine willkommene Lectüre zu bieten, indem wir einen Auszug dieses geistvollen Aufsatzes bringen. Gleichzeitig machen wir unserk Leser auf diese wahrhaft gediegene Zeitschrift aufmerksam und können wir dieselbe vor allen anderen ähnlichen Familien-Journalen bestens anenrpfehlen. Die Red. jedem Clavierspieler, dem die Taften mehr bedeuten als bloßes Fingerspielzeug, eine stets bereite, unversieglich strömende Quelle edelster, künstlerischei. Anregung und Erbauung. Während zu so manchen Bach'schen, Händel'scheu, Haydn'schen, Mozan'schen Partituren nur die Forscher und Schriftzelehrten den Weg sinden, haben wir die Beethoven'sche Erbschaft fast ihrem vollen Umfange nach angetreten. Was von ihr nicht Gemeingut geworden, fällt gegenüber der Menge des Uebrigen kaum in's Gewicht. Werden wir solchergestalt nichts müde, entweder nur empfangend oder auch selbst Hand anlegend uns der Gebilde des Meisters zu freuen, so gewähren sie zugleich unerschöpflichen Stoff der denkenden Betrachtung. Je mächtiger und geheimnisvoller die durch jene erweckten Eindrücke sich erwiesen, um so stärkeren Drang mußte Liese empsinden, die ihr aufgegebenen Räthsel zu lösen, hineinzuleuchten in die dunkelsten Regionen des Gefühles, seine Aussagen zu prüfen, zu deuten, zu verstehen. Der Kopf durfte sich dem Versuche nicht entziehen, die tausend Fragen zu beantworten, die Las beseligte Herz an ihn gerichtet. Erst damit war der musikalischen Aesthetik der Boden bereitet. Nicht früher konnte dieselbe ernstlich an die Arbeit gehen, als bis sie sich den Wundern der zur höchsten, siegreichsten Bethäligung ihres Vermögens gelangten instrumentalen Kunst gegenübergestellt sah. Beethoven ist der einzige Herrscher in der Welt . der Töne, um dessen Besitz und richtiges Verständnis alle gerade in unseren Tagen so laut hadernden musikalischen Parteien sich streiten. Die Tempelhüter des claffischen Geschmackes, die Bannerträger Mendelssohns und Schumanns, die jungdeutschen Stürmer und Dränger, sie sprechen ihn sämmtlich als den Ihrigen an, entlehnen ihm ihre Waffen gegen die Andersgläubigen. Niehl bat in einem geistvollen Aufsatz (»Die beiden Beethovens im dritten Band der ,Musikalischen Eharnkterköpfe') dies seltsame Schauspiel näher in's Auge gefasst und geschildert. Eine der staunenswerthesten Schöpfungen des Menschengeistes ist gewiß die von keinen Worten geleitete Musik, diese Sphinx unter den Künsten. Plastik, Malerei, Architectur bilden Vorgefundenes nach. Ihre gemeinsame Lehrmcisterin ist die Natur, sie liefert ihnen die Typen, die von der in freiem Spiel die Formen wandelnden und verklärenden Hand des Künstlers die reine Weihe der Schönheit empfangen. In einem ähnlichen Verhältnis zur Wirklichkeit steht der erzählende und beschreibende Dichter. Er ist nie Autor des Rohstoffes, sondern blos der Arbeit daran. Ganz anders die lyrische Poesie, die gleich ihrer Zwillingsschwester, der Musik, nicht Geschautes oder Gehörtes, sondern einzig innerlich Empfundenes uns vor die Seele bringt. Jener dient zur Vermittelung das Wort, die geprägte Münze des Geistes; dieser dagegen der zunächst noch völlig im Sinnlichen haftende Ton, und zwischen beiden bleibt deshalb trotz aller Verwandtschaft ein sehr wesentlicher Unterschied. Die eine wendet sich lediglich durch unser Vorstellnngsvermögen, die andere geradeswegs an die Empsindung. Dort verblaßt der Stimmungsgehalt zu schattenhafter Allgemeinheit, hier bietet er sich in lebendigster, ursprünglichster Unmittelbarkeit dar. Als vornehmste Dienerin des Verstandes hat die Sprache weder ein Interesse noch überhaupt die Fähigkeit, dem Gefühl durch den unendlichen Reichthum seiner ebenso mannigfaltigen wie feinen Schattirnngen zu folgen. Sic begnügt sich damit, ganze Gruppen ohne Rücksicht auf die in ihnen waltende Verschiedenartigkeit unter einem ^gemeinschaftlichen Namen zusammenzufaffen. Die von ihr unbeachteten elementaren Vorgänge, die auf dem verborgensten Grunde der Seele in rastlosem, vielgestaltigem Wechsel sich drängen, sie werden uns allein durch die Musik kundgethan. Noch ein Umstand fällt dabei in's Gewicht. Das einzelne Wor

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.