Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1885)
- Date
- 1885-02-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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zuhören oder nicht, mag anständig oder unanständig sein, die! Satzung ist die Hauptsache, das Volk ist da, die Satzung zu respectiren und damit Punktum. Einige Herrn — ich bitte um Entschuldigung für diese offene Sprache — haben noch den Laoüur im Leibe und werden in der Debatte zu sehr — erregt. Sie gestehen Niemandem das Recht zu, über theologische Einricktungen Gedanken zu äußern, der Canior darf nur singen, der Lehrer nur unterrichten, und wenn beiden irgend etwas im Gotteshause nicht behagen will, so muffen sie sich zum Rabbiner bemühen und sagen: ,Ehrwürdiger Herr Rabbiner, behagt Ihnen dies und jenes im Gotteshause, mir will es nickt znsagen; wenn Sie aber meinen, dass es mir Zusagen soll, so werde ich mich bemühen, Ihrem Wunsche zu entsprechen." Und hierauf der Ehrwürdige: ,Was fällt Ihnen nicht ein. in theologischen Dingen drcinrcden zu wollen, warum rede ick Ihnen nickt in gesanglichen Dingen drein? Uebrigens, was wollen Sie, mir gefällt die von Ihnen angeführte Sache ganz gut; wenn ich nur bedenke, dass diese Einrichtung seit Jahrhunderten besteht, dass nur Neuerungssucht an derselben etwas auszusetzen hat, muss ich es Ihnen auch schon verübeln, hierüber auch nur gesprochen zu haben. Ick nehme es Ihnen nicht übel, Sie verstehen einfach nichts von rabbini׳ schen Dingen, bleiben Sie hübsch bei Ihrer Pflicht und überlassen Sie die Synagoge uns Rabbinen." Wem das Tboravorlesen in der bisherigen Weise nicht gefällt, jdem steht es ja frei, vor der Synagoge zu promeniren. Gemack, geehrte Herrn, Sie machen es gleich jenem Kock, der seinem Chef eine neue Mehlspeise zu kosten gab und statt des erwarteten Lobes nur tadelnde Bemerkungen vernahm. ,Sie sind eben kein Fachmann/ meinte dir Koch, .und Ihr Urtheil, ob Ihnen die Mehlspeise schmecken soll ' oder nicht, ist daher auch üicht maßgebend." Mit solchen abweisenden Reden wird man nur leere Synagogen erzielen; ein Publikum, das geistig auf dem Niveau der Bauernbevölkerung steht, haben wir Juden nicht. Der Bauer küsst die geistliche Hand, obwohl der Doctor, der Richter, der Lehrer, der Müller es nicht thut, Freitag gilt dem Bauer als ein Fasttag, obwohl ihm bekannt ist, dass die Stuvierten sich nicht kasteien. Sonntag wird dee Kirche besucht, obwohl die Intelligenz nur an Galatagßz! daselbst erscheint. Jagen Sie unsere denkenden Köpfe aus dem Totteshause und Sie selbst werden bald großartige Reformer werden, Sie werden sich mit weniger als 10 zu einem Ninjan begnügen müssen, denn die Herren Rabbiner, Cantoren. Schächter, Gemeindediener, und allenfalls noch Cultusvorstände summiren noch immer nickt zu einem vollgiltigen Nivjan. Wer hat sich sich zuerst über die Heiligkeit des Sabbath theilweise oder ganz hinweggesetzt? Die Gebildeten. Und wer thut dies heute? Wenn Sie also der Intelligenz rathen, nicht in den Tempel zu kommen, sich mit dem Iudenthume also auch nicht zu befassen, so verjagen Sie die Juden ganz einfach ans dem Zudenthume.Sie denken, dass es wobl noch lange Zeit hat, bevor solche Zustände eintreten können? Ich bedaure, auch hier mit Thatsachen eintreten zu müssen. Dasselbe Ung.-Brod, das noch vor 20 Jahren eine ganze Schaar Rabbiner ansgebildet, das noch beute eine kleine orthodoxe Fractkon besitzt, das sich stets hoch conservativer Rabbiner rühmte, dessen gegenwärtiges geistliches Haupt eine wahre Zierde des gelehrten, geistvollen, streng auf orthodoxem Boden stehenden Judenthums ist — steht heute dort, wo Proßnitz vor 25 Jahren war. Es wird gegessen, getrunken, gehandelt nach allen Regeln, nur nicht nach denen des Schulclian aruch. Kolomea dürfte heute dort sein, wo Ung.-Brod vor 25 Jahren war und in 25 Jahren, wo Proßnitz heute ist. Wer die factischen Zustände kennt, der versuche es nur, mich zu desavouiren. (Schluß folgt.) Monatsbericht der Alliance Isr. Univ. (Israeliten von Marocco.) Das Centralcomit^ hat jüngst neue Nachrichten über Leben und Sitten der Juden von Fez empfangen und legt hiemit einige Auszüge dieser Mittheilungen vor: .Zusammengesetzt aus fast 15.000 Seelen kann die jüdische Gemeinde von Fez in drei Kategorien getheilt werden: Die Reichen, der Mittelstand und die Armen. Es gibt wenig reiche Juden in Fez» die Mittelclaffe begreift nur etwa 100 Familien, die Arbeiter und die kleinen Kausteute bilden die arme Claffe, die wirklich zu beklagen ist. Gewisse Handwerke werden einzig und allein von Juden ausgeübt, z. B. die der Schneider und Goldschmiede. Ebenso findet man zahlreiche Juden als Drechsler, Zimmerleute und Schmiede. Einheit herrscht nicht immer in der Gemeinde; sie ist vielmehr in mehrere Parteien getheilt. Ein einziger Mann übte auf sie eine beständige Autorität aus, das war der Rabbiner Abnes, welcher jüngst verstorben ist und dessen Tod ein großer Verluste für die Juden von Fez ist. In der Nähe des kaiserlichen Palastes befindet fick das jüdische Viertel, der ,Mellah" mit engen, krummen Gassen und hohen Mietshäusern. Im Innern zeigen die Häuser einen gewissen Reiz. Die Zimmer sind geräumig und von origineller Art. Die reichsten Familien, selbst die Eigenthümer brauchen nur ein einziges Zimmer, in dem sie empfangen, speisen und in welchem die ganze Familie schläft. Die verheirateten Kinder wohnen ebenfalls darin. Des Tages sieht man dort eine große Zahl Matratzen wie einen Luxusartikel ausgebreitet; je reicher man ist, desto mehr Matratzen hat man. Man kann sich denken, welche Ausbreitung diese Zimmer haben müssen, wenn sie manchesmal 20—30 Personen beherbergen. Die Heirathen sind von einer bedauernswürdigen Frühzeitigkeit. Die Knaben heiraten oder vielmehr man verheiratet sie im Alter von 12—13 Jahren, die Mädchen im Alter von 1—8 Jahren. Dadurch ist die Ehescheidung sehr gewöhnlich. Es gibt in der Schule einen Knaben von 15 Jahren, welcher schon geschieden ist; 15 Schüler sind verheiratet und 20 andere sind verlobt. Diese jungen Leute sind kaum 13 und 14 Jahre alt. Durch seine Kleinheit und Abgesperrtheit ist der Mellah ein Ort vieler ansteckender Krankheiten, die tödtlichen Fieber sind hier einheimisch, man sagt, dass die letzte Choleraepidemie in die jüdische Bevölkerung die Fieber gebracht habe. Die Gemeinde ergreift Maßregeln zur Affanirung dieses Viertels, aber es sind starke beharrliche Kräfte nothwendig, um in eine solche Lage eine Verbesserung zu bringen. Von anderer Seite erhält das Comits Central eine interessante Mittheilung durch die israelitjche Gemeinde von Tanger: ,Während beinahe im ganzen Oriente die Einnahmen der Gemeinde aus verschiedenen Quellen geschöpft sind, Import von Käse, Wein, Fleisch, persönliche Steuern, ist es in Tanger beinahe einzig und allein das Fleisch, welches alle Kosten deckt. Durch das Fleisch wird mehr als die Hälfte der jährlichen Ausgaben gedeckt. Die Armen, welche in Tanger eingeboren sind, betragen kaum Tausend an Zahl und die Hälfte "der Ausgaben würde hinreichen, um ihr Elend zu beheben, aber der größte Theil der armen Juden von Tanger sind Fremde, die aus allen Theilen von Marocco, Leraife, Arzila, Mogudor, Mequinez, u. s. f. zu uns gekommen sind, die einen, um Arbeit zu juchen, die andern, um Unterstützung bei ihren Brüdern in Tanger zu finden, die sie alle für reich halten. Die Gemeinde befindet sich augenblicklich in einer financiellen Krise schwerster Art, die jedoch nicht dem Einflüße der Armen zuzuschreiben ist. Folgendes ist ihre Ursache. Das Schlachten der Thiere trug der' Gemeinde 3.50 Francs per Kopf für den rituell getüdteten Ochsen ein und